Schwanger und Angst vor dem Zahnarzt und Zahnschmerzen

Jennifer ist eine junge Mutter, sie bloggt (nordherz.blog) und hat Zahnarztangst. Ich fasse hier mal in aller Kürze zusammen, was sie während ihrer Schwangerschaft erlebt hat. Lustig war die Erfahrung ganz sicher nicht. Ich konzentriere mich beim Beschreiben auf die wesentlichen Sachverhalte. Die sind gruselig genug.

Auf ein Bonbon gebissen…

Im Oktober 2016 ist Jennifer in der 28. Woche schwanger, als sie auf ein Bonbon beißt und gleich merkt, dass ein Backenzahn kaputtgegangen ist. Sie nennt sich zwar Zahnarztschisser, aber sie rennt trotzdem sofort zu ihrer Zahnärztin um die Ecke. Die hat leider Urlaub.

Mit einiger Mühe bekommt sie einen Termin im Notdienst. Der Zahnarzt sagt, dass eine Wurzelbehandlung gemacht werden muss. Ein Röntgen will er wegen der Schangerschaft nicht machen, stattdessen schlägt er eine digitale Längenmessung für 160,- Euro vor. Das lehnt Jennifer ab, von da an ist die Stimmung schlechter. Sie erlebt eine trotz Betäubungsspritze schmerzhafte Behandlung. Der Zahnarzt reinigt die Wurzelkanäle, anschließend benutzt er Ledermix und Cavit. Nach der Geburt, so sein Rat, soll sie die Behandlung unbedingt fortsetzen.

Erst Tetrazyklin, dann Depulpin

Am nächsten Morgen googelt Jennifer Wurzelbehandlung und Schwangerschaft. Das Ergebnis haut sie um: Tetrazykline sind für Schwangere tabu, weil fruchtschädigend. Und Ledermix ist – ein Tetrazyklin! Sie lässt sich die Ledermix-Paste noch am gleichen Tag von einer Zahnärztin entfernen. Das Bohren tut weh, also ist der Zahn nicht tot. Die Zahnärztin gibt Depulpin in den Zahn und erklärt, das müsse eine Woche drin bleiben.

Am nächsten Morgen fragt sich Jennifer, ob das Depulpin wirklich eine gute Entscheidung war. Sie fragt sich telefonisch durch und muss zu ihrem Entsetzen hören, dass auch dieses Medikament für Schwangere ungeeignet ist. Außerdem soll es nach 2-3 Tage entfernt werden.

Also braucht sie schon wieder sofort einen Zahnarzt. Diesmal einen, der das Depulpin wieder entfernt. Sie findet einen und der bringt erstmal alles in Ordnung. Den dritten Zahnarzt in vier Tagen – nicht schlecht für einen Zahnarztschisser!

Heiligabend in der Zahnarztpraxis

Wochenlang war Ruhe mit den Zähnen, dann geht es wieder los. Jennifer ist hochschwanger und der Zahn tut weh. Zitternd wie ein Häufchen Elend sitzt sie am 24.12. vormittags beim Vertretungsarzt, wieder in einer fremden Praxis also. Der Zahnarzt kündigt an, dass er notfalls sofort operieren würde. Aber das muss zum Glück nicht sein. Er muss den Zahn nur spülen, ein Medikament einfüllen und mit Cavit verschließen. Wahrscheinlich hat sie nachts die Zähne einfach zu stark zusammengepresst. Erleichterung – und der Wunsch nach heilen Zähnen wächst.

Nach der Geburt geht die Behandlung weiter, aber das ist ein anderes Thema.

„Mein Kind soll nicht leiden müssen“

Interview mit Jennifer

Jennifer, wie groß ist deine Zahnarztangst? So groß, dass du schon vor den Schwangerschaften jahrelang keinen Zahnarzt gesehen hast?

Jennifer: Meine Zahnarztangst ist wirklich sehr groß. Schon seit meiner Kindheit, da fing alles an. Ich war glaube ich 2008 zum letzten Mal beim Zahnarzt. Und das auch nur, weil mir mein Schneidezahn, der Jahre vorher wurzelbehandelt worden war, abgebrochen ist. Der wurde provisorisch versorgt mit der Ansage „Zahnersatz gibt es erst, wenn die Weisheitszähne draußen sind“. Weisheitszähne ziehen! Dazu hat jeder eine Horrorgeschichte auf Lager, die er auch noch ungefragt zum besten gibt. Das ist das schlimmste für Angstpatienten. Ich war in einer chirurgischen Praxis, hatte einen Termin zum Ziehen. Ich sage immer, dass ich Angst habe. Wieso auch nicht, man sieht es mir ja direkt an! Man hat mir da an den Kopf geknallt, ich solle mich wegen meiner Angst nicht so anstellen. Ich bin nie zu dem Termin erschienen. Der Zahn ist bis heute nur provisorisch versorgt.

„Ich muss einsatzbereit
sein, kann mich nicht
einfach verkriechen“

Das einzige, was mich bisher zum Zahnarzt bewegte, waren akute Probleme und die Angst vor noch größeren Schmerzen. Ich muss wenigstens halbwegs einsatzbereit sein und den Alltag bewältigen können, ich kann mich nicht schmerzend in die Ecke verkriechen. Dafür nehme ich dann irgendwann auch beängstigende Zahnarztbesuche in Kauf.

Du hast während deiner Schwangerschaft eine kleine Zahnarzt-Odyssee durchgemacht. Schwer für einen Menschen mit Zahnarztangst, stelle ich mir vor. Aber du hast das durchgezogen. Hattest du irgendwann mal überlegt, einfach den Kopf in den Sand zu stecken? Also nicht zum Zahnarzt zu gehen?

Jennifer: Nein. Wäre ich alleine gewesen, dann sicher. Aber ich war schwanger und somit nicht nur für mich verantwortlich, sondern für ein weiteres Leben. Und dieses Leben, mein Kind, hat mit meinen Ängsten und Problemen nichts zu tun. Also soll es nicht leiden müssen. Und Stress durch Schmerzen oder Folgen der Medikamente wären ein solches Leid gewesen.

Hast du irgendeinen Rat für schwangere Frauen mit Zahnarztangst? Oder für Frauen mit Kinderwunsch und Angst vor dem Zahnarzt?

Jennifer: Ja: Geht zum Zahnarzt! Überwindet euch! Besser ist es, vorher schon zu gehen. Fragt bei euch in der Gegend nach einem guten Zahnarzt für Angstpatienten. Es ist nichts verwerfliches oder falsches daran, Angst zu haben! Menschen die sich über Ängste lustig machen, überspielen damit nur eigene Unsicherheiten. Sagt beim Arzt direkt offen dass ihr Angst habt. Wenn dies abgetan wird oder sich darüber lustig gemacht wird, ihr euch unwohl fühlt: Sucht einen anderen Arzt!

„Signalisieren, dass
man eine Pause braucht“

Was mir sehr geholfen hat und was ich jedem empfehlen kann: Ein Handzeichen für „Stop“ vereinbaren. So konnte ich signalisieren, dass ich eine Pause brauchte und/oder es weh tut. Informiert euch, wenn ihr unsicher seid, denn auch Unsicherheit macht Angst. Es gibt Beratungstelefonhotlines bei den Zahnärztekammern.

Und so blöde es klingt: hast du was Positives für dich aus dieser Horrorgeschichte mitgenommen?

Jennifer: Ja, das habe ich. Das Bewusstsein, dass ich auf mein Bauchgefühl hören kann und sollte. Und Mut, für meine Rechte als Patientin einzustehen und eine Behandlung nicht so zu akzeptieren, wenn es eine bessere und ungefährlichere Alternative gibt.

Merci vielmals. Ich finde, du bist eine echte Angst-Expertin und verdammt taff – Hut ab!

 

Kleine Ergänzung Nr. 1: Die Berliner Charité hat eine Beratungsstelle namens Embryotox mit einer sehr umfangreichen Homepage über Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit.

Kleine Ergänzung Nr. 2: Jennifers Zahnarzt-Marathon geht leider weiter. Hier beschreibt sie ganz aktuell, dass sie ein Zahnproblem hatte und sofort bei ihrer Zahnärztin angerufen hat. Dort erfuhr sie, dass ihre Zahnärztin plötzlich und unerwartet verstorben ist…

 

Foto: Nordherz

Auschra

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