Brainspotting: Traumatherapie mit Zeigestock

Manche hässlichen Erlebnisse verarbeiten wir. In anderen Fällen bleibt das Gehirn in einer Art von Schockstarre stecken. Brainspotting ermöglicht eine Bearbeitung des erstarrten Gefühls.

Traumata hinterlassen Erinnerungen im Gehirn

Brainspotting-Therapeuten sind überzeugt, dass Traumata Erinnerungen im Gehirn hinterlassen, so genannte Spots. Diese Spots wollen sie ansteuern und auflösen. Das passiert mit Hilfe von Augenbewegungen: Der Therapeut bewegt den Zeigestock langsam, zum Beispiel von rechts nach links durch das Blickfeld des Patienten. Der schaut auf die Spitze des Zeigestocks und versucht, das körperliche Gefühl hervorzurufen, um dessen Bearbeitung es geht. Er stellt sich also zum Beispiel vor, wie er die Tür zur Zahnarztpraxis oder wie er den Stuhl sieht. Die Vorstellung ruft vielleicht ein Ziehen in der Brust hervor oder eine Verkrampfung im Magen.

Wenn die Augen dem Zeigestock folgen, ist dieses Gefühl nicht überall gleich stark. Es macht sich möglicherweise stärker bemerkbar, wenn der Zeigestock nach links wandert und ist am stärksten an einem Punkt links oben zu fühlen. Oder umgekehrt, das ist bei jedem Menschen verschieden. Diesen Punkt, wo das Gefühl am intensivsten gespürt wird, nennt man Aktivierungspunkt.

Der zweite wichtige Punkt beim Brainspotting ist der Ressourcenpunkt: der Punkt, an dem sich das Gefühl am besten wieder entspannt.

Interview mit Dipl.-Psych. Alexander Reich

Alexander, wie sieht eine typische Brainspotting-Therapie bei Zahnarztangst aus?

Alexander Reich: Der klassische Weg sieht so aus: Der Patient mit Angst vor dem Zahnarzt wird aufgefordert, sich die schlimmste Situation in der Zahnarztpraxis vorzustellen. Er soll auf seine körperliche Reaktion darauf achten und das Gefühl beschreiben. Dann sucht er mit Hilfe des Stabs die beiden Blickrichtungen, in denen die körperliche Reaktion am stärksten und am schwächsten ist. Jetzt kann das Gefühl durchgearbeitet werden, bis die körperliche Empfindung nicht mehr spürbar ist.

„Das Gefühl kann
durchgearbeitet werden,
bis es verschwindet“

Kann man mit Brainspotting alle Arten von Zahnarztangst behandeln? Angefangen von Menschen, die sich ein bisschen vor der Spritze fürchten bis hin zu Menschen mit richtig traumatisierenden Erfahrungen?

Alexander Reich: Prinzipiell ja, aber die Behandlungen werden vermutlich unterschiedliche Schwerpunkte haben. Ich kann den Punkt der maximalen Aktivierung suchen und dem Patienten helfen, da durchzugehen. Das ist emotional anstrengend. Oder ich arbeite eher ressourcenorientiert. Das heißt, der Patient nähert sich dem Angst-Thema von seinem entspannten Ressourcenpunkt aus. Das kostet weniger Kraft.

Welche Ziele verfolgt man mit den unterschiedlichen Herangehensweisen?

Alexander Reich: Wir haben immer die Wahl, entweder durch das belastende Gefühl durchzugehen oder Ressourcen zu holen, damit wir uns dem Thema entspannter stellen können. Wenn der Patient intensiv am Aktivierungspunkt arbeitet, kann er eine traumatische Erfahrung verarbeiten. Das wie eingefroren gespeicherte Gefühl löst sich auf und im Idealfall tritt die Angst danach nicht mehr auf. Wenn man dagegen am Ressourcenpunkt arbeitet, kann es relativ schnell gelingen, dass der Patient sich seiner Angst besser widmen kann. Er schafft es dann zum Beispiel, die Vorstellung vom Sitzen im Behandlungsstuhl mit einem warmen Gefühl im Bauch zu verknüpfen.

Das heißt, die Angst ist zwar noch da, aber man hält sie leichter aus? 

Alexander Reich: Ja. Man muss wirklich zwischen unterschiedlichen Angst-Problemen unterscheiden. In der Regel ist Angst in die Zukunft projiziert und wird aus der Vergangenheit gespeist. Es geht ja eigentlich niemand so richtig gerne zum Zahnarzt. Man muss den Mund aufmachen, sich ausliefern und vielleicht tut es auch weh. Dieses ungute Gefühl nehmen manche Menschen schulterzuckend hin.

„Niemand geht so
richtig gerne zum Zahnarzt“

Wenn jemand stärkere Ängste hat, dann kann das an schlechten Erfahrungen mit einem Zahnarzt liegen, zum Beispiel als Kind. Eine andere Möglichkeit ist es, dass er ganz andere schlechte Erfahrungen mit einem Zustand von Hilflosigkeit gemacht hat. Wenn man das Thema Zahnarztangst am Aktivierungspunkt bearbeitet, dann kann es passieren, dass man auf solche anderen Erfahrungen stößt. Plötzlich steht nicht mehr die Erinnerung an den Zahnarzt im Raum, sondern zum Beispiel an einen Vater, der das Kind im Keller einsperrt. Dann braucht man mehr Zeit, um dieses Thema auch zu bearbeiten.

Wie lange dauert so eine Therapie?

Alexander Reich: Oft kann man mit wenigen, vielleicht vier, fünf Sitzungen viel erreichen. Das ist ja gerade der Charme der Methode. Handelt es sich um eine klar definierte Angst mit einer klar definierten Ursache, kann es sein, dass man schon mit sehr wenigen Sitzungen viel erreichen kann. Liegt aber unter dieser Angst eine ganz andere Erfahrung, zum Beispiel aus der Kindheit, dann wird sich daraus womöglich eine längere Psychotherapie ergeben. Am Beispiel Zahnarztangst kann man unter Umständen aber auch anders arbeiten, indem man den Fokus verändert.

 

„Je mehr Stress, desto
intensiver ist das
Schmerzempfinden“

Stopp, was heißt das?

Alexander Reich: Schmerz ist eine Empfindung mit einem hohen psychischen Anteil. Wenn der Patient sich vorstellt, einen großen Schmerz im Mund zu spüren, dann ist er nur auf seinen Mund konzentriert und empfindet alles, was da passiert, besonders intensiv. Je mehr Stress, desto intensiver ist das Schmerzempfinden! Es ist deshalb sinnvoll, an der Entspannung zu arbeiten. Den realen Schmerz kann ich nicht nehmen, aber ich kann verhindern, dass der psychische Anteil dieser Angst weiter steigt. Man kann lernen, den Fokus, also die Aufmerksamkeit, auf etwas anderes zu richten. Er kann sich zum Beispiel auf den Unterbauch konzentrieren, wenn er sich durch diese Wahrnehmung besser geerdet fühlt. Der Ressourcenpunkt, also die Blickrichtung, die dieses gute Gefühl am besten verstärkt, hilft dabei, dieses Wohlgefühl am intensivsten wahrzunehmen. Diese Wirkung kann man noch durch ein inneres Bild verstärken, also zum Beispiel die Vorstellung, ganz entspannt am Strand zu liegen. Oder durch einen Satz, den man in Gedanken wiederholt, zum Beispiel: Ich bin stark genug, das zu schaffen. Aber das ist dann nicht mehr typisch Brainspotting, das sind Verknüpfungen mit anderen Therapieansätzen.

Und die Kosten der Therapie?

Alexander Reich: Brainspotting wird ja nicht von der Kasse übernommen, man zahlt selbst. Die Kosten pro Sitzung erfragt man beim Therapeuten direkt. Die Motivation ist also groß, so eine Therapie mit möglichst wenigen Sitzungen durchzuziehen. Das kann funktionieren und für den Patienten ein echter Vorteil sein, aber es funktioniert nicht immer. Manche Menschen brauchen einfach mehr Zeit, um weitere Themen abzuarbeiten, die sich aus dem ersten ergeben.

Besteht eigentlich die Gefahr, dass jemand bei dir in der Praxis eine Panikattacke bekommt?

Alexander Reich: Es geht beim Brainspotting ja darum, das Trauma nicht noch einmal zu durchleben, als wäre es gerade die Realität. Als Therapeut sorge ich dafür, dass der Patient sich sicher fühlt. Er weiß, dass er das Trauma in einem virtuellen Raum durchlebt. Die Arbeitssituation hier mit dem Stab schafft eine Distanz zu der Erinnerung. Der Stab ist dabei ein Anker im Außen, der es erleichtert, sich nicht in der Gefühlswelt zu verlieren. Diese Vorgehensweise macht es sehr unwahrscheinlich, dass es zu einer echten Panikattacke kommt, aber das will ich nicht ausschließen.

Wie ist es eigentlich mit der Scham? Kann man da mit Brainspotting auch etwas machen?

Alexander Reich: Ja, man kann den Aktivierungspunkt für die unguten Gefühle in Bezug auf die schlechte Zahnsituation ansteuern und durcharbeiten. Dabei wird man auch fragen, woher der Patient dieses Gefühl von Scham sonst noch kennt und eventuell muss man da dann einiges bearbeiten.

Letzte Frage. Wie findet man einen guten Brainspotting-Therapeuten?

Alexander Reich: Gute Frage. Ich würde darauf achten, ob mir ein Therapeut klar und transparent über die Therapiemöglichkeiten berichtet. Dazu gehört auch der Hinweis, dass die Bearbeitung eines Problems nicht unbedingt nach fünf Sitzungen abgeschlossen sein muss, sondern auch länger dauern kann. Wer damit wirbt, dass er in zwei Sitzungen alle Traumata aufgelöst hat, dem würde ich nicht viel Vertrauen schenken. Und ich würde immer schauen, ob er eine fundierte Grundausbildung hat.

Auschra

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