Was macht die Angst mit dir?

Angst ist nicht nur ein Gefühl, das man mit dem ganzen Körper spürt. Man kann vor Angst zittern, den Herzschlag im Hals oder Bauch fühlen, man kann vor Angst fast ersticken oder in seinem Angstschweiß gefühlt ertrinken. Angst kann auch nützlich sein! Wenn du Angst hast, wirst du dadurch zum Beispiel aufmerksamer und beschäftigst dich intensiver mit dem Thema. Du kannst Angstexperte werden, Zahnarztangstexperte!

Darf man die Angst vor dem Zahnarztbesuch mit der Angst eines Kletterers vergleichen? Ich versuche es mal. Wer in senkrechten oder überhängenden Wänden klettert, der kennt die verschiedenen Seiten der Angst. Vor dem Einstieg in die Route ist eine gesunde Vorsicht ein guter Ratgeber, um sich nicht zu überschätzen. Beim Klettern schränkt Angst dagegen ein. Zitternd kann man nicht gut klettern.

Warum üben Kletterer zu stürzen?

Wer klettert, der kann auch fallen – und diese Vorstellung macht Angst. Anfängern jedenfalls. Um von der Angst nicht eingeschränkt zu werden, trainieren Kletterer das Stürzen. Als Gegenmittel zur Angst sozusagen! Man springt freiwillig ins Seil, um sich an den Sturz ins Leere zu gewöhnen. An den Schreck, das Fallen und vor allem daran, dass das Seil einen auffängt. Man stellt sich den Sturzablauf genau vor, um im Fall des Falles optimal vorbereitet zu sein. Die Idee dabei heißt: An der Angst vor dem Sturz soll die sportliche Leistung nicht leiden.

Im Gegensatz zum Patienten mit Zahnarztangst hat sich der Kletterer seinen Sport allerdings ausgesucht. Klar, zugegeben, das ist ein wichtiger Unterschied! Trotzdem glaube ich, dass der Zahnarztangstexperte vom Kletterer lernen kann.

Zahnarztangst wegtrainieren

Kann man den Umgang mit Zahnarztangst trainieren wie ein Kletterer? Ich kannte mal eine Frau, die unbedingt klettern lernen wollte. Aber sie hatte Höhenangst. Kaum war sie 2m über dem Boden, konnte sie nicht mehr nach unten schauen. Im Klettergarten haben wir dann einfach stundenlang geübt. Sie ist ein paar Schritte geklettert, bis sie sich nicht mehr wohlgefühlt hat. Dann hat sie sich ins Gurtzeug gesetzt, hat nach rechts und links geschaut, nach oben und unten und irgendwann ging es einen Schritt weiter. Sie hat tatsächlich gelernt, die Angsthöhe zu verändern.

Man kann sich auch gedanklich mit der Angst auseinandersetzen, sich die Angst möglichst genau ansehen. Vielleicht hilft es, die Befürchtungen sorgfältig bis zu Ende zu denken, um das neue, noch unbekannte Terrain zu erforschen. Welche wahrscheinlichen oder unwahrscheinlichen Gefahren gibt es? Was kann ich vorbereiten, welche Risiken habe ich nicht im Griff? Will ich den Weg trotzdem einschlagen?

Training gegen die Angst!

Ein einfaches Training wäre es, mal in einer Praxis vorbei zu gehen, wenn man gerade keine Zahnschmerzen hat. Einfach kurz gucken – und wieder gehen. Oder noch besser: einen Termin zur Kontrolle ausmachen.

Wie ein Bergsportler kann man vor der Behandlung auch den Standpunkt einnehmen, dass man für Sicherheit gesorgt hat. Der Kletterer weiß, dass er sich auf sein Seil, das Material und den Standplatz verlassen kann. Das beruhigt enorm. Der Mensch mit Zahnarztangst weiß hoffentlich auch, dass er sich auf seinen Zahnarzt verlassen kann. Das funktioniert natürlich nur, wenn er ihn schon kennt. Im Notdienst wird das schwieriger.

Das Kennenlernen des Zahnarztes samt Vertrauensaufbau scheint das größte Problem zu sein.

Sich auf die eigene Stärke besinnen

Wer glaubt, den Anforderungen einer Kletterroute nicht gewachsen zu sein, der lässt lieber die Finger von dem Vorhaben – es würde schiefgehen! Der Kletterer muss sich beim Blick in Richtung Route ernsthaft fragen und ehrlich antworten: Kann ich das und will ich das? Lautet die Antwort „ja“, dann sollte er sich den Glauben an die eigene Stärke nicht mehr nehmen lassen.

Was macht dich stark?

Auch Menschen mit Angst vor der Zahnbehandlung können sich auf die eigenen Stärken besinnen. Was kannst du, wo wird es eng? Welche Vorteile hast du, die dir den Weg zum Zahnarzt ermöglichen? Vielleicht gibt es eine Erfahrung, die dich im letzten Jahr gestärkt hat. Wer eine Krankheit, Trennung oder sonst etwas Unschönes durchgestanden hat, der schafft auch den Zahnarztbesuch. Deine Stärke könnte auch in dem Wissen bestehen, dass du Menschen hast, die dir beistehen. Kinder, die zu dir aufschauen und für die du ein gutes Vorbild sein willst.

Du weißt, dass die anstehende Behandlung notwendig ist. Das hilft dir dabei, die unangenehmen Seiten der Sitzung wegzustecken. Vielleicht hast du auch eine tolle Erfahrung gemacht, die dir eine neue emotionale Stärke gegeben hat. Sag dir: „Ich kann das, weil…“

Mentale Vorbereitung

Mentale Stärke ist für den Bergsportler weit mehr als Angstbewältigung. Neben Angstfreiheit braucht er auch Konzentrationsfähigkeit. Die richtige Mischung aus Anspannung und Entspannung ist wichtig, um gut zu sein. Kletter-Experten raten deshalb zu mentalem Training, progressiver Muskelrelaxation oder Tai Chi.

Sicher auch für Angstpatienten keine schlechte Idee. Ich habe hier schon einige Methoden vorgestellt: Hypnose zum Beispiel, Mikrostrom oder Jin Shin Jyutsu. Zur mentalen Vorbereitung gehört auch die Überlegung, womit du dich gedanklich beschäftigen willst, wenn du im Wartezimmer bist? Oder worüber du nachdenkst, während du auf dem Behandlungsstuhl sitzt.

Du musst dem Gefühl „oh-nein-bitte-nicht-bohren-habe-angst“ nicht total ausgeliefert sein. Als Gegenmittel könntest du dir ein gedankliches Erinnerungskästchen mitnehmen, das ich du Bedarf im Kopf öffnen kannst. Zum Beispiel kannst du an eine Situation denken, die du erfolgreich durchgestanden hast. Oder an dein Wunschziel, die schönen strahlenden Zähne, mit denen du schmerzfrei in ein leckeres Essen beißt.

Vertrauen in den Partner

Beim Klettern hängt das eigene Leben davon ab, dass der Kletterpartner richtig sichert. Hellwach muss er sein, konzentriert und körperlich fit. Sonst kann man ihm nicht vertrauen. Ein schlechter Kletterpartner kostet Energie und schwächt, weil man ihm nicht vertraut.

Der Zahnarzt als dein Partner

Auch dem behandelnden Zahnarzt musst du Vertrauen entgegenbringen. Und das kannst du auch! Er ist hoffentlich kein Fremder für dich, sondern du kennst ihn und weißt, warum du ihm deinen Mund anvertraust.

Sieh ihn als deinen Partner an, der dir hilft, diese „Bergtour“ erfolgreich zu meistern. Es ist oft von Vorteil, wenn man den Partner schon eine Zeitlang kennt und wirklich weiß, dass er sein Bestes gibt.

Die Route genau besichtigen

Bevor es losgeht, prägt sich der Kletterer ein klares Bild von der Route ein. Wie ist die Routenführung? Stimmt das Wetter? Wie schwer ist die Tour? Wo warten die Schlüsselstellen? Welches Material brauche ich an welcher Stelle? Je klarer diese Fragen beim Einstieg beantwortet werden können, desto besser.

Wenn du eine harte Therapie beginnst, dann hilft es dir vielleicht auch, wenn du genau weißt, was dir bevorsteht. Wissen reduziert die Angst vor dem Unbekannten. Es entspannt dich, wenn du weißt, was du erwarten kannst.

Allerdings: Ich habe tatsächlich Menschen kennengelernt, die nicht wissen wollten, was auf sie zukommt. Da war ich ziemlich hilflos. Vielleicht kann mir das mal jemand erklären?

Schämen hilft nicht

Kletterer ärgern sich vielleicht, wenn ihnen ein Versuch misslingt. Sie fragen sich, warum das nicht geklappt hat. War die Route zu schwer, das Glas Wein am Abend vorher zu groß oder die Sonne zu heiß?

Ich habe jedenfalls nie einen Kletterer gesehen, dem es peinlich war, wenn er eine Route nicht geschafft hat. Warum sollte man sich dafür schämen, dass man ins Seil gefallen ist? Man versucht es, so lange man die Energie hat. Dann gibt man auf – bis zum nächsten Mal oder für immer. Das entscheidet jeder für sich. Es ist Zeitverschwendung, darüber nachzudenken, wer alles gesehen hat, wie man an dieser Stelle gekämpft und verloren hat. Es ist egal.

Behandlungsstuhl oder Beichtstuhl?

Angstpatienten kämpfen oft viel mehr mit ihrer Scham als mit ihrer Angst. Warum kannst du nicht dazu stehen, wie es ist? Du bist jahrelang nicht zum Zahnarzt gegangen, also sehen deine Zähne nicht aus wie die in der Zahnpastawerbung. Geht es den Zahnarzt überhaupt etwas an, warum du nicht zur Kontrolle gegangen bist? Er soll deine Zähne wieder in Ordnung bringen, mehr nicht. Der Behandlungsstuhl ist doch kein Beichtstuhl. Wenn du dein Auto nicht pflegst, dann schämst du dich doch auch nicht vor dem Automechaniker. Steh zu dir, zeig der Welt deine Zähne.

Volle Konzentration – und los!

Der letzte Moment, bevor man mit der Kletterroute startet, ist still: Man geht in sich, konzentriert sich auf sich selbst. Andere Menschen spielen keine Rolle mehr, es sind alle Fragen geklärt und alle Störquellen ausgeschaltet. Ein letzter Check und es kann losgehen.

Auch als Patient in der Zahnarztpraxis kommt der Punkt der Entscheidung, wo du dich nicht mehr ablenken lassen solltest. Du hast alle Informationen gesammelt, die du brauchst und deine Entscheidung getroffen. Jetzt steht diese zahnärztliche Reise im Mittelpunkt. Du fragst nicht mehr, ob du das willst, sondern machst den nächsten Schritt: los!

Viel Erfolg!

Auschra

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