Bitte werft eure gezogenen Zähne nicht weg!

 

Es gibt ein neues Verfahren, um den Kieferknochen aufzufüllen. Dazu muss man einen extrahierten Zahn reinigen und schreddern. Klingt schrecklich? Nein, ganz im Gegenteil. Das klingt nach einer perfekten Lösung für ein Problem, das viele Menschen mit Zahnlücken haben.

Leider ist folgende Situation nämlich gar nicht so selten: ein Zahn muss raus oder es besteht schon länger eine Lücke und eigentlich würde man gerne ein Implantat setzen lassen. Aber dann sagt der Zahnarzt beim Blick auf das Röntgenbild: „Schade, der Kieferknochen hat ziemlich abgebaut“.

Implantat, obwohl der Kieferknochen dünn ist

Wenn der Knochen zu dünn geworden ist, fehlt das Fundament für das Implantat. Das bedeutet normalerweise, dass tierisches Knochenmaterial oder künstliches Material in den Oberkiefer des Menschen eingebracht wird, damit das Implantat genug Halt in Richtung Nasennebenhöhle hat. Die Fachausdrücke für diese Operation lauten Kieferaugmentation oder Ridge Preservation – das lässt sich übersetzen mit gesteuerter Knochenregeneration oder Erhaltung des Kieferkamms.

Der Smart Grinder – Kaffeemühle für Zähne

Neu für diesen Einsatz ist eine Idee, die eng verbunden ist mit einem Gerät namens Smart Grinder. Der englische Begriff Grinder hat einerseits die Bedeutung von Mühle, etwa Kaffeemühle, andererseits werden auf Englisch auch die Backenzähne als grinder bezeichnet. Klar, sie mahlen ja schließlich auch.

Der Smart Grinder ist eine Mühle mit einer besonderen Funktion. Er ist dazu gedacht, menschliche Zähne in ein hochwertiges Arbeitsmittel zu verwandeln. Der Zahn, der gezogen werden muss, weil er wackelt, ist nämlich keinesfalls wertlos. Er ist ein optimaler Rohstoff, um den eigenen Kiefer wieder aufzubauen. Das Zahnmehl verknöchert regelrecht im Kieferknochen – super stabil. „Das ist ein tolles Beispiel für Biologische Zahnmedizin“, erklärt Zahnarzt Dr. Manuel Waldmeyer. Stolz berichtet er, dass er der Erstanwender der Methode in Deutschland ist. Seit Januar 2016 arbeitet er mit dem Smart Grinder, der perfekt in sein Konzept passt: Biologische Zahnmedizin für Menschen mit Zahnarztangst.

Zahn raus, Kiefer aufbauen: eine Operation

Die kombinierte Operation aus Zahnextraktion und Kieferaufbau aus dem eigenen Zahn hat einen großen Vorteil. Waldmeyer vergleicht den Zahn mit einer Zeltstange, die das Gewebe zur Nasennebenhöhle stützt. Zieht man den Zahn, hat die Zeltplane ohne Zeltstange keinen Halt mehr. Wenn man keinen Ersatz für die Zeltstange platziert, dann senkt sich die Zeltplane. Waldmeyer kann den Zahn ziehen und anschließend gleich in zermahlener Form wieder einsetzen – aus der alten wird eine neue Zeltstange! Das ist der Vorteil der Ridge Preservation: das Gewebe bleibt oben, die neue Zeltstange stützt, der Kiefer bleibt stabil.

Der frisch gezogene Zahn kann, er muss aber nicht unbedingt sofort zerkleinert und eingesetzt werden. Er hat ja eine Haltbarkeit von über 1000 Jahren! Man kann also auch in zwei Operationen vorgehen oder alte Weisheitszähne benutzen, die der Zahnarzt vor Jahren als Andenken mitgegeben hatte.

Bisher konnte man in solchen Situationen Material aus

  • dem eigenen Knochen (aus Kinn, Unterkiefer oder Hüfte)
  • künstlicher Herstellung
  • tierischen Knochen

benutzen. Jetzt kommen eigene gezogene Zähne hinzu. „Das Material ist perfekt“, schwärmt der Zahnarzt, „weil es sich um körpereigenes, deshalb wunderbar passendes Material handelt“. Früher galten gezogene Zähne als Abfall. Aber man kann sich gut vorstellen, dass man sie bald ehrfürchtig als eine Art menschliches Elfenbein betrachten wird. Als wichtigen Rohstoff, den der Zahnarzt nicht wegwirft, sondern vorsichtig zerkleinert und dem Patienten mitgibt. Natürlich in einem edlen Tütchen verpackt!

Man kann fast jeden extrahierten Zahn benutzen, er darf allerdings nicht bereits wurzelbehandelt sein. Alle anderen Zähne, auch wenn sie Karies haben oder abgeschliffen sind, kann man reinigen und für den Knochenaufbau nutzen.

Für wen ist das was?

Einerseits ist es eine gute Methode für alle Menschen, die bisher einen üblichen Knochenaufbau bekommen hätten, um dem Knochen die nötige Dicke für ein Implantat zu geben. Andererseits sieht Waldmeyer typische Zielgruppen, die besonders interessiert an ihrem eigenen „Elfenbein“ sind. Nicht jeder mag die Vorstellung, Material aus Schweineknochen in sich zu tragen. Wer aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch isst, der möchte auch keine Schweineknochenmaterial im Kiefer haben. Auch Veganer haben ihre Gründe, auf tierische Produkte zu verzichten.

Junge Patienten mit ausgeprägter Zahnbehandlungangst haben bekanntlich manchmal einige Zahnruinen, die nicht mehr gerettet werden können. Hier ist es besonders wichtig, für einen guten Knochenaubau zu sorgen – schließlich sollen die Implantate oder die Teleskopprothese lange halten und sich beim Beißen anfühlen wie eigenen Zähne.

Es gibt Berichte von weiteren Einsatzmöglichkeiten. Einem Patienten mit frischem Kieferknochenbruch wurde zum Beispiel ein Weisheitszahn gezogen, geschreddert und sofort als Knochenaufbaumaterial am Knochenbruch eingesetzt.

Seit wann gibt es dieses Verfahren?

Viele Zahnärzte kennen diese Möglichkeit noch nicht, deshalb bietet Waldmeyer demnächst auch ein Kennenlern-Seminar für Kollegen an. Die Idee und die ersten Studien stammen aus Israel von Prof. Itzhak Binderman und seinem Team an der Universität Tel Aviv. Eine ausgeklügelte und gleichzeitig genial-einfache Sache, die aus gutem Grund in den letzten Jahren schon verschiedene Innovationspreise erhalten hat. Trotzdem ist es bei uns bisher relativ unbekannt.

Wie geht das konkret?

Waldmeyer findet folgendes Vorgehen am besten, auch im Sinne der Angstpatienten: In nur einer Operation zieht er unter Vollnarkose oder Lachgas-Sedierung den Zahn, säubert ihn hygienisch einwandfrei, entfernt notfalls alte Füllungen und zerkleinert den Zahn im Smart Grinder. Das Zahnmehl besteht aus organischen und anorganischen Bestandteilen. Für den Knochenaufbau wird nur der anorganische Teil des Zahns benötigt, der vor allem aus Hydroxylapatit besteht. Aus diesem Stoff bestehen auch Knochen, der Kieferknochen „kennt“ das Knochenaufbaumaterial also schon! Die Trennung von organischen und anorganischen Bestandteilen geht super schnell und der Zahnarzt kann das Material sofort für den Knochenaufbau einsetzen. „Diese Operation dauert insgesamt nur 15 Minuten länger als die einfache Extraktion des Zahnes“, erläutert er. Eine Viertelstunde, die für ein gut eingewachsenes und stabiles Implantat sorgen soll.

Eine Zahnextraktion kann unterschiedliche Löcher hinterlassen. Im günstigsten Fall kann der Zahnarzt den Zahn so aus dem Kiefer ziehen, dass eine Art Brunnen im Kiefer zurückbleibt. Wenn es weniger gut läuft, ist der Brunnen nur an zwei oder drei Seiten geschlossen. Wenn man jetzt Knochenaufbau betreiben will, braucht man eine künstliche Seitenwand für den Brunnen. Waldmeyer hat auch hier eine Lösung gefunden, die seinem Konzept der Biologischen Zahnmedizin entspricht: aus Blut, genauer gesagt aus weißen Blutkörperchen, lässt sich leicht eine körpereigene Membran herstellen. Er nimmt dem Patienten dafür Blut ab, um daraus eine dünne Membran wachsen zu lassen.

Und was kostet das?

Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten für den Smart Grinder nicht, der Patient muss die Kosten dafür aus der eigenen Tasche zahlen. Waldmeyer berechnet laut Gebührenordnung je nach Aufwand zwischen 150 und 250 Euro für den Smart-Grinder-Knochenaufbau.

 

Foto: Waldmeyer

Auschra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.