Seit 6 Monaten auf der Suche nach einem Zahnarzt

Melanie* hat nicht einfach Zahnarztangst, sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der Alltag mit Panikattacken und überwältigenden Emotionen ist für die Sozialhilfe-Empfängerin schwer genug. Die Suche nach einem Zahnarzt, der sie unter Vollnarkose behandelt, führt sie an ihre Grenzen.

Melanie, es geht ja um das Thema Zahnarztangst. Mit dem Begriff habe ich ehrlich gesagt oft Probleme, weil jeder sich darunter etwas ganz Individuelles vorstellt. Was heißt für dich Zahnbehandlungsangst? 

Melanie: Bei mir handelt es sich nicht um eine klassische Dentalphobie, die mit Psychotherapie relativ schnell zu behandeln wäre, sondern um Auswirkungen von mehreren Traumatisierungen in verschiedener Form und daraus resultierenden Traumafolgestörungen. Medizinisch nennt sich das komplexe posttraumatische Belastungsstörung oder PTBS und Dissoziative Identitätsstörung. Dann versuchte 2011 eine Psychologin in einer Klinik eine so genannte Angstexposition, das heißt, sie wollte mich zu einer Konfrontation mit Zahnärzten zwingen. Leider muss ich heute sagen, dass sie keine Ahnung von Traumata hatte. Das hat ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen. Mittlerweile ist eine Behandlung unter normalen Umständen ausgeschlossen. Konkret bedeutet ein Besuch beim Zahnarzt für mich Kontrollverlust, ein Gefühl des Ausgeliefertseins, unkontrolliertes inneres Wiedererleben von Trauma-Erinnerungen bis hin zu anschließender Selbstverletzung aufgrund überwältigender Emotionen von Persönlichkeitsanteilen.

Das klingt hart, puh. Ich ahne, dass ich dir mit meinen Fragen zu nahe kommen könnte. Das möchte ich nicht! Wenn das doch passiert, dann sag einfach Bescheid und beantworte die Frage bitte einfach nicht, ja? Ok, du hattest also nicht einfach hässliche Erfahrungen mit plumpen oder unsensiblen Zahnärzten, mit schmerzhaften Spritzen oder so. Sondern du hast etwas erlebt, wo du dich sehr ausgeliefert gefühlt hast. Das hat ein Trauma bei dir hinterlassen. Das bedeutet, wenn du zum Zahnarzt gehst, erlebst du diese traumatisierenden Situationen wieder – und das ist nicht auszuhalten. Trotzdem musst du natürlich ab und zu zum Zahnarzt…

Melanie: Ja, ich habe einige Versuche unternommen. So war ich in Spanien notgedrungen beim Zahnarzt, weil ich starke Schmerzen hatte. Der Zahnarzt sprach weder Englisch noch Deutsch, war aber sehr vorsichtig und so konnte eine Wurzelbehandlung und anschließende Füllung relativ gut erfolgen. Es gelang mir hier, einen stabilen Persönlichkeitsanteil vorne zu halten. Allerdings kann ich das kaum kontrollieren und es kann auch schnell umschlagen in Panikattacken bis zu Krampfanfällen und Erstarren. Dann bin ich unfähig zu reden. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er nicht sauber gearbeitet hat – und ich habe den Zahn verloren.

Oh, das tut mir Leid. Hast du weitere Versuche gemacht?

Melanie: Ja, danach suchte ich in Deutschland nach speziellen Zahnärzten für Angstpatienten. Zwei wollten mich finanziell abzocken. Nach meinem Hinweis auf ein psychiatrisches Attest wurde am Telefon gesagt, dass eine Narkose gar kein Problem wäre. Vor Ort hieß es dann plötzlich, der Anästhesist hätte keine Kassenzulassung. Zudem wurden meine Erkrankungen abgetan mit Hinweisen in der Art, dass sich doch jeder ein bisschen unwohl beim Zahnarzt fühlt. Der andere Zahnarzt wollte mal eben 600,- Euro für den Mehraufwand für eine Behandlung unter Narkose berechnen, obwohl die vom Anästhesisten hätte abgerechnet werden können. Ich bin jetzt seit 6 Monaten auf der Suche – bisher vergeblich.

Ich weiß, dass es Zahnärzte gibt, die sich den zusätzlichen Zeitaufwand für Angstpatienten bezahlen lassen. Ich würde hier nicht so einfach von Abzocken sprechen. Ein handgestrickter Pullover ist auch teurer als einer aus der Fabrik. Aber ich will auch niemanden in Schutz nehmen. Es gibt sicher gute, schlechte, teure und preisgünstige Zahnärzte. Auf jeden Fall hast du doch ein psychiatrisches Attest über deine Dentalphobie?

Melanie: Ja, die Diagnose der komplexen PTBS sowie Dissoziativen Identitätsstörung sind psychiatrisch festgestellt.

Das heißt, du brauchst zwingend eine Vollnarkose und bekommst sie auch als Kassenleistung?

Melanie: Das Problem mit der Vollnarkose: sie würde zwar übernommen werden, aber die meisten Anästhesisten, die mit Zahnarztpraxen arbeiten, haben keine Kassenzulassung. Deshalb können sie in keinem Fall abrechnen. Dämmerschlaf und Hypnose kämen theoretisch in Frage, werden beide jedoch nicht von der Kasse übernommen und ich kann mir das von Sozialhilfe nicht leisten. Bei Dämmerschlaf käme nur Propofol in Frage, weshalb hier ebenfalls ein Anästhesist oder ein entsprechend ausgebildeter Zahnarzt notwendig wäre. Ich habe es auch mit der Einnahme von Diazepam versucht. In solchen Extremsituationen war dies jedoch nicht annähernd ausreichend. Aktuell habe ich eine MKG-Praxis gefunden, die mich in Vollnarkose behandelt. Allerdings kann dort nur chirurgisch ein Zahn entfernt werden, Zahnersatz bieten sie nicht an. Daher suche ich für die restliche Behandlung weiter.

Wie ist es mit Hypnose? Da hast du ja auch schon einige Erfahrungen.

Melanie: Das erste Mal in Kontakt mit Hypnose kam ich bei einer Hypnose-Show. Hier vergaß ich mit Hypnose sozusagen meinen Namen, konnte die Zahl 4 nicht mehr aussprechen und klebte am Stuhl fest. Nach der Show sprachen mich viele Gäste an, ob ich nicht nur so getan hätte und ihnen nur etwas vorgespielt hätte. Ich war fasziniert davon und begann, mich näher damit zu beschäftigen.

Wie fühlt sich das an?

Melanie: Man gerät in Trance. Ich habe sowohl leichte Trance-Tiefen erlebt als auch die so genannte Tiefenhypnose beziehungsweise den Esdaile State. Es fühlt sich angenehm an. Die Umgebung wird unwichtig, die ganze Aufmerksamkeit wird auf die Stimme des Hypnotiseurs gelenkt. Insbesondere in der Tiefenhypnose verschwindet jeder Schmerz, jede Angst und ich fühle mich einfach nur vollkommen entspannt. Jegliches Zeitgefühl verschwindet, ähnlich vielleicht wie bei einer Narkose, nur ohne Bewusstlosigkeit. Es war die tiefste Entspannung meines gesamten Selbst, die ich je erlebte.

Esdaile State, das habe ich noch nie gehört. Eine tiefe Trance, ja? Heißt das, du kannst noch hören, was man dir sagt und sehen, was um dich herum los ist?

Melanie: Schwierig zu erklären. Ja, ich höre die Stimme des Hypnotiseurs und reagiere auf seine Anweisungen. Aber alles andere ist ausgeschaltet, ausgeblendet. Alle Empfindungen, Gedanken, Sorgen, das Gefühl für Zeit, das Bewusstsein. Sämtliche Kommunikation findet nur noch mit dem Unterbewusstsein statt, alles andere ist in diesem Moment einfach unwichtig. In diesem Zustand kann durch Suggestionen zum Beispiel das Schmerzempfinden komplett ausgeschaltet werden. Es gibt Fälle, in denen Operationen nur unter Hypnose durchgeführt wurden. Mir fällt ehrlich gesagt nichts ein, mit dem ich es vergleichen kann, um es begreifbarer zu machen. Es ist einfach die größte vorstellbare Entspannung, die ohne chemische Substanzen erreichbar ist. Allerdings erreicht nicht jeder diese tiefe Trance. Es erfordert die Bereitschaft loszulassen, es zu wollen und ein großes Vertrauen in den Hypnotiseur.

Und du könntest dich tatsächlich vertrauensvoll auf eine Hypnose einlassen, wenn du gleichzeitig weißt, dass etwas ansteht, was an das alte Trauma erinnert?

Melanie: Das hinge zu einem sehr großen Teil vom Hypnotiseur ab. Mit dem, den ich kenne – sicherlich. Da hier einerseits das Vertrauen da ist und wir andererseits aufeinander abgestimmt sind. Ich weiß, wie er arbeitet und er weiß von meiner Vergangenheit und welche Techniken gut funktionieren. Mit einem mir unbekannten Hypnotiseur zu arbeiten, das ist schwer einzuschätzen. Das müsste ich vor einer Behandlung am besten auch außerhalb der Zahnarztpraxis ausprobieren. Grundsätzlich glaube ich jedoch schon, dass es auch bei mir möglich ist. Ich weiß ja, dass ich die Hypnose jederzeit abbrechen könnte. Außerdem schützt uns das Unterbewusstsein immer vor gefährlichen Suggestionen. In Bezug auf meine doch sehr massive Zahnarztpanik käme für mich nur der Esdaile State in Frage. Dies jedoch erfordert viel Können vom Hypnotiseur – und Zahnärzte machen oft nur einfache Hypnosefortbildungen, wo sie das nicht erlernen. Leider zahlt es die gesetzliche Krankenversicherung nicht, obwohl Hypnose günstiger wäre als die Vollnarkose. Da ich es mir finanziell nicht leisten kann, scheidet diese Methode leider vorerst für mich aus.

Empfindest du eine Hypnose als eine Form von Ausgeliefertsein? Das ist ja oft eine Kritik an der Hypnose: Der Angstpatient lernt, dass er es alleine nicht schafft, sich behandeln zu lassen. Dazu braucht er den großen Hypnotiseur, der sich seiner annimmt. Und er als Patient macht sich oder bleibt abhängig und behält seine Zahnarztangst. 

Melanie: Diese Kritik kenne ich, jedoch nicht spezifisch die Hypnose betreffend, sondern auch bezüglich Vollnarkose und Analgosedierung. Bei der Hypnose weiß ich, dass ich sie jederzeit selbst beenden könnte, deshalb fühle ich mich nicht ausgeliefert. Einige Therapeuten sind der Ansicht, man müsse sich der Angst stellen und sie durchleben, um sie zu besiegen. Doch dann gibt es auch Fälle wie mich, bei denen dies zu einer Retraumatisierung und Verschlimmerung führt. Deshalb sollte der Einsatz von Hilfen immer individuell erfolgen, finde ich. Und ich glaube, dass auch eine Behandlung unter Hypnose ein Erfolgsgefühl auslösen kann. Denn man hat die Behandlung hinter sich gebracht, sich der Angst gestellt und es geschafft. Dabei hatte man Hilfe von außen, na und? Zusätzlich kann Hypnose unabhängig von der Zahnbehandlung auch therapeutisch genutzt werden, um an Ängsten zu arbeiten.

Wenn jemand Zahnarztangst hat und über eine Hypnose nachdenkt – würdest du ihm auf jeden Fall zu einem Versuch raten? 

Melanie: Ja, ich würde auf jeden Fall raten, es zu versuchen. Alleine schon deshalb, weil es im Vergleich zu Narkosen keine Risiken gibt im Sinne von Nebenwirkungen, wie es bei Medikamenten der Fall sein kann. Es kursieren leider immer noch Vorurteile, man wäre irgendwie bewusstlos oder dem Hypnotiseur auf Gedeih und Verderb hilflos ausgeliefert. Das ist nicht der Fall.

Und hast du auch eine Idee, wie man einen guten Hypnotiseur findet? 

Melanie: Bei Hypnotiseuren würde ich Wert legen auf eine fundierte Ausbildung im Bereich Hypnose, ich würde vorher im Internet nach Erfahrungsberichten schauen. Hilfe bei der Suche nach einem Therapeuten können zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Hypnose oder die Milton Erickson Gesellschaft bieten. Allerdings ist eine Mitgliedschaft dort keine Garantie für einen guten Hypnotiseur und nicht jeder gute Hypnotiseur ist Mitglied.

Da ist ja viel Vertrauen nötig. Wenn mir jemand auf den ersten Blick unsympathisch ist…

Melanie: Vor dem Ernstfall beim Zahnarzt sollte immer ein Vorgespräch mit Probehypnose erfolgen, um zu schauen, ob es zwischen Therapeut und Klient passt. Wenn mir mein Gegenüber unsympathisch ist oder ich mich unwohl fühle, kann ich mich kaum bis gar nicht auf eine Hypnose einlassen. Für mich zählt Vertrauenkönnen neben fachlicher Kompetenz zu den zwei wichtigsten Eigenschaften bei einem Hypnotiseur.

Wie geht es bei dir jetzt weiter?

Melanie: Mein erstes Ziel gerade ist es, die Zahnextraktion Anfang April zu überstehen – mit Narkose, aber eben ohne Zahnersatz. Dann suche ich weiter. Ich hatte vor kurzem bei der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bremen angerufen, die mir eine Praxis in meiner Stadt nannten. Als ich dort angerufen habe, hieß es, es würde gar keine Narkose angeboten werden. Da weiß die eine Hand nicht, was die andere macht. Das klingt für dich vielleicht nach einem kleinen Rückschlag, für mich ist es aber mehr. Mir fehlt durch meine Erkrankungen oft die Kraft, irgendetwas zu tun oder es kommt zu Amnesien. Dann können mich solche Geschichten wochenlang handlungsunfähig machen und mir jegliche Hoffnung nehmen.

Du bist ganz schön stark, finde ich!

Melanie: Danke für das Kompliment. Ich höre öfters, dass ich stark bin. Es wäre schön, wenn ich es irgendwann mal nicht mehr sein muss.

 

*Nennen wir sie Melanie, obwohl sie in Wirklichkeit einen anderen Namen hat.

Auschra

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