Wenn Essen krank macht…

Heuschnupfen, tränende Augen, Nahrungsmittel-Allergien, Asthma oder Neurodermitis: Allergien sind eine Zivilisationskrankheit. Eine moderne Pest sozusagen, die zum Leben in unserer modernen Welt offenbar gut passt. Leider. Warum würde man sonst von einer Zivilistationskrankheit und urbanem Lebensstil als Ursache für die Zunahme von Allergien sprechen?

Ich erinnere mich noch gut daran, dass Epidemiologen nach der Wende die Häufigkeit von Allergien in Ost- und Westdeutschland verglichen. Im Osten war die Luft zwar dreckiger, die Zahl der Allergiker aber geringer als im Westen. Heute haben sich die Zahlen angeglichen. Welche Schlussfolgerungen kann man daraus ziehen? Ich weiß es nicht.

Jedenfalls leiden in Japan rund 40 Prozent der Menschen unter Heuschnupfen, in Großbritannien sind es 33 Prozent, in Deutschland 30 Prozent, in Südafrika 10 Prozent und in Kolumbien sogar nur 7 Prozent. Die Entwicklung beim Asthma bronchiale verläuft ähnlich (1). Bleibt nur die Auswanderung?

Mikrobiologische Therapie

Ich habe mich ein bisschen durch ein Buch gequält, das Allergikern Hoffnung machen könnte. Geschrieben wurde es von zwei Ärzten, Dr. Rainer Schmidt und Dr. Susanne Schnitzer, die sich schon seit Jahren mit Mikrobiologischer Therapie beschäftigen. Bei ihrer Therapie geht es nicht um Symptombekämpfung, sondern um Heilung. Faszinierend!

Leichte Kost ist das Buch „Allergie und Mikrobiota“ allerdings nicht. Die Vorstellung, dass mit netten Worten und hübschen bunten Bildern ein neues Allheilmittel gegen Allergien vorgestellt wird – nein, diese Vorstellung kann man sich gleich wieder abschminken.

Das Immunsystem modulieren

Aber man lernt viel. Die Mikrobiologische Therapie hat das Ziel, das Immunsystem zu heilen. Dazu muss man sich mit den Schleimhäuten beschäftigen, die spielen nämlich bei der Entstehung von Allergien eine zentrale Rolle. Egal, ob Nasen-, Bronchial- oder Darmschleimhaut: diese ultradünnen Häute sind extrem wichtig für die Abwehr von Krankheitskeimen. Wenn die Schleimhäute durch was auch immer in Stress geraten, sich entzünden, dann verändert sich das Immunsystem. Hier liegt offenbar der Grund für die Zunahme von Allergien. Darüber hatte ich hier schon mal was geschrieben: über Gluten und die Blut-Hirn-Schranke und über Darmpilze. Offenbar ein Thema, das mich verfolgt.

Wie nehmen wir Nahrung auf? Das passiert im Darm: die Darmschleimhaut erlaubt es winzigen Nahrungsmittelteilchen, in den Körper zu passieren. Was aber, wenn der Darm krank wird und nicht bloß Nahrung durchlässt, sondern auch alle möglichen Gifte und Allergene? Was, wenn giftgrüne Lebensmittel, die mehr nach Plastik aussehen als nach grünem Apfel, ihren Weg durch die Darmschleimhaut finden? Keine Ahnung, was das Immunsystem von Farb- und sonstigen Zusatzstoffen in der Nahrung hält. Ich würde sagen, es gerät unter Stress. Genauer und hoffentlich korrekter könnte man vielleicht sagen, dass die auf der Schleimhaut lebenden Bakterien Stress bekommen.

Heilung?

Eine gesunde Schleimhaut ist von Bakterien besiedelt, die bei der Abwehr von Keimen helfen. Mit solchen „guten“ Bakterien wird im Rahmen der Mikrobiologischen Therapie gearbeitet. Der Patient nimmt sie ein, die kranken Schleimhäute werden gesund und sowohl Allergie als auch Infektanfälligkeit verschwinden.

Angeblich lassen sich mit dieser Methode sowohl Reizdarm als auch chronische Harnwegsinfekte heilen. Das klingt ja auch logisch: In allen Fällen ist das Bakteriengleichgewicht keins mehr und die Eigenregulation des Körpers funktioniert nicht mehr. Zum Glück lässt sich das mit Hilfe von Bakterien & Co heilen.

Klingt zu einfach? Ja, kann sein, ich kann es nicht beurteilen.

Andererseits ist das Buch voll von Beschreibungen und Erklärungen, was die beiden Ärzte unternehmen, um die aus dem Ruder gelaufene immunologische Situation wieder hinzukriegen. Ich gebe zu, dass mir die Vorstellung gefällt, modulierend auf das Immunsystem einzugreifen statt Nasentropfen und Asthmaspray zu verordnen. Wenn auf diese Weise chronische Entzündungen und Allergien und Abwehrschwächen wieder gut werden – perfekt! Ob das mit bakteriellen Mikroorganismen (oder deren Bestandteilen) tatsächlich möglich ist – keine Ahnung. Aber die Fallbeispiele haben was, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Zum Beispiel Jonathan

Ich beschreibe hier mal ganz kurz ein Fallbeispiel. Ein blasser, zarter Junge namens Jonathan. Er ist knapp 6 Jahre alt und schläft seit dem Kleinkindalter nicht durch. Mehrmals pro Nacht wacht er weinend auf. Horror! Außerdem hat er seit Jahren chronischen Durchfall. Horror!! Der Arzt hat den Verdacht, dass Jonathan Sorbit nicht verträgt. Sorbit ist in verschiedenen Früchten und vielen Fertigprodukten enthalten. Eine Sorbit-Unverträglichkeit könnte die auf der Darmschleimhaut lebenden Bakterien verändert haben. Zu viel der „schlechten“ Bakterien und zu wenig der „guten“. Jedenfalls wird Sorbit vom Speiseplan gestrichen und der Arzt startet eine Mikrobiologische Therapie. Wenige Tage später ist Jonathans Verdauung besser und der Schlaf auch. Nach drei Wochen ist der Stuhlgang normal und der Junge macht einen Entwicklungsschub durch. Klasse, oder?

Ich ahne jetzt schon, dass ich mich in Zukunft häufiger mit der Mikrobiologischen Therapie beschäftigen werde.

  1. Allergien auf dem Vormarsch. Pharmazeutische Zeitung online, Ausgabe 4/2017. http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=67281 (letzter Abruf: 4.11.17)

 

Auschra

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