Wegen Gluten in der Psychiatrie?

Die Geschichte hat das Potenzial für einen Kinofilm, finde ich. Die Fakten stammen aus einem Artikel*, der in einer angesehenen medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Die Handlung spielt in Lissabon und beginnt damit, dass eine 47 Jahre alte Frau in die Psychiatrie des Krankenhauses eingeliefert wird. Es ist nicht das erste Mal, die Frau ist dort schon zweimal gewesen. Aus der Krankengeschichte ist bekannt, dass sie einen Reizdarm hat und unter Eisenmangel leidet. Und dass sie wegen einer generalisierten Angststörung immer mal wieder in der ambulanten Abteilung eines privaten psychiatrischen Krankenhauses behandelt wurde, wo sie auch immer mal wieder Benzodiazepine bekam. Jetzt geht es nicht um Angststörungen, sondern um Selbstmordversuche, schwere Depressionen und psychotische Symptome, um Wahnvorstellungen.

Medikamente und Elektroschocks – nichts wirkt

In der Vergangenheit hatte sie die Diagnose ‚Borderline-Persönlichkeit’ bekommen. Jetzt, bei der dritten Aufnahme in die Klinik, wirkt die Patientin anders. Sie kann nicht schlafen, ist aufgeregt, agitiert, wiederholt immer wieder die gleichen Worte, isst Kot – und die üblichen Medikamente (Antidepressiva, Anxiolytika und Antipsychotika) zeigen keine positive Wirkung. Im Gegenteil, der Zustand verschlimmert sich. Nur das Benzodiazepin Lorazepam wirkt ein bisschen, allerdings nicht in der üblichen Dosis. Normalerweise wird eine tägliche Dosis zwischen 0,25 mg und 7,5 mg gegeben. Die Patientin bekommt bis zu 30 mg am Tag. Außerdem bekommt sie Elektroschocks.

Jetzt ist in meinem Film der Tiefpunkt erreicht und es muss irgendwie wieder bergauf gehen, weil sich sonst niemand so einen Film anschauen würde. Also kommt ein netter, kluger und neugieriger Arzt ins Spiel. Ich würde natürlich einen total sympathischen Schauspieler aussuchen… Egal: Der wirkliche Arzt beschließt, dass hier mehr Diagnostik nötig ist und ordnet weitere Untersuchungen an. Ein Sechser im Lotto für die Patientin! Jetzt beginnen ungewöhnlich umfangreiche diagnostische Maßnahmen.

Ganz viel Diagnostik

Die körperliche Untersuchung ergibt nichts Ungewöhnliches, die Laborwerte sind so weit in Ordnung, allerdings besteht u.a. ein Ferritinmangel, die Folsäure- und Calciumwerte sind niedrig – und es finden sich Antikörper gegen körpereigene Zellen (ANA). Eine Computertomographie des Kopfes zeigt eine unspezifische Veränderung (in meinem Film würden mehrere Ärzte ein CT begutachten und dabei ratlos aussehen). Die Patientin leidet unter Durchfall und hat jetzt, 30 Tage sind seit der Aufnahme vergangen, 10 kg an Gewicht verloren. Im Stuhl findet man keine Keime oder Parasiten. Aber im CT des Bauchraums ist eine Darmeinstülpung sichtbar, die zu weiteren Untersuchungen des Darms Anlass gibt. Diese führen endlich zu einer Diagnose: Zöliakie, die Patientin verträgt kein Gluten.

Gesund!

Der nächste Schritt ist natürlich eine glutenfreie Diät, die nach zwei Monaten zu deutlichen Besserungen führt. Nicht nur der Durchfall, auch die psychiatrischen Symptome verschwinden. In meinem Film würden jetzt vielleicht freundliche Sonnenstrahlen durch ein hohes Altbaufenster fallen. Eine Frau mit einem Kind im Arm lächelt entspannt. Zu schmalzig? Egal.

Die Wirklichkeit sieht jedenfalls so aus, dass sich die Patientin weiterhin glutenfrei ernährt und stabil ist, gesund sozusagen. Sie bekommt zwar noch Psychopharmako, lebt aber selbstständig als alleinerziehende Mutter. Puh, das ist noch mal gut gegangen.

Und jetzt?

Es gibt zwar etliche Hinweise dafür, dass Gluten oder andere Weizenbestandteile die Blut-Hirn-Schranke überwinden und für – sagen wir mal – Chaos im Kopf sorgen können. Bisher werden diese Ansätze von der Medizin allerdings nicht so richtig ernstgenommen. Liefert dieses Fallbeispiel einen Beweis dafür, dass Gluten zu psychiatrischen Symptomen führen kann? Wohl kaum. Der Anlass für die Untersuchung waren zwar unbestreitbar psychiatrischrische Auffälligkeiten. Und die Verbesserung ihrer Beschwerden gingen mit der glutenfreien Diät einher. Aber Mediziner werden dieses Fallbeispiel nicht für beweiskräftig halten. Statistisch gesehen ist ein Einzelfall so gut wie wertlos. Aber vielleicht wird dieser mögliche Zusammenhang dem einen oder anderen Psychiater im Gedächtnis bleiben und er wird eine glutenfreie Diät empfehlen. Einfach so, als Versuch.

*Quelle: Oliveira-Maia AJ, Andrade I, Barahona- Corrêa JB. BMJ Case Rep Published online: doi:10.1136/bcr-2016- 216825

Auschra

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