Was sich Angstpatienten von ihren Zahnärzten wünschen

Zum Zahnarzt? Dünnes Eis!

Angstpatienten haben nicht einfach irgendwie ein ungutes Gefühl dabei, wenn der Bohrer anläuft oder wenn Instrumente in den Mund geschoben werden. Das zeigt diese Untersuchung:

  • Bei Betreten der Zahnarztpraxis gaben 1% der Patienten sich normal zu fühlen, 21% waren angespannt, 27% ängstlich und 51% der Patienten gaben zu, sich krank vor Angst zu fühlen.
  • Im Wartezimmer fühlten sich 19% der Patienten angespannt, 24% ängstlich und 57% krank vor Angst. Keiner der Patienten gab mehr an, sich normal zu fühlen.
  • Das Gefühl auf einem Behandlungsstuhl zu sitzen, während der Zahnarzt den Bohrer in die Hand nimmt, beschrieben 4% der Patienten als angespannt, 15% als ängstlich und 81% der Patienten als krank vor Angst.

Das klingt nicht gut, sondern nach einem ernsten Problem. Grund genug, Patienten mit Zahnarztangst anzusprechen. Was für Zahnärzte hätten Sie denn gerne? Anfangs kommen die Zahnärzte ehrlich gesagt nicht wirklich gut weg. Aber ganz zum Schluss gibt es ein wunderbares Beispiel: genau so sollten Zahnärzte für Angstpatienten sein!

Auf der Suche

„Das ist wirklich fies!!! Zahnärzte sind echt die am wenigsten einfühlsamen Ärzte die ich je erlebt habe. Ich habe in den letzten 5 Jahren sicher 6-7 verschiedene Ärzte gehabt. Bei den meisten war ich nur einmal, weil die, obwohl auf der Homepage Angstpatienten benannt wurden, sehr unsensibel waren. Es ist wahnsinnig schwer einen guten Arzt zu finden. Mit jeder negativen Erfahrung wird die Angst größer.“

Dabei ist es andererseits gar nicht so entsetzlich schwer, die Wünsche des Angstpatienten zu erfüllen, wie eine andere Patientin beschreibt: „Für mich ist es wichtig, dass der Zahnarzt mir das Gefühl gibt, nicht ausgeliefert zu sein. Das kann er z.B. machen indem er sagt, dass ich mich bemerkbar machen soll, wenn etwas weh tut oder ich eine Pause brauche oder dass mein Kreislauf absackt. Wichtig ist, dass der ZA nicht ungehalten wird, wenn es durch Unterbrechungen halt länger dauert. Er sollte von sich aus immer mal wieder nachfragen ob alles in Ordnung ist. Außerdem ist es sehr hilfreich wenn im allgemeinen ein ruhiger Umgangston gepflegt wird. Und das einem keine Vorwürfe oder negative Bemerkungen gemacht werden, wenn man doch mal einen Termin absagen musste. Zum Glück habe ich so einen Zahnarzt gefunden. Vorher habe ich leider das Gegenteil kennen lernen müssen.“

Terminvergabe

Wer Angst hat, der traut sich wochen-, monate oder jahrelang nicht in eine Zahnarztpraxis. Es werden lieber Schmerzen ausgehalten und Schmerztabletten geschluckt. Gelächelt wird auch nicht. Irgendwann ist es dann vielleicht so weit, dass ein Zahnarzt angerufen wird. „Der erste Termin sollte nur ein Gespräch sein, eventuell eine Bestandsaufnahme.

Das ist ein großer Schritt für einen Angstpatienten, den er sich erst nach vielen schlaflosen Nächten traut. Nach zahllosen Diskussionen mit Freunden und Angehörigen, nach vielen unnützen Selbstvorwürfen und Quälereien. Wenn der Angstpatient sich entscheidet, den Kontakt zum Zahnarzt aufzunehmen, kann die Empfangsmitarbeiterin oder der Online-Terminkalender innerhalb von Sekunden alles wieder kaputtmachen. Dann nämlich, wenn der nächste freie Termin erst in ein paar Wochen zu haben ist.

Ich glaube, der Termin für einen Angstpatient ist ungefähr so dringlich wie der für einen Schmerznotfall.

Wartezimmer

Die meisten Menschen fühlen sich im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis eher unwohl. Auch dann, wenn dank Schallisolierung die Geräusche des Bohrers nicht zu hören sind und wenn der früher so typische Zahnarztgeruch nicht wahrnehmbar ist. Man weiß, worauf man wartet.

Für einen Angstpatienten ist es nahezu unerträglich, eine halbe oder ganze Stunde im Wartezimmer zu sitzen.

Kommunikation

Angstpatienten wollen, nein – Angstpatienten sind darauf angewiesen, vom Zahnarzt beruhigt zu werden. Die Angst lässt sie zittern und schwitzen, sie verkrampfen sich und warten auf das Entsetzliche, vor dem sie sich so fürchten. In so einer Situation kann man nicht „einfach den Bohrer anschmeißen ohne zu erklären, was jetzt warum gemacht wird“. Eine andere Patientin beschreibt: „Mir hat mal einer in den Mund geschaut und dann ohne Erklärung den Bohrer gezückt. Obwohl er wusste, dass ich Angstpatient bin. Ich hab ihm gesagt, dass das nicht in frage kommt und bin nie wieder in diese Praxis gegangen.

Kosten

Und dann gibt es noch ein Problem. Angstpatienten haben nicht nur Angst vor dem Eingriff in der Mundhöhle. Auch die Angst vor den Kosten ist da, zum Beispiel „wenn sie sehen es fehlen viele Zähne . Dann wird im Kopf schon gerechnet , was man daran verdient“. Hier muss ich mal ganz kurz die Zahnärzte in Schutz nehmen. Sie müssen ja tatsächlich kalkulieren, welche Behandlung wie viel Zeit und welche Kosten/Einnahmen bedeutet. Einfach nur nett sein und heilen, das ist sicher unrealistisch in der freien Marktwirtschaft. Wer als Zahnarzt nicht lernt, seine Praxis betriebswirtschaftlich sinnvoll zu führen, der ist schnell weg vom Fenster.

Auf der anderen Seite stehen die Angstpatienten, die sich als sehr schwach gegenüber einem sehr mächtigen Zahnarzt fühlen. Und vielleicht werden sie auch von manchen Zahnärzten so wahrgenommen? Jedenfalls gibt es Berichte, die nach einem Machtgefälle klingen. Nachprüfen kann man das im Gespräch und als Journalist sowieso nicht. Aber es ist die Rede von „unnötigen Behandlungen, die später zu weiteren Behandlungen führten, zum Teil bis die Zähne irreparabel geschädigt wurden“.

Ein anderer Patient berichtet von einem Zahnarzt, der ihm „sicher ohne Probleme helfen“ wollte, für „25.000 Euro plus 1.200 Euro für die Narkose, Ratenzahlung gibt es nicht. Ich soll ein Kredit aufnehmen . Und erst Bezahlung dann Behandlung“. Der Patient wünscht sich einen anderen Umgang mit Angstpatienten wie ihm: „In erster Linie sollte er sehen wie ich leide , wie ich mich schäme wie ich auf den Stuhl schwitze vor Angst aber er sieht nur Euros was er verdient !“

Ich vermute, dass es Zahnärzten schwer fällt, Gespräche über Geld mit vor Angst schwitzenden Patienten zu führen.

Andererseits wird auch darauf hingewiesen, dass der Patient mit offenen Karten spielen sollte. „Man sollte dem ZA direkt sagen, was finanziell möglich ist und was nicht“. Oder einfach: „Der ZA sollte gemeinsam mit dem Patienten eine finanzierbare Lösung finden“.

Schmerz

Über den Ablauf und die Wirkung einer Betäubung muss mit Angspatienten gesprochen werden. „Und dann sollte er schon sagen ‚das piekst jetzt kurz’. Danach dürfte ja nichts mehr weh tun“.

Wer angstvoll verkrampft ist, der braucht bei der Behandlung zwischendurch Pausen, um sich wieder einigermaßen entspannen zu können.

Verständnis

Es geht letztendlich ja darum, verstanden zu werden mit seiner Angst“ – dieser Aspekt ist allen Angstpatienten wichtig. Aber wie drückt ein Zahnarzt Verständnis aus? Gesucht wird der „Arzt der alles erklärt und einfühlsam ist“. Der Zahnarzt, der „mich versteht und mir gut zuspricht“. Druck ausüben verstärkt die Angst oder verunmöglicht sogar die Behandlung. Gewünscht wird eher ein Zahnarzt, der den Angstpatienten um Kooperation bittet und ihm verspricht, dass er nichts Unerwartetes tun wird.

„Ich denke sehr sehr viele haben nicht nur Angst sondern auch enorme Scham zum Zahnarzt zu gehen weil sie ebend Jahre lang warum auch immer nicht beim Zahnarzt waren oder die Zahnpflege warum auch immer habn schleifen lassen. So ist es zumindest bei mir. ich hab Angst ausgelacht zu werden, Vorwürfe an den Kopf geknallt zu bekommen, den Lehrerfinger vor die Nase gehalten zu bekommen. Das ist zumindest für mich der aktuelle Grund warum ich mit meinem desolaten gebiss, enormen Schmerzen tag täglich es nicht zum Zahnarzt schaffe und schlicht weg schiss habe. Auch hab ich Angst das der Arzt sagt: Alles muss raus und wenn sie Ersatz wollen kostet das nen Mittelklasse Wagen. Ich laufe lieber mit schmerzenden Zähnen umher als komplett ohne Zähne.“

Eine Patientin beschreibt, dass sie schon lange auf der Suche nach einer Lösung ist. „Aber wenn ich dann ausgelacht werde . Dann schäme ich mich noch mehr . Oder einer sagte man man sie sehen ja aus . Sie sollten sich schämen.

Viele Angstpatienten berichten von traumatisierenden Erfahrungen, die mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins zu tun haben. Die Bandbreite scheint da sehr unterschiedlich zu sein. Es können zum Beispiel orale Vergewaltigungs- oder Missbrauchserfahrungen sein. Oder auch die Erinnerung an eine Erfahrung aus der Kindheit, als eine unwirsche oder schmerzhafte Behandlung sich als Horror eingebrannt hat. Die Erfahrung kann für den Zuhörer etwas albern klingen oder extrem schmerzlich. Sie kann Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen oder auch aktuell sein. Allen gemeinsam ist, dass die Erinnerung an das Gefühl von Ausgeliefertsein auf dem Behandlungsstuhl wieder aktuell wird.

Auch Gewalterfahrungen können übrigens der Hintergrund für ein marodes Gebiss sein. „Durfte mir schon anhören „ist ja alles nicht so schlimm“, „jeder geht ungern zum ZA „. Da möchte ich manchmal gerne meinem Gegenüber die Wange streicheln. Mit der Bratpfanne“.

Wie man es besser macht? „Mein Zahnarzt zieht mich in die Behandlung mit ein. Spricht eben auch in der Wir-Form. Das hilft ungemein gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins. Hinterher bekomme ich die nächsten Schritte erklärt, werde auch mal gelobt.“

Respekt

Empathie ist das Zauberwort und das lässt oft zu wünschen übrig“. Der Zahnarzt sollte dem Angstpatienten das Gefühl vermitteln, dass er ihn und seine Gefühle ernst nimmt, dass er diese Angst akzeptiert und den Patienten trotzdem respektiert. „Ich bin vor einigen Jahren von einer Zahnärztin weggeschickt worden, mit den Worten: bei Ihren Zähnen mache ich nichts. Ein furchtbar demütigendes Gefühl.“

Angstpatienten brauchen Wertschätzung, so wie jeder andere Patient auch. Oder sogar noch mehr Respekt, weil der Angstpatient schließlich seine Angst überwunden hat und trotzdem in die Praxis gekommen ist. „Ich bin bei einer gewesen die in meinen Mund guckte und laut ‚Ach DU schei…’ zu ihrer Helferin sagte“.

Vorwürfe sind das Gegenteil von Verständnis, Vorwürfe sind keine konstruktive Kritik, aus Vorwürfen lernt man nur, dass man es nicht wert ist, gut behandelt zu werden. Zu so einem Zahnarzt geht man kein zweites Mal. „Der Zahnarzt muss sehr, sehr viel Empathie mitbringen. Viele sagen zwar, dass sie auf Angstpatienten spezialisiert sind, sind es aber eben nicht.“

Das Personal

Und auch nicht nur der Zahnarzt ist wichtig, sondern auch das Team, die Zahnarzthelferinnnen oder Schwestern! Egal, wie man die zahnärztlichen Fachassistentinnen nennt: für Angstpatienten stellen sie eine ernsthafte Hürde dar. „Wenn ich am Empfang mit hochgehoben Augenbrauen empfangen werde, mache ich sofort zu“.

Der ideale Zahnarztbesuch

„Ich kam rein und nach keinen 5 min wurde ich schon in den Behandlungsraum geführt..er kam rein und sagte „Hallo Frau XXX geht’s ihnen gut?“ als ich das verneinte meinte er das er das an der Art wie ich im Stuhl sitzen würde schon direkt gesehen hätte..er fragte was er für mich tuen könnte..ich darauf das er nur mal schauen soll was es für Möglichkeiten für mich gibt..nachdem er sich die Zähne angesehen hat meinte er das man sähe das ich Angst habe und auch das ich einiges mitgemacht hätte..er sagte ich wäre so eine nette und er würde mir meine Front auch gerne etwas netter gestalten..er würde es gut betäuben..aber nur wenn ich dazu bereit wäre..dadurch das ich da überhaupt nicht mit gerechnet habe und ja geglaubt habe es passiert mir nichts hatte ich garkeine Zeit so viel Panik aufzubauen..er spritze dann vorne 2 mal in die Front (das wurde mir mit 13 das letzte mal gemacht und ich hatte es viel schmerzhafter in Erinnerung)nach ein paar min spritzte er noch zweimal, aber das hab ich dann schon garnicht mehr gespürt. Er fing an und ich lag wirklich fast eine ganze Stunde da..zwar mit klatschnassen Händen aber es war gut auszuhalten..immer wieder fragte er ob alles ok bei mir ist und erklärte immer was er gerade macht..der Moment als er mir den Spiegel in die Hand drückte und meinte „wir gewinnen zwar keinen Schönheitspreis damit aber so sieht’s doch wieder nett aus “ dieser Moment war unbeschreiblich..nach über 30 Jahren nicht mit Zähnen lächeln konnte ich es nun..ich musste ihn vor lauter Dankbarkeit und Glück einfach umarmen!

Seitdem laufe ich dauergrinsend rum ..dieser Artzt hat alles richtig gemacht und ich bin froh mich nach so vielen Jahren getraut zu haben – ich fühle mich jetzt schon wie neugeboren obwohl noch einiges an Arbeit auf mich zukommt“

Und auch diese Mutter klingt, als hätte sie eine für sie und ihre Tochter passende Zahnarztpraxis gefunden: „Mich kostet es auch viel Überwindung mit meiner Tochter zum Zahnarzt zu gehen da sich mir bei den geräuschen und gerüchen schon der Magen umdreht. Wir haben aber einen Kinderzahnarzt für den ich auch n Stückchen weiter fahre aber das ist das Team und die Praxis sind’s wirklich wert. Mein Kind freut sich regelrecht drauf.“

Auschra

One Comment

  1. Stefan hat einen Kommentar geschrieben und leider die Info bekommen, dass der Text als Spam angesehen wird – Mist, da muss ich was unternehmen. Aber erstmal veröffentliche ich seinen Kommentar hier.

    Soweit gehe ich mit dem Artikel konform.

    Als ehemaliger Angstpatient (Spritzen!) und Ehepartner von einer hochgradigen Phobikerin befasse ich mich seit Jahren mit diesem Thema. Zwangsweise. Seit ca. 20 Jahren kommt das Thema erst richtig hoch, wird ein Thema auch für ZÄ. Manche ZÄ schreiben es sich auf ihre Liste um zu helfen, Andere sehen darin eine weitere Möglichkeit den diversen Gesundheitsreformen und den einher gehenden Einsparungen, ein Schnippchen zu schlagen. Sie wollen Geld verdienen…
    Es ist ein langer Weg, den ein Angstpatient vor sich hat:
    1. Wahrnehmen des Problemes
    2. Sich damit auseinander setzen
    3. Rat suchen
    4. Sich „outen“
    5. Kontakt zu Mitbetroffenen in Foren oder FB suchen
    6. Mut aufbauen
    7. Anrufen beim Zahnarzt
    8. Zum ersten Termin hingehen.
    Normalerweise wäre es wie bei einer Achterbahn: Die Punkte 1 – 8 sind der Aufstieg bis zum Gipfel der Achterbahn. Danach geht normalerweise es rasant weiter bis auf einmal man am Ziel ist. Aber die Anspannung am Anfang ist das Schlimmste. Die Abfahrt hat Kurven und Steigungen, die Euphorie steigt und am Ende ist man vor Freude überglücklich.
    Wenn…
    …da nicht manchmal ein Hemmschuh auf den Schienen liegt, die die Bahn zum stoppen bringen kann oder sogar den Zug endgültig aus der Bahn wirft. Ein Beispiel (bei meiner Frau erlebt): Termin beim Gutachter. Diese ZÄ ließ uns erstmal 1 Stunde im Wartezimmer warten (trotz Termin und Ansage dass eine Angstpatientin da ist), dann noch eine 3/4 Stunde warten im Behandlungszimmer. Mit dem Resultat, dass wir unverrichteter Dinge nach Hause geschickt wurden, weil keine PZR gemacht wurde.
    Aus-Schluß-Das War´s!
    Eine angefangene Behandlung ( ein Siebener wurde schon gezogen!) wurde abgebrochen und nie mehr weiter geführt. Das Vertrauen zu Zahnärzten im Allgemeinen war dahin, obwohl die behandelnde ZÄ super nett war. Aber nach einer PZR nochmal zu dieser unmöglichen Gutachterin zu gehen, war nicht mehr möglich.
    Nun folgt eine Jahre lange seelische Aufbauarbeit und die geringe Möglichkeit, wieder bei Punkt 7 weiter zu machen.
    Alles von Anfang an…

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