Eine Odyssee von Zahnarzt zu Zahnarzt

Eigentlich sollten Menschen wie Irina in Beratungsstellen für Zahnarztangst sitzen, finde ich. Oder sie sollten Zahnärzte beraten, die sich eine Art Zusatzbezeichnung „Spezialist für Angstpatienten“ verdienen wollen. So eine Zusatzbezeichnung gibt es natürlich nicht. Aber Irina als professionelle Zahnarztangstexpertin könnte ich mir sehr gut vorstellen! Hier ist ihre Geschichte.

Zahnarzt 1: zum Glück nur noch eine dunkle Erinnerung

Meine erste Erinnerung an den Zahnarzt liegt im Kindergarten-Alter. Der Arzt hat mir freundlich erklärt, was er jetzt bei mir machen wird. Daraufhin habe ich wohl den Mund erst gar nicht aufgemacht. Meine Mutter fand, dass er mir zu viel erklärt hat und hat mir gedroht, mir den Hintern zu versohlen, was sie dann wohl auch durchgezogen hat, wie sie heute noch stolz erzählt. Der gleiche Zahnarzt hat mir später vier (VIER!) Backenzähne entfernt, die alle angeblich eine Fistel hatten. Ich kann mich zum Glück nur noch dunkel daran erinnern. Ich weiß aber noch, dass mein Kiefer total vereitert war und aufgeschnitten werden musste. Die daraufhin folgende Fontäne aus Körperflüssigkeiten sorgte dann dafür, dass mein Vater ohnmächtig wurde und sich die ganze Praxis um IHN kümmerte und nicht um mich, die blutend auf dem Stuhl lag.

Zahnarzt 2: Schmerzen

Der zweite Zahnarzt während meiner Grundschulzeit wurde hochgelobt, weil bei ihm in der Praxis ein Radio lief.  Zu ihm wurde ich regelmäßig von der Kieferorthopädin geschickt. Ich ging also immer fröhlich OHNE Schmerzen dort hin und kam MIT Schmerzen zurück. Er hat mir alte Füllungen (ja, auch die mit Amalgam) aus den Zähnen gekratzt und einfach in den Rachen fallen lassen. Wenn ich daraufhin würgen musste, wurde ich angeblafft. Als er mir eine Spritze gegeben hat und mir dann die Tränen kamen, wurde ich aufgezogen: „Haha – da kommen ja Spritzen-Tränchen“. Als dann meine Kieferortho-Behandlung beendet war, habe ich jeden weiteren Zahnarztbesuch verweigert. Über Jahre. Bis dann Nerven blank lagen und ein Besuch beim Zahnarzt unvermeidlich war. So ca. 10 Jahre später.

Zahnärztin 3: lieb, aber…

Die dritte Zahnärztin war (und ist sicher bis heute) ein Schatz. Lieb, freundlich und verständnisvoll. Aber … mehrere Male hat sie bei mir gepfuscht. Am schlimmsten war wohl die Wurzelbehandlung des allerersten Zahns. Den hat sie wurzelbehandelt und mir erstmal  die Schmerzen genommen. Nach einer Weile tat dieser Zahn aber wieder weh. Auf meinen Hinweis, dass der Zahn immer noch weh tut hieß es: „Kann ja gar nicht sein – der ist doch tot“.

Gott sei Dank ist mir dieser Zahn (ca. 15 Jahre später) in der Schwangerschaft abgebrochen und musste raus. Nachdem sie die Überreste des Zahns aus dem Kiefer rausgefummelt hatte, sah man, dass an einer Wurzel ein riesiger Abzess hing. „Na, so ein Glück, dass wir den erwischt haben“, hat sie dann fröhlich gesagt. Er hätte also drinbleiben können und ich hätte noch weitere Jahre schlimme Schmerzen haben können.  Nachdem sie mir dann einen weiteren wurzelbehandelten Zahn abgefüllt hat (obwohl er hätte offen bleiben sollen) und ich Weihnachten beim Zahnnotarzt verbracht habe, bin ich nicht mehr zu ihr gegangen und stattdessen zu

Zahnarzt 4: der schlimmste Zahnarzt

DAS war der schlimmste überhaupt. Ich bezeichne ihn gerne als Mischung aus Dr. House und Mr. Hyde … nur nicht so nett wie die beiden. Er hatte überhaupt kein Verständnis für meine Angst und hat sie, im Gegenteil, vervielfacht. Vor allem, als er mir gleichzeitig drei Zähne gefüllt hat und dann nach stundenlangem Bohren sowas sagte wie: „Jaja, ich weiß, das tat weh, aber ich wollte es ausnutzen, dass Sie mal da sind. Und außerdem sind Sie ja nicht vom Stuhl gefallen, also SO schlimm war’s dann ja wohl nicht!“

Konsequenz? Wieder jahrelange Verweigerung. Mein Mann hat dann einen Termin ausgemacht bei

Zahnarzt Nr. 5: ein Schatz, aber unsicher

Wieder ein Schatz und eine Seele von Mensch, der wirklich vorsichtig und verständnisvoll war. Aber oft genug war er unsicher oder musste seinen Chef zur Hilfe rufen. Die Brücke, die er mir gemacht hat, sitzt nicht richtig und wackelt. Ich lebe in ständiger Angst, dass sie mir rausfällt. Also so richtig zufrieden war ich nicht. Darum wurde mir Zahnarzt Nummer 6 empfohlen.

Zahnarzt 6: direkt um die Ecke

Er hat seine Praxis praktischerweise direkt um die Ecke. Dorthin hab ich zuerst, um ihn kennenzulernen, meine Tochter begleitet. Begrüßt wurde ich nicht. Als ich dann meinen eignen Termin hatte und auf dem Anamnesebogen angegeben habe, dass ich Angstpatient mit Würgereiz bin, kam so ein Spruch wie: „Na toll!“.

Dann wurde ich gefragt, wie ich denn Zähne putze und mir wurde wie einer Grundschülerin ein Gebiss und eine Zahnbürste in die Hand gedrückt. Fühlte mich leicht verarscht. Als ich sagte: „Ich hatte jetzt eine langwierige Behandlung. Jetzt ist zum Glück erst mal alles fertig!“ hieß es: „Naja – WER behauptet denn sowas?“ und zu guter Letzt wurde bei mir eine Zahnreinigung gemacht, die fürchterlich weh tat. Auf meinen dreimaligen Hinweis: „Sie tun mir weh!“ wurde nicht reagiert. Und ich weiß auch nicht, ob Zahnreinigung immer so blutig abläuft. Das war’s dann mal wieder für lange Zeit!!!

Zahnärztin 7: mit Kinderwartezimmer

2016 suchte ich dann Zahnärztin Nr. 7 auf, die mir extra in der Facebook-Gruppe für Angstpatienten empfohlen worden war. Sie ist in einer Gemeinschaftspraxis die Kinderzahnärztin und so muss man als Angstpatient ins Kinderwartezimmer mit Teddybären, Lillifee- und Malbüchern. Schön war, dass sie über dem Praxisstuhl einen Fernseher hatte und man den Ton über Kopfhörer eingespielt bekam.

Dass sie mich konsequent als „Mein Schatz“ tituliert hat nahm ich mal so hin. Mir wurde ein schmerzender Zahn gefüllt. Auf meinen Hinweis, dass noch ein anderer Zahn weh tut, hieß es. „Da kann man nichts machen“. Dafür wollte sie aber meine Schneidezähne überkronen. Ich ging noch ein 2. Mal hin, damit gilt wohl die Zahnarztangst als überwunden. Jedenfalls war bei diesem Besuch von Empathie und Vorsicht keine Spur mehr.

Fazit

Als nächstes war ich wieder bei Zahnarzt Nr. 6. Meine ganze Familie ist da in Behandlung und er hat über meinen Mann gebeten, ihm noch einmal eine Chance zu geben Außerdem hat er die Helferin entlassen, die mir damals die Zahnreinigung gemacht hat.

„Etwas Schlimmeres erleben Sie hier nicht“

Der Besuch war natürlich furchtbar, weil er mir einen völlig zerstörten Zahn ziehen musste. Aber da kann er ja nix für. Er ist aber auf mich eingegangen, hat Pausen gemacht und erst weitergemacht, wenn ICH gesagt habe: Jetzt geht’s wieder. Beim nächsten Besuch sagte er, dass ich jetzt enstpannen kann .. etwas Schlimmeres könnte ich bei ihm jetzt nicht mehr erleben.

Da bleibe ich. Ist halt wirklich praktisch, dass die Praxis nur 4 Häuser weiter ist. Keine Fahrtzeit, keine Parkplatzsuche …

Und heute?

Es wäre schön, wenn die Geschichte mit diesem positiven Fazit zu Ende wäre. Aber die Wirklichkeit sieht wohl doch ein bisschen anders aus. Ich höre ab und zu von Irina und fürchte, dass sie wieder auf der Suche ist. Trotzdem lasse ich die Geschichte hier enden.

Und rufe mal kurz rüber: Irina, du schaffst das!

Auschra

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