Zum Zahnarzt trotz Nadelphobie

Ja, kein Mensch mag es, mit einer Nadel gestochen zu werden. Aber es gibt riesige Unterschiede. Während manche Menschen leicht genervt, aber irgendwie doch achselzuckend über die Blutabnahme oder Betäubungsspritze hinwegsehen, tun sich andere richtig schwer. Wer unter einer Nadelphobie leidet, hat ein ernstes Problem. Das kann allerdings manchmal ganz schnell gelöst werden, wie das Beispiel zum Schluss des Artikels zeigt.

Aber erst einmal möchte ich hier Tipps zusammentragen, die dem einen oder anderen Nadel-Angst-Patienten vielleicht nützlich sind. Hoffentlich! Bitte melden, wenn das nicht der Fall ist! Auch über weitere Tipps freue ich mich. Noch ein paar kurze Vorbemerkungen.

Hast du Panik?

Schon der Gedanke an Nadeln kann zu heftigen Reaktionen führen, Bilder von Nadeln ebenfalls und echte Nadeln sowieso. Der Schweiß macht Hände und Körper feucht, das Herz schlägt schneller, echte Panikattacken und Ohnmacht sind möglich. Für Menschen mit Nadelphobie ist eine Impfung, eine Blutanalyse oder eine Lokalanästhesie beim Zahnarzt mindestens eine Herausforderung, manchmal aber auch unmöglich.

Brauchst du einen Profi?

Ganz im Ernst: Die folgenden Tipps sind nicht für jeden geeignet. Manchmal muss einfach ein Profi ran. Ob das bei dir der Fall ist?

Auch dann musst du nicht den Rest deines Lebens vor jeder Spritze oder Akupunkturnadel Angst haben. Auch du kannst dir einen Profi suchen. Die Auswahl an Therapien und Therapeuten ist groß. Neugierige Menschen mit etwas Geld in der Brieftasche sind bei der Auswahl klar im Vorteil. Alle anderen machen sich auf die Suche nach einem möglichst sympathischen Psychotherapeuten oder Facharzt für Psychiatrie, dessen Leistungen von der Krankenkasse übernommen werden. Verhaltenstherapie oder Gesprächstherapie, Psychoanalyse oder was auch immer – ein Nachteil sind meistens die langen Wartezeiten auf einen ersten Termin. Ein Grund also, möglichst schon vor dem nächsten Notfall mit Spritze zum Profi zu gehen und einen ersten Termin auszumachen. Vielleicht sogar schon übermorgen?

Top 10 gegen die Nadelphobie

1. Flucht

Natürlich ist es keine Lösung, einfach zu flüchten. Es ist sogar das Gegenteil einer Lösung. Aber der Vollständigkeit halber gehört diese Möglichkeit einfach zu den Top 10. Schließlich hat fast jeder von uns schon einmal daran gedacht, einfach abzuhauen, oder?

Ich finde es wichtig, sich vor dem Anblick der Praxistür zu entscheiden, ob Flucht eine Möglichkeit ist. Und natürlich habe ich schon entschieden. Aufgeben ist keine Option, oder?

2. Behalte die Kontrolle!

Du hast die Möglichkeit, nach einem Arzt zu suchen, der dich ernst nimmt. Klar, wer auf dem Land wohnt, Drillinge im Windelalter und eine pflegebedürftige Großmutter betreut, der hat es schwerer als andere. Aber dieser Schritt, die Suche nach einem guten Zahnarzt, mit dem ein Vertrauensverhältnis entstehen könnte, der ist wichtig.

Der nächste Schritt ist dann aber mindestens genauso wichtig: Sprich mit ihm und/oder mit einer Mitarbeiterin über deine Angst! Der Zahnarzt kann nicht riechen, wo deine Probleme sitzen. Er ist bestimmt nicht scharf darauf, Patienten mit Panikattacken zu erleben. Also wird er motiviert sein, auf deine besonderen Wünsche einzugehen. Du musst „nur“ den ersten Schritt tun und ihm sagen, dass du ein gewisses Problem mit Nadeln hast. Sag es am besten laut und deutlich.

3. Mach dir klar, welchen Sinn die Nadel hat!

Du hast dich trotz deiner Angst entschieden, die Spritze zu bekommen. Gut! Falls die Angst im Behandlungsstuhl aber wieder hoch kommt, versuchst du am besten, dir die Gründe für deine Entscheidung noch einmal vor Augen zu führen: „Ich will diese Spritze bekommen, weil sie meinen Schmerz sanft einwickelt“, könntest du zum Beispiel sagen. Oder: „Diese Spritze hilft mir, den schlechten Zahn loszuwerden“. Oder: „Wenn ich diese Behandlung mit Hilfe der Spritze gut überstehe, kann ich wieder schmerzfrei essen“.

Manchen Menschen hilft es auch, sich diese Gedanken aufzuschreiben. Notfalls kann man dann im Behandlungsstuhl das Stück Papier aus der Tasche ziehen und noch einmal durchlesen.

4. Lern eine Entspannungstechnik!

Die meisten Menschen mit Nadelphobie denken, dass ihre Angst so groß ist, dass ein Versuch mit Entspannungstechniken sich nicht lohnt. Ich glaube, das ist verkehrt. Deshalb rate ich dazu, einfach mal einen Versuch zu machen. Geh zu einem Profi oder eine such eine tolle Anleitung im Internet. Und dann: einfach daran glauben und ausprobieren!

5. Konzentrier dich auf etwas anderes!

Nimm deine Steuererklärung mit zum Zahnarzt, ersatzweise tut es auch ein Krimi oder eine Sammlung von Backrezepten. Eine beliebte Rechenaufgabe besteht darin, von 100 jeweils 7 abzuziehen. Es ist egal, womit du dich ablenkst. Hauptsache, es wirkt.

Mir gefällt die Geschichte von der Mutter mit Zahnarztangst immer wieder gut, die trotz Zahnarztangst in die Praxis muss und zum ersten Mal das Baby dabei hat. Sie ist so mit der Sorge beschäftigt, das Kind könnte im falschen Moment in Geschrei ausbrechen, dass sie ganz „vergisst“, sich auf ihre Angst zu konzentrieren.

6. Hilft Wegschauen?

Es gibt Menschen, für die es eine große Hilfe ist, wenn sie die Nadel nicht sehen. Wenn das bei dir der Fall ist, besprich es mit dem Zahnarzt und den Mitarbeiterinnen – und zwar, bevor du ins Behandlungszimmer gehst. Oder du nimmst eine Schlafmaske mit, die dich von allen optischen Eindrücken abschirmt.

7. Oder hilft Hingucken?

Andere Menschen erleben es als weniger unangenehm, wenn sie genau sehen und mitbekommen, was passiert. Ich kenne eine junge Frau, die ihre Angst in den Griff bekam, nachdem sie einmal zuschauen durfte, wie ihre Freundin eine Betäubungsspritze bekam.

Vielleicht ist es für dich sogar angenehmer, wenn du die Spritze selbst in die Hand nehmen darfst? Hier wird von genau so einer Patientin berichtet, die die Nadel selbst führen wollte und das auch durfte.

8. Betäubungscreme

Es gibt für besonders empfindliche Patienten – für dich also! – betäubende Cremes. Wenn das Zahnfleisch entsprechend vorbehandelt wird, spürt man den Einstich nicht mehr. Eine entspannende Vorstellung, oder?

9. Fest zudrücken

Angstprofis schwören auf den Anti-Stressball: ein kleiner weicher Ball, den man bei steigender Anspannung immer fester drücken kann. Ob das auch bei Spritzenangst hilft? Und ob man alternativ auch einen Teddy einsetzen könnte? Keine Ahnung. Ach was, bestimmt hilft so ein Anti-Stressball ganz wunderbar!

10. Ach, das bisschen Spritzenangst

Mit einem Vergleich kannst du die Panik möglicherweise austricksen. Stell dir vor, deine kleine Schwester bekommt Diabetes und muss lernen, sich täglich zu spritzen. Oder deine Oma liegt mit irgendeiner scheußlichen Krankheit im Bett und muss Schmerzmittel über eine Infusion bekommen, wo der Zugang immer mal wieder neu gelegt werden muss.

Verglichen damit – so der Trick – geht es dir verdammt gut. Ab und zu mal eine Spritze beim Zahnarzt ist auszuhalten, wenn man die anderen Bilder als Vergleichsmaßstab anlegt.


Ich hoffe, der eine oder andere Top-10-Tipp gegen Spritzenangst hat euch einen kleinen Kick gegeben. So nach dem Motto „ach ja, das könnte ich eigentlich vielleicht eventuell mal probieren“. Hier kommt jetzt noch die Geschichte über die super schnelle Heilung einer Spritzenphobie.

Spritzenphobie in Minuten geheilt

Dr. med. univ. Allan Krupka hat seit 1986 eine Praxis für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Wien. Er hat sich auf Hypnose spezialisiert. In einem Artikel* beschreibt er eine ungewöhnliche Art von Therapie gegen Spritzenangst.

Der letzte Patient war verabschiedet und der Zahnarzt freute sich nach einem viel zu langen Arbeitstag auf seinen Feierabend. Da schob die Assistentin noch einen allerletzten Patienten ins Behandlungszimmer. Krupka hätte ihn am liebsten wieder nach Hause geschickt, aber angesichts der langen Anreise des Patienten riss er sich zusammen und begrüßte den Patienten. Der berichtete von einer jahrelang bestehenden Nadelphobie.

Der Zahnarzt antwortete mit einer Frage: „Sie haben zwei Möglichkeiten, Ihre Nadelphobie ein für alle Mal loszuwerden: eine schnelle und eine langsame Variante. Die schnelle dauert eine Minute, die langsame drei Minuten. In welcher Zeit wollen Sie Ihre Nadelphobie endgültig loswerden?“ Nach kurzem Zögern entschied sich der Patient für die schnelle Lösung.

Der Zahnarzt forderte ihn auf, eine Hautfalte auf dem Handrücken anzuheben. Als der Patient das getan hatte, stach Krupka eine feine Nadel hindurch und kommentierte: „So! Jetzt habe ich Ihnen gezeigt, wie das funktioniert. Jetzt sind Sie dran.“ Er nahm eine zweite Nadel und gab sie dem Patienten. Dann zog der Zahnarzt bei sich eine Hautfalte auf dem Handrücken hoch und forderte ihn auf, diese Nadel hineinzustechen. Der Patient war perplex, folgte dann aber der Anweisung des Zahnarztes und stach zu.

Seit diesem Tag war er bei Krupka in Behandlung wie andere Patienten auch.

 

*Krupka A: Die schnelle Nadel. DZzH 1 / 2012

 

 

 

Auschra

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