Hypnosetherapie mit den Ohren

Thomas Hill hat in Marburg Psychologie studiert, heute lebt er der Liebe wegen in Österreich und hat eine Leidenschaft für Hypnose. Er hält wissenschaftliche Vorträge darüber, behandelt seit Jahren Patienten mit unterschiedlichsten Problemen, auch Menschen mit Angst vor dem Zahnarztbesuch. Der engagierte Therapeut ist von Geburt an blind. Kann eine Hypnose funktionieren, wenn man den Patienten nicht sehen kann?

Mit verbundenen Augen hat man plötzlich nur noch eine eingeschränkte Wahrnehmung, ist orientierungslos, stößt sich die Schienbeine an und stolpert unsicher durch die Welt. Ist das die richtige Vorstellung davon, wie es Blinden geht? Weit gefehlt! „Blindsein ist nicht der Zustand, in den ein sehender Mensch gerät, wenn es plötzlich dunkel ist oder er die Augen zu macht“, erklärt Hill. Als Blinder versteht er die Welt mit den Ohren und begreift sie mit den Händen. Er hört, wie sich jemand in seiner Praxis bewegt. Er erkennt Gegenstände als Hindernisse, weil sie die Akustik im Raum verändern. Dabei hört er nicht besser als Sehende, er hat „nur“ trainiert, akustische Signale perfekt zu deuten. Das könnten Sehende auch, wenn sie wollten.

Er versteht die Welt mit den Ohren

Diese Hör-Fähigkeiten sind für ihn bei der Hypnose sehr wichtig. So kann er die Reaktionen des Patienten wahrnehmen und diese in die Vertiefung der Hypnose einbauen. Jeder Hypnosetherapeut baut eine therapeutische Beziehung zum Patienten auf, indem er sehr genau auf kleinste körperliche Veränderungen achtet. Das tut Hill auch, wobei er Ohren und Hände benutzt: Er fragt zum Beispiel, ob er die Hand auf die Schulter des Patienten legen darf. Dann spürt und hört er, wenn jemand tiefer atmet oder angstvoll die Luft anhält. Auch Veränderungen in der Sitzhaltung nimmt er wahr, ja, er hört sogar Veränderungen der Mimik, weil sie die Stimme beeinflussen. Auch ein Lächeln kann er wahrnehmen, glaubt er.

Wie funktioniert so eine Hypnose?

Wenn ein Hypnosetherapeut zum Beispiel in der Zahnarztpraxis einen Zustand von Schmerzunempfindlichkeit erzeugen will, nutzt er häufig die so genannte Handlevitation. Das heißt, er suggeriert, die Hand werde leichter, so als würde sie an einem unsichtbaren Faden nach oben gezogen, wie ferngesteuert, wie von Luftballons nach oben gezogen. Und der Patient hat tatsächlich den Eindruck, als hebe sich die Hand von selbst. Das ist sehr überraschend, wenn es das erste Mal passiert. Anschließend wird dem Patienten suggeriert, dass die Hand kühler und allmählich taub wird. Wenn der Patient in eine Trance sinkt, werden sich tatsächlich die Finger nacheinander langsam oder in kleinen Schritten heben. Diese unbeabsichtigten Bewegungen gehören zur allmählichen Vertiefung der Hypnose. Der Hypnosetherapeut muss sie wahrnehmen, damit er darauf reagieren und die Hypnose weiter vertiefen kann. Der sehende Therapeut beobachtet die Hand mit den Augen, Hill spürt die Bewegungen des Patienten, weil dieser seine Hand auf die des blinden Hypnosetherapeuten legt.

Immer geht es bei der Hypnose darum, die Aufmerksamkeit des Patienten zu fokussieren und zu lenken. Wegen der sprachlichen Reaktion des Therapeuten macht der Patient weiter – darauf kommt es an.

Hypnose als Vorbereitung auf den Zahnarztbesuch

Hill praktiziert in Österreich, wo die Hypnose bekannter als in Deutschland ist. Sie wird dort häufig als psychotherapeutisches Angebot genutzt, die Kosten werden von der Kasse übernommen. Patienten mit Zahnarztangst werden normalerweise nicht in die Praxis begleitet, sondern kommen eher als Vorbereitung zur Hypnosetherapie. Wie kann das funktionieren?

„Die Hypnose ist aufgrund der posthypnotischen Suggestion so unglaublich wirksam“, sagt Hill. „Der Patient kommt und erlebt hier bei mir in der Praxis ganz viel Sicherheit und Entspannung. Dann bekommt er die Suggestion, wieder diese Ruhe, Sicherheit und Entspannung zu fühlen, wenn er im Zahnarztsessel sitzt.“ Der Patient fühlt also ein gewisses Maß an Entspannung in einer Situation, wo er früher Angst erlebt hat. Er nimmt die Wirkung der Hypnose mit.

Wie lange dauert eine Zahnextraktion?

Man kann beispielsweise die Angst reduzieren, wenn der bedrohlich wirkende Zahnarztbesuch in der Vorstellung kleiner wird. Oder kürzer! „Die eigentliche Extraktion eines Zahnes dauert ungefähr 2 Sekunden“, sagt Hill, „darüber reden wir“. Er suggeriert, dass man einer so kurz dauernden Sache eigentlich keine so große Bedeutung geben muss. An dieses Gefühl einer Nebensache erinnert der Patient sich hoffentlich später im Zahnarztstuhl. „Oft geht es bei Angstpatienten darum, die Bewertung einer Situation zu verändern“, erzählt Hill. Wenn jemand Schlimmes im Zusammenhang mit Zahnarztbehandlung erlebt hat, erinnert er sich vielleicht nur an extrem negative Aspekte. Und was damals ein kurzes Martyrium war, entwickelt sich in der Erinnerung zu einer stundenlang andauernden Quälerei.

Die Übung mit dem Zifferblatt

Hill beschreibt eine kleine Übung, die er vor Jahren gerne durchführte: Eine Gruppe von Patienten wird aufgefordert, die Hände auf den Rücken zu legen und die Armbanduhr abzunehmen. Heute trägt niemand mehr Armbanduhren, damals schon. Die Uhren wurden ohne darauf zu schauen weggesteckt und die Teilnehmer bekamen die Aufgabe, das Ziffernblatt aus dem Kopf zu zeichnen. Welche Form und welche Länge haben die Zeiger? Welche Form hat das Ziffernblatt? Werden die Stunden durch Ziffern, Punkte oder Striche dargestellt? Das Ergebnis wich natürlich mehr oder weniger von der Realität ab. „Vielleicht ist es ja ein Taschenspielertrick“, lacht der Psychotherapeut, „aber die Übung hilft bei der Erkenntnis, dass die Erinnerung nicht immer der Wirklichkeit entspricht“. Schade eigentlich, dass keine Armbanduhren mehr getragen werden. Vielleicht könnte man die Oberfläche von Smartphones als Alternative benutzen?

Erfahrungen sind ein Schatz

Wie kann man als Blinder überhaupt Hypnosetherapie lernen? Hill erklärt freundlich, dass er offene Lehrer hatte. Die wussten auch nicht, ob und wie das funktionieren könnte. Aber sie gaben ihm die Chance, zu probieren und zu lernen.

Er beschreibt, wie er vor einigen Jahren Urlaub machen wollte. Da keiner der Freunde Zeit hatte, entschloss er sich zu einem Trip alleine. Er buchte einen Flug nach Kreta und fuhr per Bus über die Insel, suchte sich Hotels und erforschte Ortschaften. Alleine! Als Blinder und ohne griechische Sprachkenntnisse! „Es war genial“, sagt er. Nach diesem Urlaub hatte er das Gefühl, etwas ganz Besonderes geschafft zu haben. Er fühlte sich unglaublich stark. „Als könnte ich alles schaffen“, erzählt er beschwingt. So ein Erlebnis schafft Stärke. Diese Erfahrung wünscht man spontan jedem Menschen.

Jeder Patient hat das Potenzial, seine Probleme zu lösen

Hill ist sicher, dass jeder Patient die Fähigkeit hat, seine Probleme zu lösen. „Nicht der Therapeut weiß, was für den Patienten richtig ist“, sagt er „sondern der Patient hat die Lösung in sich, auch wenn er es noch nicht begriffen hat.“ Sanft versucht der Therapeut, im Rahmen der Hypnose alte Sichtweisen des Patienten in Frage zu stellen. In seinem Leben hat er vermutlich viele Male erlebt, wie wichtig es ist, selbst nach einem Weg zu suchen. Nach dem eigenen Weg!

Blindsein als Chance?

Er berichtet von einem Seminar, das ihm viele Erkenntnisse gebracht hat. Es ging um Hypnose und Traum. Der Unterricht lief nicht nur als Vortrag ab, es wurden auch Übungen eingestreut. Bei einer Übung sollten sich je zwei Studenten zusammen tun, sich nacheinander auf den Boden legen und gegenseitig Umrisse des Körpers abnehmen. In diesen Umriss sollten dann Traumbilder gemalt und diskutiert werden. Keine Übung, die für einen Blinden attraktiv ist. „Na toll“, dachte Hill wütend, beschloss dann aber, einen Versuch zu machen. Sein Partner malte also seine Traumbilder und Hill ließ sich beschreiben, was da gemalt worden war. „Es entstand ein ungeheuer intensives Gespräch über diese Traumbilder“, berichtet er. Der Partner beschrieb zum Beispiel eine Sonne, die sich erst auf Nachfragen des blinden Kollegen als eher stachelige Angelegenheit entpuppte. Durch Hills beharrliches Nachfragen nach Größe, Farben und Formen musste der Partner sich unerwartet intensiv mit seinen Traumbildern auseinandersetzen. Ein Weg, der so in der Übung nicht vorgesehen war, sich aber als ausgesprochen hilfreich erwies. „Ich bin vielleicht sehr offen“, vermutet der Hypnosetherapeut. Das scheint kein Nachteil zu sein, jedenfalls hat er gelernt, auch neue und ungewohnte Wege auszuprobieren.

Der blinde Therapeut

Nur einer, der sich seinen Weg sucht und austüftelt, strahlt Selbstbewusstsein und Sicherheit aus. Patienten gegenüber ist das Auftreten wichtig, schließlich geht es um den Aufbau einer Vertrauensbeziehung. „Patienten vertrauen mir dann, wenn sie das Gefühl haben, ich bin Herr der Lage“, weiß er. Wer dagegen das Gefühl hat, dem blinden Therapeuten helfen zu müssen, der wird kein Vertrauen entwickeln. Ein Grund mehr für Hill, aktiv zu sein. Wenn er beispielsweise einen Patienten mit Zahnbehandlungsangst in der Zahnarztpraxis trifft, dann geht er alleine hin. So vermittelt er den Eindruck von Selbstständigkeit.

Selbstständig als Blinder unter Sehenden

Das war nicht immer so. Er erinnert sich an ein Praktikum, das er im Krankenhaus absolvierte. Bei der Kaffeepause im Schwesternzimmer sagte eine der Schwestern bewundernd: „Der Thomas ist heute ganz alleine die Treppe hoch gegangen“. Der Thomas, das war er, der Blinde, dem man es offenbar noch nicht einmal zutraute, selbstständig ein Stockwerk zu überwinden. Eine ungeheuer enttäuschende Situation! Seine Reaktion war wohl typisch Hill: „Ich habe beschlossen, dass ich aktiv sein muss, dass ich auf die Leute zugehen und ihnen zeigen muss, was ich kann“. Auch Behinderte müssen seiner Einschätzung nach eine Leistung erbringen, wenn sie den anderen die Scheu nehmen und deren Weltbild verändern wollen.

Das Mädchen und die Katze

Anekdoten sind eng mit der Hypnose verbunden. Angstpatienten erzählt Hill besonders gerne die Geschichte von dem Mädchen und der Katze. Ganz kurz zusammengefasst und ohne die eigentlich so wichtigen Ausschmückungen ist dies der Inhalt der Geschichte: Ein Mädchen findet eine Maus und freundet sich mit ihr an. Sie trägt sie überall mit sich herum und spielt mit ihr, bis sie plötzlich eine Katze sieht. Angesichts dieser Gefahr packt sie die Maus und rennt davon, so schnell sie kann. Doch je schneller sie rennt, desto größer wird die Katze. Das Mädchen rennt und rennt, bis sie plötzlich hört, wie die Maus piept: „Du musst sie angucken, dreh dich um!“ Gesagt, getan – und je näher sie der Katze kommen, desto kleiner wird sie wieder.

Angucken, nicht wegrennen!

Eine schöne Geschichte, die einen neuen Umgang mit der eigenen Angst nahelegt: Angucken, nicht wegrennen!

„Ich versuche die Menschen auf neue Situationen vorzubereiten“, erklärt Hill und ergänzt: „Ich sehe zwar nicht, aber ich glaube daran, dass man über viele Fähigkeiten verfügt, wenn man sie entwickelt“.

 

Foto: Hill

 

Auschra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.