Thai-Massage wirkt gegen chronische Kopfschmerzen

Mindestens 15 Tage pro Monat Kopfschmerzen und das mindestens sechs Monate lang: Chronische Spannungskopfschmerzen sind vermutlich ekelhaft. Ich bin froh, dass ich es nicht aus eigener Erfahrung beurteilen kann.

Deshalb weiß ich auch nicht, ob ich vorsorglich ein Amitriptylin-Präparat gegen chronische Spannungskopfschmerzen einnehmen würde. Diese Tabletten sind eigentlich zur Behandlung von Depressionen gedacht, zugelassen sind sie aber auch für die langfristige Schmerzbehandlung. Amitriptylin wirkt vorbeugend gegen Migräne und Spannungskopfschmerz, sagt Wikipedia, schreibt allerdings auch, dass zu den üblichen Nebenwirkungen Kopfschmerzen gehören.

Hm, naja.

Ehrlich gesagt gefällt mir die Vorstellung besser, vorsorglich eine Thai-Massage gegen Kopfschmerzen zu bekommen.Eine Massage gegen Kopfschmerzen gilt hierzulande allerdings eher als merkwürdige Idee. Ein Rezept für Massagen habe ich sowieso in meinem ganzen Leben noch nicht bekommen. In anderen Weltgegenden wird das anders gesehen. In einer sorgfältig aufgebauten Studie* wurden jetzt Amitriptylin und Traditionelle Thai-Massage als alternative Behandlungsmöglichkeiten von chronischem Spannungskopfschmerz miteinander verglichen. Die Untersuchung wurde in Thailand durchgeführt, wo diese Form von Massage als hochwertige Angelegenheit von gut ausgebildeten Masseuren angeboten wird. Die Therapeuten können tatsächlich vergleichbar arbeiten, da sie nicht nach Gefühl irgendwo Druck ausüben. Sie haben in ihrer Ausbildung gelernt, gezielt an den Meridianen entlang zu arbeiten. Man darf eine „echte“ traditionelle Thai-Massage deshalb nicht verwechseln mit der oft eher laienhaft ausgeführten Thai-Massage in deutschen Großstädten, wo Masseurinnen arbeiten, die nur ein paar Stunden lang ausgebildet wurden.

Aber zurück zur Studie Thai-Massage gegen Amitriptylin. Um vergleichen zu können, ob der chronische Schmerz durch die eine oder andere Maßnahme besser oder schlechter wird, muss man die Schmerzintensität messen. Dazu nutzten die thailändischen Wissenschaftler die Visuelle Analog-Skala (VAS). Das ist eine Skala zur Messung der subjektiven Schmerzempfindung. Auf einer Linie von 1 bis 10 soll der Patient seinen aktuellen Schmerz markieren. Die Patienten mussten die Schmerzstärke hier mehrmals eintragen: vor Behandlungsbeginn und jeweils vor und nach der Behandlung in der zweiten und vierten Woche. Eine weitere wichtige Messgröße ist die Druckschmerzschwelle: ein kleines Gerät misst, wie viel Druck auf einen Quadratzentimeter Haut der Patient als schmerzhaft empfindet. Es gab noch weitere Messwerte, deren Beschreibung ich mir erspare. Ich wollte bloß klarstellen, dass diese Studie mit einer gewissen Ernsthaftigkeit bemüht war, wissenschaftlich auswertbare Vergleichsdaten zu erhalten.

Teilnehmer waren 60 Patienten im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, bei denen ein chronischer Spannungskopfschmerz nach den üblichen Kriterien diagnostiziert worden war. Migräne-Patienten wurden von der Studienteilnahme ebenso ausgeschlossen wie Menschen, die nur ab und zu Kopfschmerzen hatten.

Die 60 Patienten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. In der Thai-Massage-Gruppe gab es zweimal wöchentlich Massagen, allerdings bloß 45 Minuten lang. Ehrlich gesagt finde ich das verdammt wenig. 90 Minuten oder gleich zwei Stunden – das ist meiner Erfahrung nach eine gute Zeit für eine Thai-Massage. In der Studie gab es klare Vorgaben, was in diesen 45 Minuten abgearbeitet werden sollte: definierte Punkte an den Schultern, dem oberen Rücken, dem Nacken, der Schulteroberseite, dem Hinterkopf, auf dem Scheitel und der Stirn wurden mit Fingerdruck behandelt.

Die andere Gruppe hatte aus meiner Sicht weniger Glück. Diese 30 Kopfschmerz-Patienten bekamen vier Wochen lang 25mg Amitryptilin täglich.

In beiden Gruppen gingen die Kopfschmerzen zurück, bei einigen Messwerten war die Thai-Massage überlegen. Schön!

Weniger schön ist die Realität in Deutschland. Hier gibt es nur sehr wenige gut ausgebildete Thai-Masseure und die Kosten muss jeder selbst übernehmen. Und offenbar ist selbst die schulmedizinische Behandlung nicht richtig gut, wie die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. mitteilt:

„Die ambulante schmerzmedizinische Versorgung in Deutschland ist bundesweit insgesamt katastrophal“, beklagte der Vorsitzende des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD), Prof. Joachim Nadstawek. Es gebe zu wenige niedergelassene Schmerzmediziner, die Rahmenbedingungen seien unsicher und ökonomisch nicht tragfähig.

Täglich meldeten sich beim Schmerztelefon der Deutschen Schmerzliga „verzweifelte, hilfesuchende Patienten, deren Schmerzproblem auch nach mehreren Arzt- und Klinikbesuchen nicht gelöst werden konnte“, so auch Präsident PD Dr. Michael A. Überall. So wie sie im Moment gestaltet sei, funktioniere die Schmerzversorgung in Deutschland einfach nicht. „Ob ein Patient einen Arzt findet, der sich in der Schmerzmedizin engagiert, ist reiner Zufall“, betont der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS), Dr. Gerhard Müller-Schwefe.

Vielleicht sollten Schmerz-Patienten nach Thailand ziehen?

 

* Damapong P, Kanchanakhan N, Eungpinichpong W et al.: A Randomized Controlled Trial on the Effectiveness of Court-Type Traditional Thai Massage versus Amitriptyline in Patients with Chronic Tension-Type Headache. Evid Based Complement Alternat Med. 2015;2015:930175. doi: 10.1155/2015/930175. Epub 2015 Sep 15.

 

Foto: © Yvel Jäger

 

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