Von Bauerndoktoren und ihrer Alpenapotheke

Beim Stichwort ‚Alpenapotheke’ denke ich nicht automatisch an Gesundheit oder medizinischen Ideenreichtum. Mir fallen zuerst verunfallte Bergsteiger ein und alte Bergbäuerinnen mit Kropf. Außerdem vielleicht noch Sonnenbrand, Lippenherpes, Höhenkopfschmerzen und Muskelkater. Erst im zweiten Durchgang fällt mir Davos mit seiner sauberen Luft und der Hochgebirgsklinik ein. Und die Alpenwiesen mit ihrem Kräuterreichtum.

„Die Bauerndoktoren hatten für alles ein Mittel“

Arnold Achmüller ist Apotheker in Wien, geboren wurde er in Südtirol, genauer gesagt in Bruneck. Er beschäftigt sich mit alpiner Kräuterheilkunde und alten Heilverfahren. Daraus ist ein Buch entstanden: „Die Alpenapotheke – Hausmittel zum Selbermachen“ heißt es. „Die Bauerndoktoren der Alpen besaßen ein überliefertes Kräuterwissen, das vielen Menschen half, Krankheiten zu behandeln“, heißt es auf dem Umschlag. „Ob bei Verdauungsproblemen, Atemwegserkrankungen oder Gelenkbeschwerden: Die Bauerndoktoren hatten für alles ein Mittel.“

Ja, sicher, sie hatten für alles ein Mittel, aber ist das erstrebenswert? Offenbar gab es keine oder nur unbezahlbare echte Doktoren, so dass die Alpenbauern neben der Arbeit im Kuhstall auch noch für die Heilung der Angehörigen zuständig waren. Gut, wenn dabei ein Wissensschatz über Phytotherapie herauskommt. Schlecht, wenn man bei einem vereiterten Zahn nur Quendel hat. Das ist, wie ich gerade gelesen habe, eine der beliebtesten Heilpflanzen des Alpenraumes. Gut gegen Husten und notfalls auch gut für die Muskeln oder gegen Schmerzen.

Tee, Salben, Kräuterkissen und Schnaps

Das Buch beschreibt nicht nur Heilkräuter der Alpen, sondern berichtet auch Einzelheiten aus dem Leben der Bauerndoktoren. Als Apotheke hatten sie nicht viel mehr als Teezubereitungen, Salben, Kräuterkissen und Kräuterschnäpse (genau, an den Enzian habe ich als Einstieg auch noch kurz gedacht!). Zur Diagnostik diente das Auge, Harnschau und Körpervermessung waren typische diagnostische Maßnahmen. Die Therapien waren manchmal gefürchtete Rosskuren. Der „Kiendler“ aus dem Zillertal soll beispielsweise seine Patienten mit den Worten verabschiedet haben: „Entweder folgen oder varröckn“. Einen Jungen, der nicht sprechen konnte, band er an einen Baum und tat so, als wollte er ihn mit der Axt erschlagen. Der Junge glaubte es, bat schreiend um Gnade, war also „geheilt“. Von einem Arzt wurde der Kiendler für die brutale Methode angezeigt, wegen des Erfolges wurde er freigesprochen. Nein, so richtig romatisch klingt diese Alpenmedizin nicht.

Das Buch enthält viele Rezepte, die der Wiener Apotheker vielleicht auch heute noch seinen Kunden empfiehlt. Brennnessellikör bei Verdauungsproblemen, Holundersirup bei Erkältung oder Baldriantinktur gegen Schlafstörungen. Schön finde ich, dass der Apotheker neben den Rezepten und Beschreibungen der traditionellen Anwendungen auch Hinweise zu Forschungsergebnissen gibt.

Ein schöne Buch zum Blättern und Lesen. Nur warum der Klee auf dem Titelbild im Buch nicht zu finden ist, das ist mir ein Rätsel.

Auschra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.