„Viele Angebote helfen bei Dentalphobie“

Dr. Andrea Psoch hat Zahnmedizin studiert. Eine Zahnarztpraxis hat sie allerdings nicht eröffnet, sondern sich stattdessen als Heilpraktikerin selbstständig gemacht. Ihre Zielgruppe sind Menschen mit Angst vor der Zahnbehandlung. Ihnen kann sie mit verschiedenen Naturheilverfahren helfen, angstfrei zum Zahnarzt zu gehen.

Warum haben Sie sich eigentlich nicht als Zahnärztin niedergelassen?

Psoch: Ich habe 12 Jahre lang an verschiedenen Uni-Kliniken gearbeitet, da ging es besonders um den Bereich von Kiefergelenkserkrankungen, um CMD-Patienten also. Die übliche Behandlung dieser Patienten besteht in der Anpassung von Aufbissschienen, Knirschschienen. Allerdings sind diese CMD-Erkrankungen oft psychisch verursacht. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass man mit einer Schienenbehandlung alleine nicht allzu weit kommt. Die Ursache liegt oft ganz woanders, Stress ist ein typischer Auslöser. Ich habe jedenfalls gemerkt, dass die Schiene nur wie ein Pflaster auf einer Wunde wirkt und nicht an die Ursache heran geht. Also habe ich mich aufgemacht und geschaut, was man noch machen kann. Ich bin bald auf alternative Therapie-Richtungen gestoßen, in erster Linie auf Akupunktur, aber auch auf Bachblüten oder Schüssler-Salze zum Entspannen. Ich habe mich immer intensiver damit befasst…

„Lieber die Ursache
der Beschwerden
behandeln“

Moment, Sie haben in der Klinik mit Bachblüten gearbeitet?

Psoch: Nein, ich konnte diese Verfahren in der Klinik nicht anwenden. Da gab es nur Schienen, Physiotherapie und als dritten Schritt die Überweisung in die Psychosomatik. Diese Behandlung half nicht allen Patienten wirklich gut. Und ich spreche von Patienten mit einem hohen Leidensdruck! In dem engen Korsett der Schulmedizin habe ich mich immer weniger zurechtgefunden, habe die Klinik verlassen und bin erstmal in eine Praxis für ganzheitliche Zahnheilkunde gegangen. Da habe ich den Leidensdruck der Patienten kennengelernt, die richtig große Angst vor der Zahnbehandlung haben.

Sie sind nicht in dieser Praxis geblieben.

„Der wirtschaftliche Druck
in der Zahnarztpraxis
ist hoch“

Psoch: Ja. Ich brauche für die Behandlung eines Angstpatienten deutlich mehr Zeit als für die Behandlung anderer Patienten. Diese Zeit ist aber in der Zahnarztpraxis oftmals nicht gegeben, da besteht ein sehr hoher wirtschaftlicher Druck. Man kann sich nicht endlos Zeit nehmen, den Patienten schrittweise zu desensibilisieren. Das ist schon frustrierend. Ich bin dann immer weiter in diesen Sektor von Therapien vorgedrungen, die man außerdem auch noch machen kann, Klopftherapie und so weiter. Es gibt wirklich eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Patienten von seinem Stress runterzubringen. Aber das rechnet sich in der Praxis nicht. Als angestellter Zahnarzt konnte ich das in der Praxis auch gar nicht selbst entscheiden, da muss man Umsatz bringen. Also habe ich neben der Arbeit als angestellte Zahnärztin eine Heilpraktiker-Ausbildung gemacht und 2016 die Prüfung absolviert. Seit 2017 bin ich selbstständig als Heilpraktikerin. Allerdings dürfen Heilpraktiker nichts an den Zähnen machen.

Sie hätten auch eine kleine Zahnarztpraxis für Angstpatienten aufmachen können, oder?

Psoch: Da braucht man trotzdem einen Stuhl und Personal, die Nummer war mir erstmal vom wirtschaftlichen Druck her zu groß. Patienten mit Angst kommen ja mit der Hoffnung oder auch mit dem Anspruch, der Zahnarzt soll ihnen die Angst nehmen. Das ist allerdings nicht der Job des Zahnarztes. Jeder Mensch ist selbst für seine Ängste zuständig. Das ist, als würde man mit seinem Auto zum KFZ-Mechaniker gehen und ihm den Auftrag geben, für ein Fahren ohne Stau zu sorgen. Der Patient ist für sich verantwortlich und muss schauen, wie er es schafft, mit seiner Angst umzugehen oder wie er es schafft sie aufzulösen. Ich muss es wirklich noch einmal sagen: Schritt für Schritt durch die Angst durchgehen – das ist nicht Aufgabe des Zahnarztes. Im Grund ist der Patient nur dann frei von seiner Angst, wenn es egal ist, welcher Zahnarzt ihn behandelt.

„Angst vor dem Zahnarzt
ist ein Massenphänomen“

Dentalphobie ist ziemlich häufig, oder?

Psoch: Ja. Die meisten Menschen haben irgendwie Angst vor dem Zahnarzt, das ist ein Massenphänomen. Viele gehen mit Herzrasen, Durchfall und Schwitzen zum Zahnarzt. Vor allem kommt es aber darauf an, ob der Patient überhaupt willens ist, seine Ängste aufzulösen. Das ist ja eine innere Entscheidung. Viele wollen da nicht ran.

Welche Angebote haben Sie für diese Patienten?

Psoch: Viele Angebote helfen bei Dentalphobie. Wichtig ist mir, dass die Behandlung individuell passen muss. Männer wollen oftmals nicht in alte Traumata reingehen und sich zum Beispiel daran erinnern, was der Zahnarzt in der Kindheit mit ihnen gemacht hat. Frauen sind oft eher bereit dazu, so eine Erinnerung noch einmal zu durchleben und aufzulösen. Männer akzeptieren eher als Frauen eine Hilfe durch Akupunktur. Ganz häufig muss man sich auch anschauen, ob der jahrelange Stress durch die Angst den Haushalt an Vitaminen und Mineralien durcheinandergebracht hat. Starke Angst sorgt dafür, dass bestimmte Vitamine und Spurenelemente verbraucht werden. Da muss man oft Unterstützung leisten und den Menschen von seinem sympathikotonen Trip runterholen.

„Klopftherapie wirkt sehr effizient
gegen Dentalphobie“

Bitte, was?

Psoch: Der Sympathikus ist der Teil des vegetativen Nervensystems, der den Organismus auf eine Aktivitätssteigerung einstellt, Kämpfen oder Fliehen sind die Stichworte. Um davon runterzukommen brauchen manche Menschen nicht nur Entspannungstechniken, sondern z.B. auch Kalium und/oder Magnesium. Wenn das fehlt, ist das Entspannen schwer. Aber natürlich biete ich auch Therapien an, mit denen das Entspannen leichter fällt. Zum Beispiel die Klopftechnik nach Franke, kurz MET, oder auch Akupunktur.

MET heißt Meridian-Energie-Klopftechnik, oder? Wie funktioniert das?

Psoch: In dem Moment, wo man in einem bestimmten emotionalen Zustand ist, werden Energiequalitäten durch die Meridiane geschickt. Aus der TCM wissen wir, dass diese Energiequalitäten Ausdruck verschiedener Gefühle sind. Im Niere-Blasen-Meridian kursieren zum Beispiel Gefühle wie Angst, Schock und Schrecken. Dieses starke Gefühl stresst das gesamte Energiesystem. Bei der Klopftechnik werden die Anfangs- und Endpunkte der Meridiane beklopft, um den Energieimpuls zu lockern. Gleichzeitig verharrt der Patient in diesem Gefühl und sagt zum Beispiel laut: ‚meine Angst vor den Schmerzen’ oder ‚meine Angst vor der Spritze’. Es werden die Anfangs- und Endpunkte der Meridiane durchgeklopft. Dabei spürt man dann häufig, dass sich die Gefühlsqualität ändert. Anfangs geht es zum Beispiel um die Angst vor Schmerzen, das Gefühl verändert sich dann in Angst vor dem Ausgeliefertsein oder Angst vor dem Kontrollverlust. Dann fängt man diese Serie wieder an und klopft so lange, bis die Angst ganz klein geworden ist.

Das ist schwer vorstellbar. Wie lange dauert denn so eine Klopftherapie?

Psoch: Wie lange das dauert, ist vorher schwer zu sagen, weil man ja nie sagen kann, was unter der ersten Angst noch so zwiebelschalenartig drunter liegt. Viele Patienten sind auch nur bereit, bis zu einer bestimmten Grenze zu gehen. Noch eine Ebene tiefer und sie würden vielleicht auf etwas sehr Verborgenes stoßen. Da können Ereignisse hochkommen, an die die Patienten in der Situation nicht rangehen wollen, was dann okay ist. Das muss man auch nicht, es ist ja auch schon eine Erleichterung, wenn man die äußere Schicht der Angst bearbeitet hat. Der Patient gibt das Tempo vor.

„Geruch ist
ein typischer Auslöser von
Zahnbehandlungsangst“

Und das wirkt tatsächlich bei jedem und überall?

Psoch: Das ist eine Methode, die in akuten Stresssituationen gut wirkt. Also zu Hause entspannt auf dem Sofa hat das nicht viel Sinn. Der Patient mit Zahnarztangst kann bei mir lernen, sich selbst zu beklopfen, damit er seine nächste Zahnarztsitzung übersteht. Dazu sucht man nach dem Auslöser der Angst, das kann zum Beispiel der typische Geruch in der Praxis sein oder das Geräusch des Bohrers. Diesen Auslöser bietet man vorsichtig an und bringt ihm die Klopftechnik bei. Leider kennen das noch nicht so viele Patienten. Dabei ist MET für alle Angst auslösenden Situationen geeignet, also zum Beispiel auch vor Augen-Operationen oder bei Menschen mit Angst vor Hunden. In der Angstsituation muss man nur wissen, wie man sich stabilisiert. Und das kann man bei mir lernen.

Ich bin ein skeptischer Mensch und muss einfach nochmal fragen, ob das wirklich funktioniert…

Psoch: Die MET-Klopftechnik ist wirklich sehr effizient und gut, sie eignet sich hervorragend bei Zahnarztangst. Man braucht in der Praxis allerdings ein Zeitfenster, weil man vorher nicht weiß, wie lange der Patient braucht, bis er sich auf den Stuhl setzt und den Mund öffnet.

Anderes Thema: Ich bekomme oft mit, dass Angstpatienten ihre Zahnschmerzen lange aushalten und Schmerzmittel nehmen. Irgendwann an einem Wochenende geht es dann nicht mehr und sie gehen zum Notdienst.

Psoch: Ja, das ist dann leider die denkbar schlechteste Situation. Wenn man schon Zahnschmerzen hat, ist die Sicherheit der Betäubung nur eingeschränkt. Bei einer dicken Backe hat das Gewebe einen deutlich saureren pH-Wert als gesundes Gewebe. Das Anästhetikum wirkt jedoch besonders gut, wenn der pH Wert nicht so sauer ist.

„Bei einer dicken Backe kann
die Spritze nicht so gut wirken“

Moment, nicht so schnell. Wie funktioniert eine Betäubungsspritze?

Psoch: Das Anästhetikum versucht, den pH-Wert um den Nerven basischer zu machen, also das Gegenteil von sauer. Wenn das gelingt, kann der Nerv für eine Zeit kein Schmerzsignal mehr weitergeben. Bei einer dicken Backe gelingt das nicht so einfach. Die Spritze wirkt also nicht so gut und der Patient spürt trotz Spritze noch Schmerzen. Das ist der eine Nachteil. Dann gibt es noch einen zweiten Nachteil, wenn jemand seine Schmerzen lange ausgehalten oder betäubt hat:. Es kann dann sein, dass der Zahn hochgradig pulpitisch wird.

Pulpitisch?

Psoch: Damit ist gemeint, dass der Zahninnenraum massiv entzündet ist. Vom Schmerz her ist es dann schwieriger, den Zahn aufzubohren. Es ist leichter, ihn zu ziehen als ihn zu bohren. Aber manchmal ist es gar nicht so weit, dass der Zahn gezogen werden muss, eigentlich steht vielleicht eine Wurzelbehandlung an. Das sind die Nachteile, wenn man so lange abwartet und irgendwann in einen Notdienst geht. Es kommt noch etwas anderes hinzu: Ein Patient, der sehr große Angst hat, hat eine viel niedrigere Schmerzschwelle.

„Angst verursacht eine viel
niedrigere Schmerzschwelle“

Was heißt das?

Psoch: Wenn man Angst hat, tut alles viel mehr weh als wenn man tiefenentspannt im Behandlungsstuhl liegt. Angst macht schmerzempfindlicher, sie verändert tatsächlich die Schmerzwahrnehmung. Man kann bei einem entspannten Patienten viel mehr machen als bei einem, der völlig verkrampft ist. Zahnsteinentfernung oder so – der entspannte Patient weiß, dass es vielleicht ein bisschen zwickt oder zieht. Der Angstpatient zieht ständig den Kopf weg, das ist auch für den Behandler oft sehr anstrengend. Wenn man Notdienst hat und es kommt am Samstag um 23 Uhr ein Patient, dem man ansieht, dass er sich jahrelang nicht um sein Gebiss gekümmert hat – das macht auch den Zahnarzt gereizt. Deshalb ist es wirklich vernünftiger, den Zahnarztbesuch nicht aufzuschieben.

Danke!

 

https://www.zahnheilerin.de

Foto: Psoch

Auschra

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