Zahnarztangst überwinden: „ohne Stress und langsam“

Viele Menschen mit Zahnbehandlungsangst können sich nur eine Behandlung in Vollnarkose vorstellen. Oder mit starken Beruhigungsmitteln. Angstexperte Stefan beschreibt, warum er das für sich und seine Frau nicht wirklich hilfreich findet. 

Stefan, du hast selbst Angst vor der Zahnbehandlung und deine Frau auch? Erzähl mal.

Stefan: Meine Frau hat richtig Panik, leider. Sie hat als Kind schlechte Erfahrungen mit einem Zahnarzt gemacht. Dann ist sie lange Zeit nur zum Zahnarzt gegangen, wenn es sich überhaupt nicht mehr vermeiden ließ. So ungefähr im Jahr 2000 oder 2001 hat sie dann Schritte unternommen, um eine Komplettsanierung zu machen. Damals gab es bei uns die ersten Spezialzahnärzte, die sich auf Angstpatienten spezialisiert hatten. Einer davon war recht gut, allerdings mussten wir 60km hin und 60km zurückfahren…

Und dann habt ihr es aufgegeben?

„Sie hat Dormicum genommen
und sich nicht mit der
Angst auseinandergesetzt“

Stefan: Nein, sie hat diese Leck-mich-am-Arsch-Tabletten bekommen, Dormicum halt, und alles in einer Sitzung auf einen Schlag machen lassen. Bloß hat sie sich mit dem Thema Angst nicht auseinandergesetzt. Heute denke ich, das war nicht so gut. Man muss den Dämonen kennen und wissen, wie man ihn bekämpft. Mit Drogen und Hypnose kommt man irgendwie nicht weiter, was die eigene Angst angeht.

Und du?

Stefan: Ich habe den harten Weg gewählt. Also Augen zu und durch! Anders ging das nicht. Es sind einfach zu viele Hürden, wenn man erstmal zum Psychologen muss wegen der Vollnarkose. Diese Arztklapperei war nichts für mich. Aber ich habe meine Angst inzwischen eigentlich ganz gut im Griff.

Aber deine Frau nicht?

Stefan: Sie war erst ganz glücklich. Der Zahnarzt wollte eigentlich nach der großen Dormicum-Behandlung noch was anderes machen, aber das hat sie verdrängt. Es wird halt alles aufgeschoben und nur gemacht, was sich gar nicht vermeiden lässt.

Habt ihr einen Plan, wie es weitergehen könnte?

Stefan: Im Augenblick ist es gerade ein bisschen schlecht. Sie hat berufliche Veränderungen vor sich, die Kinder ziehen gerade aus, das schlaucht alles ganz schön. Das private Umfeld muss erst ein bisschen ruhiger werden, bis man die Zahnarztangst in Angriff nehmen kann.

Was stellst du dir vor, wie könnte es klappen?

Stefan: Minischritte. Ich muss das Thema immer wieder ansprechen und so mit der Zeit eine Hyposensibilisierung erreichen. Sie muss sich damit befassen, aber langsam, immer wieder.

Hast du denn einen guten Zahnarzt, den sie vielleicht auch mal ausprobieren könnte?

Stefan: Ich habe zum Glück eine tolle Zahnärztin gefunden. Früher bin ich da immer rumgehoppelt, weil einige Zahnärzte eben auch Mist gemacht hatten. Jetzt habe ich eine Zahnärztin, die hat sich erstmal mit mir hingesetzt und wir haben geredet.

„Die Zahnärztin hat
sich erstmal hingesetzt
und wir haben geredet“

Sie hat einfach gesagt: „Erzählen Sie mal“ und dann haben wir so 20, 30 Minuten bloß gequatscht. Sie ist feinfühlig und hat mein Problem auch erkannt. Ich bin ein Stressfresser, bin viel im Außendienst unterwegs, man beißt sich durch. Sie hat erkannt, was los war und die passende Therapie gehabt. Zu ihr habe ich höchstes Vertrauen und ich gehe tatsächlich ohne Angst in ihre Praxis. Das ist fast wie ein Wellness-Urlaub (lacht).

Wäre die auch was für deine Frau?

Stefan: Vielleicht. Wenn sie da ohne Stress lernen würde, ganz langsam, nach und nach. Das würde ihre Angst vielleicht langfristig beseitigen. Dieses Konzept in drei Schritten dagegen, das ist nichts für sie.

Was für ein Konzept?

Stefan: Drei Stufen: Beratung, Sanierung, Kontrolle – das geht für sie halt nicht so einfach. Sie braucht mehr Zeit.

Das heißt, auch eine preisgünstige Behandlung im Ausland wäre für sie nichts?

Stefan: Ich glaube, das ist für Angstpatienten sowieso nichts. Wenn man zur Behandlung ins Ausland geht, will man die Zeit doch auch als Urlaub genießen. Das kann ein Angstpatient nicht. Planen ist ja schon schwierig. Sie geht halt meistens, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Also typischerweise zum Notdienst am Wochenende.

„Zahnbehandlung im
Ausland ist nichts für
Angstpatienten“

Das hatte ich dir schon mal als Achterbahngefühl beschrieben: Es geht langsam los, wenn man nach oben gezogen wird. Dabei wird die Angst immer größer, die Anspannung steigt. Dann ist man oben im Zenit und – zack – geht die Fahrt los. Es geht hoch und runter, vielleicht gibt es auch mal einen Rückschlag, aber dann ist das Ziel erreicht. War es das jetzt? Schon fertig? So weit war meine Frau, als wir uns kennengelernt haben. In einem Forum für Angstpatienten, in Zeiten, als es noch kein Facebook gab.

Ihr habt euch kennengelernt, weil ihr beide Zahnbehandlungsangst habt?

Stefan: Ja, genau. Aber ich wollte noch was zum Geld sagen. Die Reparaturen, die bei uns fällig werden, kosten Zehntausende von Euros. Man geht zu einem Zahnarzt, der für Angstpatienten empfohlen wird und vertraut ihm. Aber wenn man dann hört, dass ein Arzt zum Beispiel ein Implantat setzt, wo es nicht nötig gewesen wäre, bloß um Geld zu verdienen – das ist sehr traurig. Dann geht man als Angstpatient wieder gar nicht mehr zum Zahnarzt.

Dann wünsche ich dir und deiner Frau alles Gute und Schritt für Schritt zu schönen Zähnen!

 

Auschra

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