Hochwertiger Zahnersatz aus dem Ausland?

 

Kai Schoch von hello-dent kennt sich mit Zahnersatz aus dem Ausland aus, er arbeitet damit. Das Thema ist schwer umstritten. Die einen behaupten, dass nur in Deutschland hergestellter Zahnersatz eine ordentliche Qualität hat, die anderen weisen diese Vorstellung zurück. Beide Seiten berufen sich auf ihr Fachwissen und ihre Erfahrung. Ein Thema, das wir hier sicher häufiger von allen Seiten beleuchten werden. Eine Patientin, die zur Zahnbehandlung nach Bulgarien fährt, wurde bereits vorgestellt. 

Herr Schoch, Sie sind Zahntechnikermeister und haben eine Dental-Firma in Deutschland. Ich habe gehört, dass Sie sich gut mit Zahnersatz aus dem Ausland auskennen. Wie kommt das?

Kai Schoch: Wir liefern mit unserer Firma hello-dent in Wiesloch bei Heidelberg preisgünstigen Qualitäts-Zahnersatz. Möglich wird das unter anderem durch Teilfertigung in lohngünstigen Ländern. Sehen Sie, wenn es um Zahnersatz geht – von der Krone über das Implantat bis hin zur Prothese – dann würde ich mich ganz unbescheiden als Kenner des Marktes bezeichnen. Ich kenne die in- und ausländischen Firmen genauso wie das deutsche Umfeld rund um Zahnersatz.

„Die Zahnärzte suchen für
ihre Patienten auch
preiswerten Zahnersatz“

Wir verstehen uns als Lieferant der Zahnarztpraxis, als deren Dienstleister. Und da die Zahnärzte für Ihre Patienten eben auch immer öfter einen preiswerten Zahnersatz unterhalb der Kassenpreisliste benötigen, haben wir uns mit diesem Thema auseinandergesetzt. Wir haben auch dafür eine Lösung gefunden: Teilfertigung im Ausland, Service vor Ort mit unserem deutschen Meisterlabor in Wiesloch.

Das ist nicht überall gerne gesehen.

Kai Schoch: Mag sein. Ein Vorwurf heißt, dass wir Arbeitsplätze in deutschen Dentallaboren vernichten. Das stimmt so nicht. Wir haben seit Einführung dieser zweiten Schiene mehr Arbeitsplätze in unserem deutschen Meister-Labor geschaffen. Unsere Zahnarzt-Kunden erzielen mehr Honorarumsätze in ihrer Zahnarztpraxis, dadurch ebenso mehr Arbeitsplätze. So wird also mehr Lohnsteuer, mehr Umsatzsteuer und so weiter in Deutschland gezahlt. Wir wollten dieses Marktsegment eben nicht nur den so genannten großen Zahnersatz-Händlern überlassen. Ich finde, es muss möglich sein, dass jeder Patient seinem Wunsch entsprechend in Deutschland versorgt wird. Es ist doch ein Unding, dass Patienten – zum Teil sogar von Krankenkassen empfohlen – ins europäische Ausland fahren. Dentaltourismus, Sie wissen schon.

Warum lassen Sie im Ausland fertigen?

Kai Schoch: Dieses Vorgehen ist doch auch in vielen anderen Branchen üblich. Nehmen Sie die Autoindustrie als Beispiel! Bei Mercedes gab es früher nur Mittelklasse und Luxusklasse aus Stuttgart – sogar mit 3 bis 4 Jahren Wartezeit. Und heute gibt es beim Mercedes-Händler um die Ecke ganz verschiedene Angebote: eine A-Klasse, eine B-Klasse, es gibt sogar den Smart. Aber diese Fahrzeuge werden nicht komplett in Stuttgart hergestellt, sondern international beziehungsweise global. Das trifft eigentlich auf alle deutschen Produkte zu! Außer bei den Polos von der Firma Trigema, da war ich übrigens gerade zu Besuch. Und beim Zahnersatz sollen wir eine Ausnahme machen?

„Minderwertig war
der ausländische Zahnersatz
vielleicht vor Jahren“

Dem ausländischen Zahnersatz wird vorgeworfen, dass er minderwertig ist…

Kai Schoch: Das war eventuell vor vielen Jahren so. Ich kann natürlich nur für meine eigenen Partner und für meine Ware sprechen. Es gibt sicher immer mal wieder Schwankungen in der Qualität, das ist aber eben Handarbeit, situationsbedingt und bei den deutschen Laboren ebenso. Wir beliefern ja auch Dentallabore, also Kollegen mit unserem Auslandszahnersatz. Glauben Sie mir, diese Kollegen prüfen unsere Produkte sehr, sehr genau. Was die Qualität angeht: Ich bestimme die Materialien, die Ausführungsqualität und so weiter. Für den Zahnarzt ändert sich nichts, er kommuniziert wie gewohnt direkt mit seinem fachlich kompetenten Techniker vor Ort. Und der Patient hat sein Dentallabor für etwaige Änderungen oder Garantiearbeiten ebenso vor Ort. So schlecht kann das doch alles nicht sein. Oder?

Noch mal nachgefragt: Arbeiten Sie im Ausland mit anderen, mit minderwertigen Materialien?

Kai Schoch: Nein, niemals! Alle führenden deutschen und europäischen Dentallabor-Lieferanten liefern auch nach China, also international. Alle haben auch dort im Ausland ihre Niederlassungen und Verkaufsberater. Ich denke sogar, dass die führenden Material-Lieferanten mehr Umsatz im Ausland machen als in Deutschland. Zum Teil schicken wir auch spezielle Materialien mit nach China. Das muss immer dasselbe sein, da wir die komplette Herstellungskette im Ausland und in Deutschland gleichgeschaltet haben. Es werden auch oft nur Teilschritte im Auslandslabor gemacht und der Rest hier bei mir! Deshalb muss es sich um exakt die gleichen Materialien handeln. Übrigens waren die großen ausländischen Labors schon viel, viel früher DIN-ISO- und TÜV-geprüft und zertifiziert als deutsche Labors. Sonst hätten ja auch zum Beispiel niemals Amerikaner in China fertigen lassen.

„Wir arbeiten in
Deutschland und im Ausland
mit identischen Materialien“

Bei der Entscheidung zwischen dem billigsten und dem Luxusauto kann man sich als potenzieller Käufer beim ADAC informieren oder Autotests lesen und entsprechend entscheiden. Mich würde sehr interessieren, wie das bei Zahnersatz ist. Gibt es da irgendein Informationsportal? Wo kann sich ein Patient neutral über die verschiedenen Lösungen, Vor- und Nachteile und Kosten informieren?

Kai Schoch: Ich kenne kein Portal dieser Art. Es gibt lediglich Portale, mit denen man den günstigsten Preis finden kann, zum Beispiel fallen mir ein 2te-Zahnarztmeinung, Zahngebot, Medikompass, Zahnersatz-Preisvergleich.de und so weiter. Ansonsten gibt es natürlich Bewertungen bei jameda und ähnlichen Bewertungsportalen. Informationsportale über Zahnersatz gibt es auch. Diese Information muss aber der Zahnarzt leisten.

Der Zahnarzt muss darüber informieren, welcher Zahnersatz im Einzelfall am besten ist?

Kai Schoch: Genau. Der Zahnarzt hat per Gesetz die 100prozentige Aufklärungspflicht über den Behandlungsablauf, die möglichen Zahnersatz-Varianten, die Materialen und die Preise. Er informiert und macht ein Angebot, das unterschreibt dann der Patient. Zu der Aufklärungspflicht gehört allerdings auch, dass er die Möglichkeit einer vollständigen oder teilweise Fertigung im Ausland anspricht. Das wissen viele Zahnärzte nicht. Aber: es hat schon Verfahren gegeben, weil diese Information unterlassen wurde. In einem Fall wurde es dem Zahnarzt zum Verhängnis, dass er nicht über Fertigung im Ausland informiert hatte. Er musste schlussendlich dem Patienten die Differenz erstatten. Bisher muss der Zahnarzt nur informieren. Er ist also – noch! – nicht gezwungen, den Wunsch des Patienten zu erfüllen, dass seine Arbeit im Ausland angefertigt wird. So hat der Patient zwar das Recht, Geld zu sparen, aber der Zahnarzt nicht die Pflicht, dem Wunsch nachzukommen. Er kann die Behandlung ablehnen, wenn keine akuten Schmerzen vorliegen. Leider kommt die Aufklärung über günstige Angebote meiner Erfahrung nach in der Zahnarztpraxis oft zu kurz. Jedenfalls kommen vermutlich aus diesem Grund immer wieder Patienten zu uns ins Labor und lassen sich informieren.

Beratung gibt es auch
beim Zahntechniker

Moment, das heißt, man kann in ein Zahntechniker-Labor gehen und sich da einfach mal beraten lassen? So nach dem Motto: Ich war jetzt x Jahre nicht beim Zahnarzt und schätze, mir müssen ein paar Zähne gezogen werden – was könnte man denn danach so machen?

Kai Schoch: Ja, genau, das geht. Einige Labore machen darauf auch mit Werbemaßnahmen aufmerksam.

Welche Informationen könnte sich ein Patient denn bei Ihnen besorgen?

Kai Schoch: Wir können grundsätzliche Informationen darüber geben, was es so alles gibt. Welche Materialien möglich sind, welche Vor- und Nachteile sie haben, welche Kosten entstehen und so weiter. Ganz wichtig: Immer muss berücksichtigt werden, ob die gewünschte Versorgung für die entsprechende Mundsituation des Patienten überhaupt möglich ist. Da geht es zum Beispiel um das Knochenangebot bei Implantat-Versorgungen, um die Bisshöhe, die Materialverträglichkeit  und so weiter. Wie gesagt, darüber können wir prinzipiell jeden Patienten beraten. Besser ist es natürlich, wenn wir die Beratung auf Grundlage einer Planung mit Heil- und Kostenplan vom Zahnarzt durchführen können.

Und ist das Realität, kommen also tatsächlich Menschen zur Beratung ins Dentallabor?

Kai Schoch: Wir haben mehrere Patienten pro Woche im Labor. Auf Wunsch erstellen wir – meistens über hello-dent – auch ein kostenloses und unverbindliches Vergleichsangebot. Wir informieren auch in der Öffentlichkeit, zum Beispiel stehen wir mehrmals im Jahr mit einem Info-Stand auf regionalen Gewerbeschauen oder Gesundheitsmessen. Der Zahntechniker darf den Patienten informieren und auf Wunsch des Patienten auch beraten, anhand von Bildern, Filmen oder Demo-Arbeiten. Darum ist es wie schon gesagt immer besser, wenn der Patient mit einem konkreten Behandlungsplan und Heil- und Kostenplan ins Labor kommt. Dann wissen wir Zahntechniker auch schon, was machbar ist.

Haben zahntechnische Labore denn überhaupt die Möglichkeit und die Erlaubnis, einen Patienten zu untersuchen? Wie muss ich mir das vorstellen, gibt es da einen Behandlungsstuhl wie beim Zahnarzt?

Kai Schoch: Nein, der Zahntechniker darf den Patienten nicht untersuchen. Das kann er auch nicht mit seiner Ausbildung. Übrigens ist auch der Zahnarzt mit seiner Ausbildung nicht in der Lage, einen vernünftigen Zahnersatz herzustellen – aber er darf das per Gesetz! Hier stimmt meiner Ansicht nach die Rechtssprechung überhaupt nicht.

Letzte Frage: Welches Fachwissen hat eigentlich der Zahntechniker im Gegensatz zum Zahnarzt? Der Zahnarzt kann vermutlich Krankheiten besser erkennen und hat ja auch die Behandlung studiert. Aber ich ahne, dass Zahntechniker manchmal denken „oh nein, was hat der sich denn dabei gedacht?“. Was sind das für fachliche Dinge, die der Zahnarzt nicht gelernt hat, die der Zahntechniker aber beherrscht?

Kai Schoch: Der Zahntechniker hat mehr Wissen in Bezug auf Materialeigenschaften, auf deren Verarbeitung und Verträglichkeiten. Er weiß viel mehr über die verschiedensten Möglichkeiten der Versorgungsarten mit Zahnersatz. Oft machen die Zahnärzte meiner Erfahrung nach jahrelang immer die gleiche Art von Versorgung. Je nachdem, wo sie studiert haben, planen sie die Versorgung der Patienten. Der eine macht mehr Koni/Teleskoparbeiten, der andere mehr Geschiebearbeiten beim herausnehmbaren Zahnersatz…

Stopp, können Sie das bitte noch einmal verständlich formulieren? Was sind Koni und Teleskoparbeiten, was sind Geschiebearbeiten?

Kai Schoch: Koni/Teleskoparbeiten sind herausnehmbare Versorgungen, welche nach einer Art der Doppelkronentechnik funktionieren. Das heisst: Eine Krone bleibt fest im Mund auf dem Zahnstumpf, die zweite Krone passt perfekt über die erste und ist zusammen mit dem Restzahngebiss herausnehmbar. Vorteil ist, dass diese Art der Versorgung sehr langlebig ist, sehr gut an eine neue Zahn-Mund-Situation angepasst und erweitert werden kann. Eine Geschiebearbeit ist eine teil-herausnehmbare Versorgung, welche bei einer Änderung der Zahn-Mund-Situation nicht mehr erweiterbar oder änderbar ist. Darum empfehlen wir eine Teleskoparbeit! Der Zahnarzt sieht oft nur die Mundhöhle und die medizinischen Probleme darin. Wir Zahntechniker sehen aber auch die verschiedensten Versorgungsmöglichkeiten im Bezug auf den Patienten. Wir können Ästhetik, Phonetik und Kosten berücksichtigen. Bei herausnehmbarem Zahnersatz können wir berücksichtigen, ob der Patient von der Fingerfertigkeit her in der Lage ist, richtig mit seiner Prothese umzugehen. Wir kennen uns mit der langfristigen Haltbarkeit des Zahnersatzes aus oder gegebenenfalls mit den Erweiterungsmöglichkeiten. Da gibt es sehr viele Aspekte. Grundsätzlich muss man sagen, dass Zahnarzt und Zahntechniker sehr unterschiedliche Berufe sind. Ich finde, oft ist ein Zahnarzt, der auch praktisch veranlagt ist, der bessere Zahnarzt! Darum ist bei der Herstellung von Zahnersatz unbedingt eine gute Teamarbeit notwendig, ebenso eine beiderseitige Aktzeptanz.

Danke für die vielen Informationen!

Auschra

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