„Ein Sicherheitsanker für die Angstpatienten“

Eine seltene Kooperation: Sie ist Diplom-Psychologin, er Zahnarzt. Sie bietet Hypnosetherapie an, er ist auf Angstpatienten spezialisiert. Die Rede ist von Stefanie Overhaus und ihrem Mann Dr. Martin Ritzenhoff. Hypnose ist bei ihnen eine sehr ernsthafte Therapie. Es ist sogar möglich, Zähne ohne Lokalanästhesie zu ziehen, wenn die Hypnose passt!

Ich habe gelesen, dass Sie als Diplom-Psychologin Hypnosen in einer Zahnarztpraxis anbieten. Das ist ungewöhnlich.

Stefanie Overhaus: Ja, das ist folgendermaßen entstanden: Mein Mann ist Zahnarzt, seine Praxis liegt im Erdgeschoss des Hauses, in dem zwei Stockwerke weiter oben meine Praxis ist. Ich hatte Interesse an einer Weiterbildung in Hypnose und hatte ihn gefragt, ob das nicht auch etwas für ihn sein könnte. Aber er hat nach der Einführung abgewinkt. Das ist nichts für ihn. Wir machen es jetzt so, dass jeder seine Arbeit macht. Ich kümmere mich um die Hypnose, er um die zahnärztliche Versorgung. Das funktioniert sehr gut!

Meinen Sie, es ist ein Vorteil, dass Sie sich nur auf den Patienten konzentrieren müssen und nicht gleichzeitig noch bohren oder so?

Stefanie Overhaus: Ich könnte ja gar nicht bohren! Ich weiß natürlich, dass es Zahnärzte gibt, die das offenbar ganz hervorragend gleichzeitig hinkriegen. Aber ich würde sagen, dass es für uns optimal so ist, wie es ist. Ich kann mich ganz auf die kleinen Signale des Körpers konzentrieren, die mir zeigen, wie tief die Hypnose ist. Das kann zum Beispiel ein kleines Zucken der Finger sein oder ein flacheres oder tieferes Atmen. Meine Hauptaufgabe ist es, den Patienten im Blick zu haben. Und der Zahnarzt muss seine Aufmerksamkeit nicht zwischen seiner fachlichen Aufgabe und der Hypnose des Patienten teilen.

„Ich kann mich ganz
auf die kleinen Signale des Körpers
konzentrieren“

Wo befinden Sie sich denn am Behandlungsstuhl? Rechts steht ja normalerweise der Zahnarzt, links die Assistenz. Und Sie?

Stefanie Overhaus: Ich sitze zu Anfang am Fußende auf der linken Seite. Von da aus habe ich alles gut im Blick. Wir vereinbaren immer als Notsignal, dass sich die linke Hand des Patienten hebt, wenn irgendetwas ist. Ich reagiere dann sofort, indem ich sage, dass kurz unterbrochen werden muss. Dann stoppen sofort alle. Das funktioniert sehr gut. Wenn die Behandlung lauter wird, also zum Beispiel weil der Bohrer eingesetzt wird, wandere ich vom Fußende hinter den Kopf des Patienten. Direkt hinter den Ohren hört er mich sicher. Mein Wandern wird auch nicht als Störung empfunden, weil ich es in die Hypnose einbaue.

Das verstehe ich nicht richtig.

Stefanie Overhaus: Man kann die verschiedensten Störungen in die Hypnose mit einbeziehen und ausschalten. Der Patient richtet seine Aufmerksamkeit nach innen, weg von Alltagsgeräuschen wie vorbeifahrenden Autos oder einer tickenden Uhr. Um die Trance einzuleiten oder zu vertiefen, kann man ihn auf Wahrnehmungen aufmerksam machen, zum Beispiel auf meine wandernde Stimme. Ich sage zum Beispiel, sobald die Stimme anfängt zu wandern, kann er sich noch ein bisschen tiefer entspannen. Die Außengeräusche werden genutzt, um die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken. Das funktioniert.

Wirkt Hypnose eigentlich bei allen Patienten? Ich habe oft den Eindruck, dass der Begriff Zahnarztangst sehr viele verschiedene Probleme unter einen Hut bringt. Da sind Menschen, die Angst vor Schmerz oder Spritze oder Bohrer haben, andere schämen sich furchtbar und dann gibt es noch die mit echten Traumata. Funktioniert die Hypnose bei allen?

Stefanie Overhaus: Würgereiz ist auch noch so ein Aspekt von Zahnarztangst. Aber zu Ihrer Frage: Ich habe einen bestimmten Standardablauf, um herauszufinden, ob meine Hypnose bei einem interessierten Patienten funktioniert. Es beginnt mit einem Vorgespräch in meiner Praxis, bei dem ein Fragebogen ausgefüllt wird. Ich frage nach Grunderkrankungen und speziellen Ängsten, aber auch nach Orten und Erlebnissen, zu denen der Patient positive Bezüge hat. Die meisten Interessenten wissen schon, wie ich arbeite, weil ich viele durch meine Info-Abende kennenlerne, auf denen ich Hypnose vorstelle. Da sieht man einen kurzen Film, ich erkläre einige Dinge und zum Schluss lade ich alle Teilnehmer ein, an einer kleinen Phantasiereise teilzunehmen. Was in der Praxis noch wichtig ist: Im Anschluss an das Gespräch gehört unbedingt auch eine Leertrance dazu, eine Hypnose ohne Zahnbehandlung also. Vielleicht haben Sie schon mal etwas von der Handlevitation gehört?

„Man darf den Mund
zur Reparatur abgeben“

Nein. Was ist das?

Stefanie Overhaus: Der Patient stützt seinen Ellenbogen auf die Armlehne, so dass die Hand steif und fest über dem Ellbogen steht und nach oben zeigt. Diese Haltung kostet Kraft, aber wenn man in Trance ist, spürt man das nicht. Man hat den Unterarm sozusagen abgespalten. Das gelingt durch Suggestion. Für den hypnotisierten Menschen fühlt es sich nicht anstrengend an, seinen Arm so zu halten. Diese Erfahrung aus der Leertrance nutze ich, um auf die Zahnbehandlung vorzubereiten. Wenn man den Arm abspalten kann, so dass man ihn nicht mehr spürt, dann geht das auch mit dem Mund. Man darf den Mund zur Reparatur abgeben.

Das klingt gut. Gibt es Menschen, bei denen eine Hypnose kontraindiziert ist?

Stefanie Overhaus: Es gibt ungefähr 10 Prozent Menschen, bei denen Hypnose nicht geht und 10 Prozent, die sich in eine sehr tiefe Trance bewegen können. Die restlichen 80 Prozent sind durchschnittlich gut zu hypnotisieren. Bei Menschen mit Psychosen und schweren Traumatisierungen muss man sehr genau schauen, was geht. Wer an einer Psychose leidet, lebt ja in akuten Phasen schon phasenweise in einer anderen, einer Wahnwelt. Unter Hypnose gehen wir ja auch in eine innere Welt und deshalb könnte es hier schwierig werden. Aber diese Patienten sind selten, weitaus häufiger sind – in Anführungszeichen – einfache Zahnarzt-Traumata, wo man zum Beispiel als Kind erlebt hat, wie man dem Zahnarzt ausgeliefert war.

Und da hilft Hypnose?

Stefanie Overhaus: Ja. Diese Patienten gehen oft jahrelang nicht zum Zahnarzt. Der Verstand sagt, ich muss da hin, aber der Bauch sagt Nein. Die Not ist also groß, der Wunsch nach Hypnose ist groß! Viele Patienten kommen nach durchwachter Nacht beim Zahnarzt an, sind angespannt und hoffen auf Rettung durch Hypnose. Sie lassen sich gerne auf meine Stimme ein und sind durch die ganze Situation gut hypnotisierbar. Es ist ganz wichtig, dass diese Patienten die Kontrolle behalten! Wenn in der Sitzung ihr Ok zur Behandlung nicht kommt, wird nichts gemacht. Ich bin der Sicherheitsanker, ich weiche nicht von ihrer Seite und quatsche von der Tür der Praxis bis zum Sitzen im Behandlungsstuhl über alles Mögliche, aber nicht über Zähne. In der Vorbereitung habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Behandlungsliege beim Zahnarzt besonders bequem ist und zum Entspannen einlädt. Wenn man sich niedergelassen hat, fallen sofort die Bilder an der Decke auf – Fotos von Stränden oder Unterwasseraufnahmen. Da haben wir dann auch sofort ein Thema, über das gesprochen werden kann. Das heißt, die Aufmerksamkeit wird auf angenehme Vorstellungen gelenkt.

Und wenn jemand keine angenehmen Vorstellungen mehr hat, zum Beispiel weil er depressiv ist?

Stefanie Overhaus: Den Fall hatte ich jetzt noch nicht. Wir hatten einmal eine Patientin mit großer Spritzenangst, die sich so negative, düstere Bilder vorgestellt hat, dass ich sie lieber nicht hypnotisieren wollte. Das ging aber ganz spannend weiter. Die Frau hatte viele Piercings und mein Mann, also der Zahnarzt, fragte dann, wie sie das Stechen der Piercings denn ausgehalten hätte. Sie antwortete, sie hätte die Nadel führen dürfen. Mein Mann reagierte sofort und bot ihr an, die Spritze selbst zu halten. Er hat natürlich ihre Hand geführt und für Sicherheit bei der Aktion gesorgt. Das ging!

Gibt es typische Patienten, die mit Zahnarztangst zu Ihnen kommen?

Stefanie Overhaus: Nein, das ist ganz unterschiedlich. Geschäftsmänner, Lehrerinnen, junge und alte Leute. Allen gemeinsam ist vielleicht, dass sie über ein bisschen Geld verfügen, weil die Hypnose ja aus der eigenen Tasche gezahlt werden muss.

Darf ich nach den Kosten fragen?

Stefanie Overhaus: Ja. Ich rechne pro Viertelstunde 25 Euro ab, wobei die Zeit von dem Moment an läuft, wo die Trance eingeleitet wird. Das reicht dann für eine kleine Füllung, größere Maßnahmen kosten entsprechend mehr. Ich frage nach der Behandlung immer, wie lange es dem Patienten vorkam. Die Zeitempfindung verändert sich ja unter Hypnose.

Ah, das heißt, man muss für eine Stunde zahlen, hat aber das Gefühl, dass die Behandlung nur eine Viertelstunde gedauert hat. Wie gemein! Wird die Behandlung eigentlich immer unter Lokalanästhesie gemacht?

„Zahn-Extraktionen
unter Hypnose,
ohne jede Betäubung“

Stefanie Overhaus: Ja, die meisten wollen das so. Aber wir haben auch schon Zahn-Extraktionen unter Hypnose gemacht, ohne jede Betäubung. Das geht! Man muss halt zwischendurch manchmal Pause machen. Der Patient bemerkt schon, dass da gearbeitet wird – es ist ihm nur egal.

Cool. Sie hatten vorhin noch den Würgereiz angesprochen…

Stefanie Overhaus: Ja, viele Angstpatienten haben Angst davor zu ersticken, wenn bei ihnen Abdrücke genommen werden. Also wird bei uns der kleinstmögliche Löffel eingesetzt und auch nur soviel Material hineingetan wie unbedingt nötig. Bei einem Patienten haben wir erlebt, wie gut die Hypnose da einsetzbar ist. Bei ihm mussten mit Hilfe von Hypnose alle Zähne gezogen werden. Die Abdrücke wollte er allerdings ohne hinkriegen. Die Mitarbeiterin musste den Versuch, Abdrücke zu nehmen dann aber abbrechen, weil er einfach nicht zu beruhigen war. Also doch mit Hypnose – und siehe da, es funktionierte wunderbar. Er fokussierte sich auf einen Spaziergang mit seinem Hund im Wald, atmete tief die frische Waldluft ein, freute sich am schwanzwedelnden Tier und hielt die Abdrücke locker aus. Für die ZFA war das eine sehr überraschende Sache. Dass Hypnose so gut wirkt, hatte sie wohl doch nicht erwartet.

Und dann hatten wir noch das Thema Scham.

Stefanie Overhaus: Ja, viele Menschen mit Zahnarztangst schämen sich sehr, weil ihre Zähne nicht schön aussehen, sondern braun oder abgebrochen. Darüber sprechen wir schon im Vorgespräch. Ich zeige Verständnis für die Situation und sage zum Beispiel, dass mein Mann so etwas kennt. Ich unterstütze den Patienten darin, dass er den ersten Schritt ja schon getan hat und jetzt weiter Verantwortung für seine Zähne übernehmen kann. Das sind oft Menschen, für die ich viel Mitgefühl habe. Eine Frau hatte sich zum Beispiel das Lächeln abgewöhnt, damit man ihre kaputten Eckzähne nicht sehen konnte. Oder sie hielt sich die Hand vor den Mund, wenn sie beruflich vor größeren Gruppen sprechen musste. Dafür schämte sie sich irgendwann mehr als für die schlechten Zähne. Dann kam sie in die Praxis… Für solche Menschen wollen mein Mann und ich gerne Ansprechpartner sein, das finden wir wertvoll und wichtig.

Das klingt sehr sympathisch, danke sehr für das Gespräch!

 

 

 

 

 

Auschra

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