Zehn Jahre Sylt-Thai

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Foto: © Yvel Jäger

Udo ist Thai-Masseur in Westerland und falls mich jemand fragen würde, würde ich sagen, dass er richtig gut ist. Im Sommer 2014 war ich 9 Wochen auf Sylt. Damals habe ich ihn und seine Massagen kennengelernt – und einen Artikel über Thai-Massage geschrieben. Lange her, also habe ich ihn vor kurzem gefragt, was es so Neues bei ihm gibt. 

Seit wann beschäftigst du dich eigentlich mit Thai-Massage?

Udo: In diesem Jahr feiert mein „Sylt-Thai“ sein zehnjähriges Jubiläum. Ich bin 2006 zuerst nach Sylt gezogen und danach bin ich das erste Mal nach Thailand geflogen. Dort habe ich zwei Wochen in der Schule gelernt – und war restlos begeistert.

Ich habe schon oft Thai-Massagen ausprobiert und dabei festgestellt, dass es große Unterschiede gibt. Es gibt in Großstädten sehr billige Anbieter, allerdings war ich danach oft unzufrieden. Ich hatte einfach oft das Gefühl, dass mehr zufällig mal hier und mal da Druck ausgeübt wird.

Udo: Ja, es gibt viele Masseurinnen, die vielleicht nur eine kurze Wochenendausbildung machen. Die Kurse mit der Anerkennung des thailändischen Ministeriums sind auch nicht gerade preisgünstig. Um die thailändische Kultur zu verstehen, muss man wissen, dass die Thai-Massage einfach zum Leben gehört. Viele lernen das Massieren schon von der Kindheit an in der Familie und durch Freunde. Während der Lehrerausbildung waren wir in einer Schule für minderbemittelte Kinder und haben dort die Kinder in der Thai-Massage unterrichtet. Ein Sponsorprojekt der ITM Schule, um diesen Kinder schon mal eine Zunkunftsperspektive zu ermöglichen. Außerdem waren wir in einem Seniorenheim und haben dort ältere Menschen mit einer Thai-Massage beglückt. Ich war überwältigt, wie mobil und flexibel diese alten Menschen waren – immerhin waren sie 65-83 Jahre alt.

Das heißt, du lernst seit 2006 Thai-Massage? 

Udo: Ich habe nach dem ersten Kurs dann zwei Kurse im Jahr 2012 gemacht. Einerseits den Tok Sen Wochenendkurs und andererseits den Lehrer-Kurs. Der dauert elf Wochen, insgesamt 390 Stunden. Anschließend habe ich noch zwei Wochen lang die Kurse wiederholt, welche ich auch unterrichte. Das heißt, ich besitze nicht nur die Zertifizierung des thailändischen Ministeriums, sondern ich habe auch das Recht, den Absolventen meiner Kurse weltweit gültige Zertifikate des thailändischen Ministeriums auszustellen. Dann ging es weiter mit zwei Monaten Kurs im Jahr 2013 in Chiang Mai und einem Monat in 2014.

Ja, das klingt professionell. Aber trotzdem darfst du Thai-Massage nur im Wellness-Bereich geben, präventiv also, oder?
Udo: Stimmt. In Thailand wird die Massage allerdings auch bei den verschiedensten Beschwerden eingesetzt. Aber in Deutschland ist das anders. Ich bin zwar als Krankenpfleger ausgebildet, aber ich bin kein Heilpraktiker. Deshalb darf ich Thai-Massage nicht als Therapien für zum Beispiel Rückenprobleme anbieten oder bewerben. Nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt lassen sie jedoch den Titel „Thai-Therapeut“ zu, da dies kein geschützter Begriff ist. Als staatlich anerkannter Krankenpfleger habe ich allerdings eine fundierte Ausbildung. Auch wenn ich nur Wellness-Massage mache, freut es mich, wenn jemand nach der ersten oder zweiten Massage berichtet, dass irgendwelche Beschwerden quasi nebenbei besser geworden sind.

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Zum Beispiel?

Udo: Ach, das will ich gar nicht so an die große Glocke hängen. Ich mache Wellness-Massagen, fertig.

Ok. Anders gefragt. Wenn du in Thailand bist und zum Beispiel Rückenschmerzen bekommst, würdest du damit zum Arzt oder zu einem Masseur gehen?
Udo: Wenn irgendwo ein Nerv eingeklemmt ist oder eine Faszie, würde ich auf jeden Fall zu einem guten Thai-Masseur gehen, wahrscheinlich zu einem meiner Massage-Lehrer. Das versuche ich hier ja auch, aber in Deutschland ist es schwieriger. Ich hatte zum Beispiel in den letzten Monaten ein Problem. Da ist ein Schmerz, der sich von der Pobacke durch den Oberschenkel und die Wade bis in den Fuß zieht. Ich habe drei Rezepte für Manuelle Therapie bekommen. Die Therapeutin hat sich auch wirklich Mühe gegeben, aber immer war die Zeit pro Behandlungseinheit einfach zu kurz. Dadurch fehlte der ganzheitliche Ansatz. Auf Besuch in Bochum war ich dann bei einer Thai-Masseurin, die überraschenderweise auch an meinen Beckenkamm gegangen ist und dort die gleichen Schmerzen auslösen konnte. Da wurden die Zusammenhänge noch deutlicher. Aber eine einzige Behandlung reicht nicht. Demnächst fahre ich nach Thailand und widme mich endlich dieser Baustelle!

Ich bin gespannt! 

Udo: Mit Knieproblemen würde ich übrigens auch zur Thai-Massage gehen. Und bei Arthrose. Ich behandle zum Beispiel einen Koch hier auf Sylt mit Wellness-Thai-Massage. Der Mann hat schon lange eine Kniearthrose durch seine O-Beine. Er erzählte mir, dass ein Arzt ihm eine Umstellungsosteotomie vorgeschlagen hat. Eine Operation, bei der die Knochen durchtrennt und dann mit einer Art Keil anders wieder zusammenwachsen. Die Genesungszeit pro Bein würde ungefähr 3 Monate betragen, das wären also 6 Monate insgesamt. Und das bei einem Koch! Er lehnte dankend ab, dann haben wir uns kennen gelernt. Seine Super-O-Beine sind inzwischen weniger krumm und er hat wieder ein akzeptabeles Gangbild. Dieses Jahr zu Weihnachten hatte er wieder mal 60 Gänse vorzubereiten, aber er hat es zum ersten Mal ohne Schmerzmittel geschafft. Und er fühlt sich nervlich betrachtet anders. Seine Mutter ist gestorben, deswegen hatte er natürlich noch ganz anderen mentalen Streß. Ich kannte sie auch. Am Sterbebett sagte sie zu mir, Udo, ohne Dich hätte er die Saison nicht durchgestanden. Er kann durch die Massage ganz anders entspannen. Ist das noch Wellness oder schon Therapie?

Eine anrührende Geschichte. Entspannend finde ich eine Thai-Massage auch…
Udo: Einfach nur entspannend reicht mir nicht. Es klemmt fast immer irgendwo, das muss gelöst werden – und das kann man auch lösen. Die zuzementierte Faszie oder der Muskel, der dauerhaft spannt. Da muss Bewegung rein, Blutzirkulation halt. Ich empfinde es oft wie eine Wiederbelebung der Muskeln. Das tut zwar ordentlich weh, aber nur so, in Kombination mit Ernährungsumstellung und so weiter funktioniert es.
Vor 10 Jahren, als ich das erstmal in Thailand in die Massage-Schule ging, das erstmal Yoga machte, hatte ich am zweiten Tag einen Ganzkörpermuskelkater. Ich sagte zum Lehrer: „Not me today… I have pain all over…“ Er schaute mich an, fragte: „Pain? Pain against pain!“ und zeigte mit dem Zeigefinger auf die Matte, wobei er sagte: „make more!“ Am nächsten Tag waren alle Schmerzen weg. Das war mir eine Lehre…!

Erklär das noch mal genauer!
Udo: Also bei der Thaimassage wird der Körper gedehnt und gestreckt. Mit einfühlsamem Druck wird gearbeitet und die Muskeln werden etwas über die bestehenden Grenzen gedehnt. Vorsichtiges arbeiten ist natürlich wichtig, um nichts zu riskieren. Danach hat derjenige mehr Bewegungsfreiheit. Oft ist es so, dass bei der ersten Massage die Spannung aus dem Körper abgebaut wird. Während der Arbeit finde ich Stellen, nennen wir sie mal „Blockaden“ die ich versuche zu lösen. Dazu setze ich Akupressur-Druck ein. Vom Gefühl her würde ich sagen, was da passiert, ist wie ein Befreien des Muskels oder des Muskelansatzes.

—–Wochen später, Udo ist wieder in Thailand.——-

Udo, wie geht es dir aktuell?

Udo: Ich bin nun 10 Tage in Chiang Mai. Die Kälte in der Nacht hat mich sehr überrascht und erstmal umgehauen. Ein spezielles Ankommen, so nenne ich es mal. Es war wichtig, denn in den letzten Jahren bin ich jeden Tag zu irgendeinem Kurs gegangen und stand hier immer im Dauerstress des Lernens. Vor allem, weil der Unterricht hier auf Englisch abläuft, war es doppelt anstrengend. Ich habe mir also einfach jeden Tag 1-2 Massagen geben lassen. Dabei ist mir dann schon mal aufgefallen, wie gut ich ausgebildet bin, wie mein aktueller Status ist. Es ist ein gutes Gefühl.

Hast du einen Masseur gefunden, der dein Schmerzproblem behandelt?

Udo: Ja. Ich habe zwei Therapeutinnen gefunden. Es ist übrigens anscheinend das Piriformis-Syndrom, eine hartnäckige Angelegenheit. Die eine ist ebenfalls Lehrerin. Sie hat sich zur Behandlung auf mich gestellt – und sie ist kein 45kg-Püppchen! Diese spezielle Technik hat sie aus den Bergen, wo sie herkommt, mitgebracht. Dazu hat sie noch abwechselnd heiße und kalte Kräuterstempel benutzt. So verhärtete Muskeln zu lösen ist halt eine schwierige Aufgabe, das dauert.

Lernst du immer noch etwas Neues?

Udo: Als erstes hatte ich mich zu einem Kurs angemeldet: „Deep Tissue“, also tiefe Bindegewebsmassage und „Sportmassage“. Ich habe mir zuerst eine Deep Tissue Massage geben lassen, um genau zu wissen, was das ist. Dabei musste ich feststellen, dass diese weitgehend meiner „Intuitiven Öl-Massage“ entspricht. Ich hatte zusätzlich noch Energielinien genutzt, die „Deep Tissue“ war vielleicht etwas fester als meine „Intuitive Öl-Massage“. Den Kurs habe ich dann wieder gestrichen, ist nicht nötig.
Nächste Woche werde ich zu dem Meister Pichest gehen. Ich war in den letzten Jahren schon bei ihm, dort werde ich noch ein paar Techniken lernen, die ich dann in meine Arbeit integrieren werden. Tja – und dann steht für mich die Heilpraktikerausbildung und die Prüfung an.

Dann wünsche ich mal viel Erfolg!

Auschra

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