Typ-2-Diabetes ist heilbar.

Die gute Nachricht lautet: Das geht, Typ-2-Diabetes ist tatsächlich heilbar. Für viele Patienten ist der Weg zur Heilung allerdings eine wirklich schlechte Nachricht: Dazu muss man seine Ernährung komplett umstellen und auch sonst sein Leben verändern. Es kann ja sein, dass sich viele Diabetiker lieber für das Insulinspritzen entscheiden. Aber ich bin mir unsicher, ob überhaupt alle Typ-2-Diabetiker wissen, dass sie sich auch entscheiden könnten, ohne ihren Diabetes zu leben.

Es gibt inzwischen diverse Bücher und Berichte von Menschen, die das vorgemacht haben.

Nach einem Jahr: 50% der Diabetiker gesund

Eine Studie [1], die Ende 2017 veröffentlicht wurde, hat mich ziemlich überrascht. Es wurde untersucht, wie intensives Gewichtsmanagement in hausärztlichen Praxen sich auf den Typ-2-Diabetes auswirkt. Oder weniger medizinisch ausgedrückt: Es wurde untersucht, ob Diabetiker gesund werden, wenn sie richtig abspecken. Es nahmen 49 englische Praxen mit 306 Diabetikern teil. Es wurden Diabetes- und Blutdruck-Medikamente abgesetzt und auch hier bekamen die Patienten anfangs eine Formula-Diät, später dann Schritt für Schritt wieder normale Nahrung zum Abnehmen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Nach 12 Monaten hatten fast 50 Prozent der Teilnehmer normale Blutzuckerwerte und brauchten keine Antidiabetika mehr.

Stephan Martin ist Direktor und Chefarzt des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums, also ein ernst zu nehmender Diabetes-Experte. Er hat zusammen mit der Biologin Kerstin Kempf ein Buch für Diabetiker veröffentlicht. Darin stellt er eine gezielte Ernährungsumstellung vor, bei der eine Formula-Diät eine zentrale Rolle spielt. Also ein Pulver, das man kauft, in Wasser auflöst und statt einer Mahlzeit zu sich nimmt.

Nicht schlecht, aber dieser Idee einer Formula-Diät gefällt mir nicht so richtig. Ich liebe es, Möhren mit Erde dran zu waschen und zu essen. Oder Tomaten zu ernten, die von der Sonne angewärmt sind… Aber ein Pulver in Wasser rühren? Das macht mich nicht so wirklich an.

Mambo Kurt: Arzt und Diabetiker

Ich suche also weiter und stoße auf Dr. Rainer Limpinsel. Eine schrille Figur! Einerseits ist er Arzt. Andererseits ein abendfüllender Alleinunterhalter namens Mambo Kurt. Unbedingt sehenswert finde ich seine Aktionen, alte Heimorgeln mit dem Vorschlaghammer zu zerlegen. Ok, das muss nicht jeder mögen. Natürlich ist auch die Musik nett. Sogar in Wacken darf er die Massen beglücken. Mehr zum Leben von Mambo-Kurt kann man hier nachlesen: http://mambokurt.de – für traurige Regentage empfehle ich ausdrücklich sein Buch „Heimorgel to Hell“.

Aber zurück zum Thema Diabetes. Als er 40 war, wurde bei ihm ein schwerer Typ-2-Diabetes diagnostiziert (HbA1c: 14,1%). Er spritzte ein Jahr lang Insulin – und beschloss dann, seinen Diabetes zu besiegen. Gaga? Nein, es gelang ihm: durch eine neue Ernährung, andere Bewegung und weniger Stress. Mit 41 war er den Diabetes wieder los. Inzwischen hat er auch darüber ein Buch geschrieben, das absolut lesenswert ist: Diabetes. Das Anti-Insulin-Prinzip„. Es ist witzig, wirkt sehr ehrlich und außerdem noch mit Sachverstand geschrieben.

Keine Chemie, kein Bier, gute Kohlehydrate

Natürlich sagt jeder Hausarzt „seinem“ Diabetiker, dass er sich anders ernähren soll. Ich sehe mit geschlossenen Augen schon den vorwurfsvollen Blick und den erhobenen Zeigefinger. Aber vermutlich hat keiner die radikalen Ideen von Limpinsel im Kopf. Der änderte seine Ernährung nämlich nach drei Grundsätzen: 1. keine Chemie, 2. kein Bier und 3. gute Kohlehydrate. Er gibt gerne zu, dass auch Pizza oder Alkohol mal erlaubt ist. Wem das allerdings einfach vorkommt, der muss unbedingt nachlesen, wie man auf langen Autofahrten an die passende Nahrung kommt. Er erzählt von einer Tour nach Belgien, ganz zu Anfang seiner Lebensumstellung. Abends kam er hungrig in einem Hotel an. Das Restaurant war geschlossen, die Minibar nicht mit geeigneter Nahrung befüllt, die Pommesbude hatte auch nichts Genießbares, also ging er in eine amerikanische Frikadellenbraterei, wie er selbst schreibt. Das Ergebnis war ein Schmetterlingserythem, ein Ausschlag in seinem Gesicht – und das, obwohl er das Brötchen sogar durch mitgebrachtes Knäckebrot ersetzt hatte! Anderes Beispiel: Er will das Essen im Flieger genausowenig essen wie das an der Autobahnraststätte. Also hat er gelernt, für lange Autofahrten getrockneten Eintopf herzustellen, den man nur noch mit heißem Wasser auflösen muss. Und wenn er von den Kanaren zurückfliegt, hat er ein paar Papas arrugadas in der Jackentasche dabei, die runzligen Kartoffeln mit Salzkruste also. Ich muss an Dr. Volkmann denken, den Arzt mit dem Rauschebart und dem Buch über Essen als Krankheitsursache. Er rät seinen Patienten, kein Essen aus dem Supermarkt zu essen, das Farbstoffe, Schwermetalle, Zusatzstoffe und andere Inhaltsstoffe enthält. Essen als Krankheitsursache und als Therapie…

„Würden Sie das jedem raten?“

Ich wollte es noch etwas genauer wissen und habe bei Dr. Limpinsel nachgefragt:

Herr Dr. Limpinsel, würden Sie jedem Diabetiker raten, Ihren Weg – den Sprung ins kalte Wasser – auszuprobieren?

Dr. Limpinsel: Wichtig ist die Ernährungsumstellung. Zucker und Chemie im Essen machen süchtig. Da muss man durch, das dauert 7-10 Tage. Danach ist das neue Leben ein Paradies. Mir schmecken Zucker und Chemie jetzt einfach nicht mehr. Wer aber jeden Abend ein Stückchen Zucker nascht, wird immer in einen Jo-Jo-Effekt fallen und scheitern.

Was halten Sie von den Programmen mit Formuladiäten?

Dr. Limpinsel: Gar nichts! Ich halte keine Diät, ich schlemme bis zum Anschlag. Fleisch, Butter, Fett, Olivenöl, Gemüse, Obst, Alkohol – alles das ist überhaupt kein Problem. Meine Psyche kommt mit Verzicht oder Diät absolut nicht klar. Eigentlich esse ich jetzt mehr als früher. Aber ich schleppe 30 Kilogramm weniger mit mir herum.

Kennen Sie weitere Typ-2-Diabetiker, die sich mit der Kombi von Ernährung, Sport und Stressfreiheit geheilt haben?

Dr. Limpinsel: Das steht in jedem Lehrbuch der Inneren Medizin, das ist die Definition von Diabetes II. Bei mir haben sich mittlerweile 11 Personen gemeldet, die ebenfalls von Diabetes-Tabletten oder Insulin weggekommen sind, weil sie meine Prinzipien angewendet haben. Alle sagen das Gleiche: Die erste Woche ist hart, dann ist es das Paradies.

Haben Sie eigentlich eine Praxis, wo Sie Diabetiker behandeln?

Dr. Limpinsel: Ich plane für den Herbst 2018 ein dreiwöchiges Seminar zum Thema. Interessenten sollen mir einfach eine SMS schicken oder mir auf die Mailbox sprechen. Meine Handynummer lautet: 0049-1578-5326403

Und die darf ich veröffentlichen? Ok, danke!

Warum interessiert das keinen so richtig?

Die Untersuchung mit der Formuladiät wurde übrigens im Lancet veröffentlicht, also nicht in irgendeinem Blättchen, sondern in einer international sehr angesehenen medizinischen Fachzeitschrift. Und das Buch von Dr. Limpinsel ist im TRIAS Verlag erschienen, einem Verlag der renommierten Thieme-Verlagsgruppe. Müsste so eine Neuigkeit über Diabetes nicht eigentlich die erste Nachrichtenmeldung der Tagesschau sein? Naja, vielleicht wenigstens eine Meldung irgendwo in den Nachrichten?

Grund genug gäbe es angesichts der Zahlen eigentlich: Im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2018 (Hrsg. Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und Deutsche Diabetes-Hilfe) steht, dass etwa 6,7 Millionen Menschen Deutschland an Diabetes mellitus erkrankt sind, davon rund 95 Prozent an Diabetes Typ 2. An dem so genannten Altersdiabetes also, der durch Ernährung und Bewegung (mit)verursacht wird und eben auch so behandelt werden kann. Wobei die falsche Ernährung nicht bloß aus Sahnetorte und Pizza besteht, im Gegenteil. Man hat offenbar gute Chancen, Diabetiker zu werden, wenn man sich „ganz normal“ verhält: Essen, was Supermarkt & Co anbieten, Stress und Lärm aushalten und nicht zu viel bewegen.

„Diabetes Typ 2: Trotz vieler neuer Medikamente verbessern sich Blutzuckerwerte nicht“ – so der Titel eines aktuellen Artikels im Ärzteblatt. Das passt. Schade eigentlich, dass ich bisher fast nur Diabetiker kenne, die felsenfest davon überzeugt sind, dass sie erstens – leider – mit ihrem Diabetes leben müssen und dass sie zweitens möglichst gute Medikamente brauchen.

 

 

[1] Arent SM, Walker AJ, Pellegrino JK et al.: The Combined Effects of Exercise, Diet, and a Multi-Ingredient Dietary Supplement on Body Composition and Adipokine Changes in Overweight Adults. J Am Coll Nutr. 2018 Feb; 37 (2): 111-120. doi: 10.1080/07315724.2017.1368039. Epub 2017 Nov 7.

 

Auschra

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