Schwanger auf Sylt? Nervensache!

Ich wusste bisher gar nicht, wie viele Menschen und Institutionen an einer Geburt beteiligt sind. Etwas naiv hätte ich angenommen, die werdende Mutter entscheidet, wo sie ihr Kind auf die Welt bringen will. Hebammen leisten auf menschlicher und fachlicher Ebene Beistand; im Notfall gibt es Ärzte, Kliniken, Intensiv- und Frühchenstationen als Plan B. Wir haben doch schließlich eins der besten Gesundheitssysteme der Welt, oder?

Auf Sylt habe ich gelernt, dass das so nicht ganz richtig ist. Sabrina, Konstantin und die Sylter Hebamme Anke Bertram haben mir viel beigebracht. Aber der Reihe nach.

Bei uns ist alles gesetzlich geregelt, auch das Kinderkriegen. Auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums steht zum Beispiel, dass es die Hebammen sind, die die Leitung der normalen Geburt übernehmen. Im Klartext heißt das: Selbst ein Arzt muss eine Hebamme zur Geburt hinzuziehen. So weit alles klar. Was aber, wenn die Frauenärzte keine Belegbetten mehr haben und die Hebammen keine bezahlbaren Berufshaftpflichtversicherungen? Dass geburtshilfliche Abteilungen geschlossen werden, ist auch in anderen Gegenden Deutschlands zur Normalität geworden. Hohe Haftpflichtprämien, wenige Geburten, wenige Fachärzte. Kliniken müssen wie andere Gesundheitseinrichtungen auch betriebswirtschaftlich kalkulieren. Also werden Abteilungen geschlossen und die Patienten müssen halt längere Wege in Kauf nehmen, um zum Arzt zu kommen. Allerdings kann der Weg von einer Insel bis zur nächsten Klinik etwas länger dauern, als dem Patienten gut tut.

Ich weiß das, weil meine Freundin Gabi (hallo Häschen!) sich vor ein paar Jahren ihre künstliche Hüfte ausgerechnet auf Borkum auskugeln musste. Sie lag auf der Straße, hatte höllische Schmerzen, wurde in die Inselklinik gebracht, wo man ihr aber auch nicht helfen konnte. Der Transport zum Festland war wetterbedingt schwierig. Reponiert wurde ihre Hüfte 12 Stunden später auf dem Festland, nach einem Transport mit den Seenotrettungsboot und langen Stunden auf der Landstraße. Zum Glück bekam sie genug Fetanyl, ein starkes Schmerzmittel. Eine Schwangere, bei der die Geburt bevorsteht, hat weder so viel Zeit noch kann sie einfach betäuben.

Ein Konzept für Geburten gibt es zwar, aber glücklich ist wohl niemand damit. Plan A heißt: Die Schwangere geht Wochen vor dem Geburtstermin in eine Klinik aufs Festland. Man nennt das auch Boarding. Ist es dafür zu spät, greift Plan B: Der Rettungsdienst transportiert die Schwangere unter Berücksichtigung der Gegebenheiten in eine Klinik aufs Festland oder in Ausnahmefällen auch in die Klinik auf Sylt. Ergänzend wird versucht, eine Hebamme bei geburtshilflichen Notfallsituationen mit heranzuziehen. Dieses Konzept hat Lücken und Tücken. „Wer setzt einen individuellen Notfallplan eigentlich in Gang?“, fragt Anke Bertram.

Anke Bertram ist Hebamme auf Sylt

Hebamme Anke Bertram findet, dass schwangere Frauen auf Sylt mit ihren Problemen alleine gelassen werden.

Nicht jede Schwangere möchte gerne Wochen vor der Geburt in eine Art Gebärvorbereitungshotel umsiedeln, ohne Familie, ohne die üblichen Freunde, ohne die passend eingerichtete Küche und das vertraute Bett. Eine Geburt mag ja immer schmerzlich sein. Aber die Vorstellung, zum Gebären in eine Art Schwesternwohnheim zu fahren, wo die vertraute Hebamme fehlt und man ohne die Familie wartet – das ist ein ziemlich unterkühltes Bild.

Wer den Weg in Richtung Festland dagegen so lange wie möglich hinauszögert, der kann sich nicht darauf verlassen, dass im Notfall alles nach Plan B abläuft. Ob schwangere Sylterinnen sich eine extra-gute Wetter-App besorgen, um drohende Stürme schon Tage vorher in die Kalkulation einzubeziehen? Ob sie beten, dass kein Unfall den Bahnverkehr lahmlegt? Bei Sturm fliegt kein Hubschrauber, außerdem stellt eine neue EU-Verordnung die Rettung auf dem Luftweg in Frage. Die Krankenhausgesellschaft warnt vor „erheblichen Beeinträchtigungen für die Patientenversorgung“.

Die Schwangeren können sich auch nicht darauf verlassen, dass im Notfall schon eine der Hebammen auf der Insel zur Stelle sein wird. Anke Bertram jedenfalls kann keine Geburten mehr betreuen, weil ihr hierfür die Grundlage entzogen wird. Auch sie will sich wohl nicht länger mürbe machen lassen. Ob sie Wünsche an die Politik, die Klinik, die niedergelassenen Ärzte hat? „Vor vier Jahren haben wir die erste Petition an die Politik gerichtet“, erinnert sie sich, „seitdem ist nichts passiert, außer dass alles schlimmer geworden ist“. Von dem privaten Klinikbetreiber wünscht sie sich nichts mehr, von den niedergelassenen Ärzten einfach etwas Interesse für die Situation der Schwangeren und der Hebammen. „Es kann doch nicht sein, dass die Klinik, die Politik und die Ärzte mit den Schultern zucken und die Frauen mit der Geburt und der Angst vor Komplikationen alleine gelassen sind“, sagt sie und schaut Sabrina fragend an. Die junge Mutter schüttelt den Kopf. Doch, sagen die Gesichter der beiden Frauen gleichzeitig, genau das passiert hier gerade.

Eine Hausgeburt auf Sylt in Morsum

Konstantin ist auf Sylt geboren worden, er schläft friedlich auf dem Bauch des großen Bruders Fynn.

Es ist eine etwas beklemmende Stimmung in dieser Sylter Wohnung. Auf dem Bauch seines Bruders schläft friedlich Konstantin, der vor ein paar Wochen auf Sylt zur Welt gekommen ist. „Es hat nur 20 Minuten gedauert“, sagt Sabrina, „da war keine Zeit mehr für einen Transport zum Festland“. An diesem Tag war Anke Bertram auf dem Festland, ihre Kollegin war glücklicherweise da und kam notfallmäßig, der Notarzt traf nach ein paar Problemen mit der Einsatzleitung irgendwann auch ein. Schon weil sie einen Zeugen braucht, muss die Hebamme bei solchen Hausgeburten den Notarzt rufen. Er muss bescheinigen, dass die Frau nicht mehr transportiert werden kann. Auch für die Sylter Notärzte sicher keine ganz unkomplizierte Situation.

Bei Konstantin und Sabrina ging alles gut. Aber so richtig glücklich – nein, das sieht anders aus. „Gebären in Würde und Geborgenheit“, sagt Anke Bertram, „das ist uns hier längst verlorengegangen“.

 

 

 

 

Auschra

2 Comments

  1. Hallo ich verfolge seit über einen Jahr dass Problem der Hebammen ich habe selber vor 9 Monaten meine Zweite Tochter in einer geplanten Hausgeburt bekommen und würde mir dass auch wünschen dass es wenn wir noch weitere Kinder bekommen würden auch so wehre denn auch wenn ich auf keiner Insel lebe ist dass nägste Krankenhaus 20 – 25 min entfernt und dass nur wenn man ohne Probleme durch fahren kann und ich gehöre zu den Frauen die schnelle Geburten haten meine Kinder kamen 10- 15 Minuten also wie soll ich es dann in die Klinik schaffen wenn zB wie im Fall von meiner letzten Tochter zwar sie nachts kam aber genau dort mein man geschafft hat und so selber erst kurz vor der Geburt ankam ( genauso wie meine Hebamme) und wenn ich dann zB ein Krankenwagen rufe der erst dann herkommen muss were meine Tochter glaub schon geboren gewesen. Daher haten wir uns für eine geplante hausgeburt entschieden dass mir auch meine ängste nahm denn dass schlimmste wass ich mir vorstellen konnte war dass ich auf dem Weg zB im Auto mein Kind bekommen würde. Genauso war es erleichtert zu wissen ich hab meine Hebamme an meiner Seite die mir hilft und die Situation richtig einschätzen kann. Und da wir noch eine 3 Kind haben wollen frag ich mich wie es dann werden soll und wie ich es dort ohne ängste zu haben es schaffen soll

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