Mikrostrom – ist das was für Angstpatienten?

In den USA ist die Methode gut bekannt, bei uns ist sie das eher nicht oder gilt als – naja – als eher belächelte Außenseitermethode. Andererseits bin ich neugierig. Ist an der Mikrostrom-Therapie vielleicht doch etwas dran? Ich lese Studien und suche nach Menschen, die Erfahrungen mit dem Mikrostrom-Gerät Alpha-Stim haben. Dabei lerne ich die Alpha-Stim-Gemeinde in Deutschland kennen.

Craniale Elektrostimulation: CES

Stell dir ein Gerät vor, das so ähnlich aussieht wie ein Smartphone mit Ohrsteckern. Die Ohrstecker sind in Wirklichkeit allerdings Clips. Elektroden also, die über die Ohren einen geringen elektrischen Wechselstrom in den Kopf schicken. Keine Angst, die Stromstärke ist so niedrig, dass man keinen Schlag bekommt. Viel niedriger als an einem Lichtschalter, einem Weidezaun oder einem Muskeltrainingsgerät, unter einem Milliampere nämlich.

In Studien wurde natürlich erstmal die Verträglichkeit untersucht, es wurden keine ernsten Nebenwirkungen gefunden: sehr selten Kopfschmerzen und sehr selten Hautirritationen unter den Elektroden. Ok, das würde mich von einem Versuch nicht abhalten.

Glückshormon und Serotonin steigen an

Wie wirkt dieser Mikrostrom? Gute Frage. Es gibt zwar viele Studien zu CES. Aber wie genau diese Therapie funktioniert, ist irgendwie noch ziemlich offen. Aber verschiedene Veränderungen durch Alpha-Stim haben sich in verschiedenen Untersuchungen gezeigt.

Die Konzentration von Beta-Endorphin im Blutplasma und in der Rückenmarksflüssigkeit steigt an. In einer Studie (1) steht sogar, dass die Werte um 98 Prozent anstiegen! Das ist spannend für Angstpatienten: Beta-Endorphin ist ein so genanntes Glückshormon und ein körpereigener Schmerzkiller. Die Wirkung von Beta-Endorphin wird gerne beschrieben als tiefe innere Ruhe mit der Überzeugung, dass jetzt alles gut wird. Mit diesem Gefühl im Wartezimmer des Zahnarztes – das wäre nicht schlecht!

Nicht nur Beta-Endorphin steigt an, auch der Serotoninspiegel bewegt sich nach oben – bei einzelnen Menschen wurden in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit um 200 Prozent erhöhte Werte gemessen (2)! Auch das ist schön für Angstpatienten. Serotonin vermittelt ein Gefühl von Gelassenheit, innerer Ruhe und Zufriedenheit. Es dämpft unschöne Gefühle wie Angst, Aggressivität, Kummer und Hunger.

Studienergebnisse mit CES

Ein amerikanischer Zahnarzt führte 1998 in seiner Praxis eine Untersuchung (3) mit CES durch. Er behandelte Patienten mit echter oder Fake-CES und dokumentierte die Ergebnisse: unter CES stellte er signifikant gesunkene Angstlevel bei den verschiedensten zahnärztlichen Prozeduren fest.

Bei 36 Krebspatienten mit fortgeschrittener Erkrankung wurde festgestellt, dass die Anwedung von CES sicher war. Die Patienten hatten nach 4 Wochen CES signifikant weniger Angst, Schmerz, Depressionen und Schlafprobleme (4).

Eine Gruppe von Wissenschaftlern (5) klopfte die Ergebnisse von 26 Studien ab. Sie fanden keinen sichere Wirksamkeit gegen Schmerzen oder Fibromyalgie. Aber gegen Angst und Depressionen fanden sie einen – allerdings geringen – Effekt von CES.

Traumatisierte Soldaten leben wieder gerne

In den USA mussten sich Ärzte nach dem Vietnamkrieg mit traumatisierten Soldaten auseinandersetzen. Menschen also, denen zwar bewusst war, dass der Kriegseinsatz für sie zu Ende war. Nur ihre Gefühlswelt ließ sich davon nicht so einfach überzeugen. Die Veteranen träumten schlecht, bekamen Panikanfälle und kriegten ihren Alltag nicht mehr auf die Reihe.

Ärzte probierten alles mögliche und stießen auf die Mikrostrom-Therapie. Sie setzten das Alpha-Stim®-Gerät ein und überprüften die Wirkung. Das heißt, sie fragten die Patienten vor und nach der Behandlung nach ihrer Befindlichkeit. Sie verglichen, wie diese Ergebnisse ausfielen, wenn man zwei Gruppen unterschiedlich „behandelte“: Die eine bekam das echte Gerät, die andere eine Scheinbehandlung – Fake also, vielleicht ein Gerät ohne Batterie oder so. Die Ergebnisse zeigen zwar, dass auch die Fake-Behandlung ein bisschen wirksam war, aber die echte Behandlung war deutlich wirksamer.

Auf der Internetseite der Herstellerfirma findet man Hinweise auf einige solcher Studien, die an Patienten mit Schmerzen, Angst, Schlaflosigkeit oder Depressionen durchgeführt worden. Bei Youtube kann man Soldaten zuhören, die beschreiben, dass sie mit dem Gerät ihre Angststörung überwunden haben.

So richtig überzeugt bin ich noch nicht, ich suche nach Erfahrungsberichten und stoße auf Astrid, eine Anwenderin mit Zahnarztangst. Sie erzählt mir gleich, dass sie mit Björn befreundet ist, dem Geschäftsführer der Firma, die Alpha-Stim in Deutschland vertreibt. Hm, ok. Ich beschließe, trotzdem ein Interview mit ihr zu machen.

„Einfach mal ausprobieren“

Interview mit Astrid

Astrid, du hast Zahnarztangst?

Astrid: Ja, ich bin Physiotherapeutin und Angstpatientin. Ich habe als Kind schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht. Ich habe heute noch so Blitzbilder von der Situation, wie die Zahnarzthelferin und meine Mama mir Hände und Füße festgehalten haben, damit ich nicht aus dem Stuhl raus konnte. Seitdem gerate ich vor jedem Termin in Panik und gehe nur mit Hängen und Würgen zum Zahnarzt. Meistens ist mir jede Ausrede recht, um den anstehenden Termin zu verschieben. Ich bin zum Beispiel bloß kurz ins Wartezimmer gegangen und habe mich dann schnell wieder verabschiedet. So nach dem Motto: „ach, die Wartezeit ist mir heute ein bisschen zu lang, ich komme demnächst wieder“. Ich habe jedenfalls Ende 2017 eine neue Zahnärztin gesucht, es war eine Wurzelbehandlung fällig. Davor hatte ich richtig Panik. Ich wusste, da würde ich mit Herzrasen sitzen, schwitzen und über Fluchtmöglichkeiten nachdenken.

Klappt dir in solchen Situationen auch der Kreislauf zusammen?

Astrid: Nein, das nicht. Ich habe es immer geschafft, mich doch irgendwie zusammenzureißen oder eben den Termin zu verschieben. Meine Kinder wussten zum Beispiel gar nichts von meiner Angst. Wenn ich mit denen zum Zahnarzt gegangen bin, habe ich mich zusammengerissen, weil ich die mit meiner Angst nicht verrückt machen wollte. Gut, aber die Wurzelbehandlung war nötig, ich wusste also, dass mir kein Fluchtweg blieb.

Und dann kam dein Freund ins Spiel, der Alpha-Stim-Geräte vertreibt?

Astrid: Björn, genau. Er hatte mir schon früher gesagt, ich sollte das doch einfach mal ausprobieren. Aber ich bin da kritisch. In meiner Physiotherapiepraxis behandle ich Schmerzpatienten immer am liebsten mit den Händen, ohne Geräte wie TENS.

Ist TENS denn vergleichbar mit Alpha-Stim?

Astrid: Nein, überhaupt nicht. TENS hat eine ganz andere Stromstärke und ein anderes Frequenzmuster. Ich hatte mich also überreden lassen, das Gerät einfach mal zu testen. Ich musste mehrere Sitzungen zur Wurzelbehandlung machen. Beim ersten und zweiten Mal setzte ich es ein und spürte ehrlich gesagt nicht besonders viel. Die Zahnärztin bemerkte es natürlich und fragte nach den Ohrclips und dem sichtbaren Alpha-Stim. Beim dritten Termin hatte ich in meiner Aufregung das Gerät vergessen. Dieses Mal saß ich deutlich nervöser auf dem Zahnarztstuhl und interessanterweise merkte die Zahnärztin sofort ‚einen Unterschied wie Tag und Nacht’. Nach diesen sechs oder acht Sitzungen musste ich noch zu einem anderen Zahnarzt, um eine Wurzelspitzenresektion machen zu lassen. Das war nun wirklich eine Behandlung, vor der ich mich fürchtete. Schon bei der Besprechung war ich aufgeregt und benutzte das Alpha-Stim. Vor dem Termin habe ich zwei Nächte lang nicht geschlafen, obwohl ich wusste, dass der in Dämmerschlaf durchgeführt wird. Morgens bin ich dann aufgewacht und habe sofort das Gerät angemacht. Danach ging es plötzlich. Ich war beim Eintreffen in der Praxis sehr entspannt, brauchte auch niemanden zum Händchenhalten. Das war für mich eine sehr gute Erfahrung. Inzwischen setze ich das Alpha-Stim auch in meiner Physiotherapie-Praxis ein, zum Beispiel bei chronischen Schmerzpatienten. Die Patienten fühlen sich wohler und mir nützt es auch, weil deren verspannte Muskeln weicher werden.

Du würdest das Gerät also empfehlen, obwohl es bei uns nicht wirklich anerkannt ist? Und obwohl manche Leute behaupten, dass es nur wie ein Placebo wirkt?

Astrid: Ja. Und auch obwohl ich inzwischen weiß, dass es bei manchen Menschen nicht wirkt. Placebo oder nicht, ich würde jedem Angstpatienten raten, das zu testen. Was kann man schon verlieren? Meine Zahnärztin hat nach der Erfahrung mit mir ein Gerät für ihre Praxis angeschafft. Sie nimmt pro Sitzung 15,- Euro, glaube ich.

Nach dem Gespräch mit Astrid bin ich doch ziemlich neugierig geworden und beschließe, auch einen Zahnarzt zu befragen. Einen, der sich mit Angst auskennt und das Mikrostrom-Gerät benutzt.

„Ich würde schon sagen, dass sich da was tut“

Interview mit Zahnarzt Dr. Guido Kemp

Erzählen Sie mal, wie Sie zum Alpha-Stim gekommen sind?

Dr. Kemp: Ich bin ja Oralchirurg, das heißt, in meiner Praxis werden Operationen im Mundraum vorgenommen. Das ist auch für Patienten, die eigentlich keine Zahnarztangst haben, eine ziemliche Herausforderung. Es ist eigentlich gar nicht der Schmerz das Problem, den betäuben wird selbstverständlich. Die Geräusche sind die Herausforderung. Wenn wir an den Knochen ran müssen, hört man halt ein Knacken oder Knirschen – und es fällt sehr vielen Menschen schwer, das unter lokaler Betäubung auszuhalten. Wir wollen nicht, dass sich die Menschen hier quälen, also haben wir von Anfang an versucht, den Patienten hier die Angst zu nehmen.

Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Dr. Kemp: Unsere Praxisphilosophie ist es, eine schmerz- und angstfreie Behandlung anzubieten. Das fängt schon beim Empfang in der Praxis an. Wir sind ja eine reine Überweiser-Praxis, also haben wir keine Stammpatienten, sondern die Patienten werden von Kollegen an uns überwiesen. Wir empfangen jeden Patienten persönlich und per Handschlag, die Mitarbeiterin am Empfang stellt sich vor und zeigt den Wartebereich. Hier sorgen wir für eine besonders entspannende Atmosphäre und binden auch das Alpha-Stim-Gerät mit ein.

Entspannende Atmosphäre heißt?

Dr. Kemp: Die Praxis liegt in einer verkehrsberuhigten Zone, man kann draußen sitzen, sieht am Bildschirm Naturfilme, hört Klaviermusik – es soll leicht fallen, hier runterzukommen. Dazu trägt auch die Aromatherapie bei und seit ein paar Monaten eben auch das Angebot, das Alpha-Stim zu benutzen.

Das heißt, das Gerät wird nicht im Behandlungsraum eingesetzt, sondern vorher?

Dr. Kemp: Genau. Operationen wie Implantationen und Knochenaufbaumaßnahmen werden bei uns sehr häufig in Dämmerschlaf durchgeführt, das heißt, wir injizieren Midazolam. Davon werden die Patienten nicht bewusstlos wie bei einer Vollnarkose, sondern sie bleiben ansprechbar, was aus Sicht des Operateurs auch sehr vorteilhaft ist. Der Hustenreflex bleibt erhalten; das ist ein lebenswichtiger Schutzreflex. Gleichzeitig treten die Behandlungsängste ebenso in den Hintergrund wie die Wahrnehmung von unangenehmen Geräuschen.

Sie sind über Astrid auf das Alpha-Stim-Gerät gekommen, oder?

Dr. Kemp: Ja, sie erzählte davon, ihr Mann brachte dann ein Gerät zum Ausprobieren vorbei und dann wurde getestet (lacht). Ich würde schon sagen, dass sich da was tut. Obwohl ich selbst ehrlich gesagt nicht besonders viel gefühlt habe, bis auf ein leichtes Dizzy-Gefühl. Aber eine Kollegin hatte die Ohrclips eine Zeitlang dauernd an und war sehr interessiert an dem Gerät. Ich würde sagen, es lockert ein bisschen auf, löst vielleicht eine Anspannung ein Stück weit auf. Meiner Ansicht nach ersetzt es keine Sedierung, ist aber für manche Patienten eine sinnvolle Ergänzung dazu.

Letzte Frage: was kostet die Anwendung bei Ihnen?

Dr. Kemp: Das kostet nichts, das gehört zum Gesamtbild wie die anderen angstreduzierenden Angebote. Es ist ja in unserem Interesse, die Praxis zu einem angstfreien Raum zu machen. Das Alpha-Stim passt einfach gut in dieses Konzept. Und wenn es sich herumspricht, dass bei uns auch Angstpatienten entspannt behandelt werden können, dann profitieren wir doch davon.

 Foto: electro-zeutika

Literatur

  1. Kirsch DL, Nichols F: Cranial electrotherapy stimulation for treatment of anxiety, depression, and insomnia. Psychiatr Clin North Am. 2013 Mar; 36 (1): 169-76. doi: 10.1016/j.psc.2013.01.006.
  2. Shealy CN, Cady RK, Culver-Veehoff D et al.: Cerebrospinal Fluid and Plasma Neurochemicals: Response to Cranial Electrical Stimulation. J Neurol Orthop Med Surg 1998; 18: 94-97.
  3. Winick RL: Cranial electrotherapy stimulation (CES): a safe and effective low cost means of anxiety control in a dental practice. Gen Dent. 1999 Jan-Feb;47(1):50-5.
  4. Yennurajalingam S, Kang DH, Hwu WJ et al.: Cranial Electrotherapy Stimulation for the Management of Depression, Anxiety, Sleep Disturbance, and Pain in Patients With Advanced Cancer: A Preliminary Study. J Pain Symptom Manage. 2018 Feb; 55 (2): 198-206. doi: 10.1016/j.jpainsymman.2017.08.027. Epub 2017 Sep 21.
  5. Shekelle PG, Cook IA, Miake-Lye IM et al.: Benefits and Harms of Cranial Electrical Stimulation for Chronic Painful Conditions, Depression, Anxiety, and Insomnia: A Systematic Review. Ann Intern Med. 2018 Feb 13. doi: 10.7326/M17-1970. [Epub ahead of print]

 

Auschra

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