Nachtdienst im Altenheim

Durch die Berliner Presse ging vor kurzem eine merkwürdige Meldung. In einem Seniorenheim hatte eine Pflegehilfskraft die Feuerwehr alarmiert. Nicht weil es brannte, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn. Sie hatte angerufen, weil sie die Menschen auf ihrer Station nicht versorgen konnte.

NachtdienstDen Zeitungen entnehme ich, dass die Altenpflegehelferin mit über 20 Patienten seit Stunden allein auf der Station ihres Berliner Heimes war. Dazu muss man wissen, dass die Qualifikation einer Pflegehilfskraft fachlich und juristisch ganz anders zu werten ist als die einer Fachkraft. Medikamente austeilen, Spritzen geben – das darf die Fachkraft. Die Pflegehelferin darf solche Tätigkeiten, wenn überhaupt, dann nur unter Aufsicht erledigen. Die Verantwortung kann sie dafür nicht übernehmen.
Als die Berliner Pflegehilfskraft bei der Feuerwehr anrief, war keine Fachkraft auf Station und die von den anderen Stationen hatten keine Zeit. „Sie verweigerten sich“, schreibt eine Zeitung.

Der Notarzt gibt Medikamente aus

Die Feuerwehr weigerte sich nicht und schickte ein Team. Ein Notarzt behandelte vier Menschen akut, den anderen gab er ihre üblichen Medikamente. Die Heimleitung war nicht zu erreichen, weshalb die Polizei alarmiert wurde. Klar, man kann ja schlecht notfallmäßig eingreifen und beim Abschied damit rechnen, zur nächsten Medikamentenausgabe wiederkommen zu müssen.

Die Zeitungen zitieren den Heimleiter mit dem Hinweis, es seien kurzfristig zwei Pflegefachkräfte erkrankt. Angeblich will er die betroffenen Kollegen zur Rede stellen und entscheiden, wem der Einsatz in Rechnung gestellt werden muss. Das klingt, als hätten die übrigen Mitarbeiter nebenbei einspringen müssen. Kann man neben dem ersten auch noch einen zweiten Job übernehmen? Ich könnte zum Beispiel nicht doppelt so viele Artikel schreiben oder doppelt so viele Telefonate führen.

Ich beschließe, meinen alten Freund Gregor zu fragen, was er von der Geschichte hält. Gregor (der in Wirklichkeit anders heißt) arbeitet nämlich seit Jahrzehnten in der Pflege.

Wie gut ist ein Heim mit der Note 1,0?

Wir setzen uns auf einen Kaffee zusammen und ich frage nach. Wie kommt so eine Situation zu Stande? Er dreht sich eine Zigarette und erzählt von „seinem“ Heim, das regelmäßig mit der Note 1,0 bewertet wird. Pflegenoten sollen ja Klarheit über die Qualität einer Pflegeeinrichtung schaffen. Vergeben werden sie durch die Landesverbände der Pflegekassen, Basis sind die Qualitätsprüfungen des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung). Wenn man seine Mutter oder wen auch immer in ein Pflegeheim mit der Note 1,0 gebracht hat, dann müsste man eigentlich sicher sein können, dass die Versorgung gut ist, oder?

Gregor lacht.

Er arbeitet schon lange in diesem Heim mit der Note 1,0. Alt werden möchte er in so einem Haus ganz sicher nicht. 1,0 – das bedeutet für ihn, es sind keine gravierenden Mängel festzustellen. Die Bewohner haben keine Anzeichen von Misshandlungen und die medizinische Versorgung „funktioniert“ laut Dokumentation. Was nicht bedeutet, dass es den Menschen gut geht. Das wäre aber eigentlich das einzige Erfolgserlebnis für den Pfleger.

IMG_2781Stattdessen ist er mit Dokumentation beschäftigt. Checklisten Abhaken, Dokumentieren, das ist wohl die wichtigste Grundlage für eine gute Note. Die Dokumentation ist die Basis dafür, dass die Gelder der Krankenkasse fließen. Also muss sie sorgfältig sein, es darf kein Wert fehlen und es muss zumindest auf dem Papier so aussehen, als wäre die Betreuung optimal.

Die Dienstpläne sind auch so ein Thema, erzählt Gregor. Es gibt in dem Pflegeheim mehrere Etagen und Stationen (oder moderner: „Wohneinheiten“). Jede Station hat ihren Dienstplan und es kann durchaus vorkommen, dass die gleichen Namen auf verschiedenen Dienstplänen auftauchen. „Vielleicht hat der Kollege ja von der einen auf die andere Station gewechselt und es wurde vergessen, den Namen auszuradieren“, lacht er. Auf jeden Fall sieht es gut aus, wenn auf dem Papier mehr Personal da ist als in der Realität.

Die Personaldecke ist eng, zermürbend eng

Es kostet Kraft, ständig unter Zeitdruck in der Pflege beschäftigt sein. Andauernd hat er Termine und Räume im Kopf: In x Minuten muss ich die Runde beendet haben, muss ich Frau A in diesem Zimmer abgesaugt und Herrn B im nächsten Zimmer gewickelt haben. Keine Zeit, die demente Frau Y in den Schlaf zu plaudern oder den weinenden Herrn Z zu trösten. Es kostet zu viel Zeit, sich auf die Bedürfnisse der Menschen in ihren Betten einzulassen. Kraft würde es sowieso kosten.
Warum beschwert er sich nicht über die zermürbend enge Personalsituation? Er tut es und weiß, dass die offizielle Version ein „momentaner Engpass“ ist, der „mit Bedauern“ zur Kenntnis genommen wird. Sicher ist jemand krank, die Personalknappheit also „nur“ eine Ausnahme. Solche Ausnahmen haben die Tendenz, besonders haltbar zu sein. „Mehr ackern, das geht vielleicht am Fließband“, sagt Gregor ruhig, „aber wie will man jemanden schneller füttern oder waschen oder absaugen?“

Worte wie Zermürbung und Resignation kommen ihm emotionslos über die Lippen. Sicher hat er Routine darin, eine distanzierte Stellung zur eigenen Betroffenheit einzunehmen. Aber dann, wenn er auf das Mobbing zu sprechen kommt, merkt man ihm die Betroffenheit doch an. Die Kollegen ziehen nicht an einem Strang, sind nicht solidarisch, sondern suchen nach einer Chance, es besser zu machen als der andere. Der, der sich beschwert über ungute Zustände, kann damit rechnen, dass der nächste Kollege die Situation als Chance zum Aufstieg begreift.

Nachtschicht

Gregor arbeitet bloß noch nachts im Pflegeheim. „Bei uns werden die Menschen aufgenommen, die woanders rausfliegen“, sagt er. Es gibt also kaum „leichte Fälle“, sondern fast nur anstrengende Demenzkranke und Schwerstpflegefälle. Mancher neue Mitarbeiter hat schon nach ein paar Tagen aufgegeben, die Belastung hält nicht jeder durch. Bettlägerigkeit, das bedeutet, dass die Kranken zur Dekubitusprophylaxe gewendet werden müssen. Dass sie gewindelt werden müssen. Dass bei ihnen Trachealkanülen liegen, die regelmäßig abgesaugt werden müssen. „Opfer von Wiederbelebungsmaßnahmen“, knirscht Gregor zwischen den Zähnen hervor.

Zwei Pfleger betreuen regelmäßig drei Stationen mit je 23 verwirrten Menschen. Wer bis drei zählen kann, weiß also, dass immer eine Station ohne Pfleger ist. Wenn ein Bewohner fällt, zur Toilette muss oder Durst hat, Angst oder was auch immer verspürt – dann ist auf dieser Station niemand da.

Note 1,0, genau.

Ein Pfleger auf zwei Stationen

Demenzkranke Menschen sind nachts nicht unbedingt schläfrig. Manche werden aktiv, verlassen das Bett, das Zimmer oder sogar die Station und das ganze Haus, wenn sie können. Einen Weg gibt es immer. Wenn man Patienten auf zwei Stationen zu versorgen hat, die weit voneinander entfernt sind, hat man als Pfleger keine Chance, das schnell zu merken. Selbst die Alarmglocke hört man nicht unbedingt.

Version 2Ein Sturz ist ganz sicher Anlass für eine neue Dokumentation, ein Sturzprotokoll. Der Pfleger muss erklären, wo er war, als der Sturz passierte. Damit wird so etwas wie Verantwortung unterstellt – oder Verantwortungslosigkeit. Wenn man auf der einen Station ist, kann man nicht mitverfolgen, was auf der anderen passiert. Und doch muss der Pfleger ein Sturzprotokoll schreiben und damit seine prinzipielle Verantwortung akzeptieren. „Es geht immer um eine Schuldzuweisung“, sagt Gregor und macht sich eine neue Zigarette an. Er hat längst schriftlich mitgeteilt, dass er die Verantwortung für zwei Stationen nicht übernehmen kann. Nicht weil er dachte, dass die Geschäftsführung sich davon beeindruckt zeigt, sondern um sich abzusichern. Ob das hilft? Achselzucken, ein Schluck Kaffee, ein tiefer Zug Rauch.

Fast entspannt erzählt er von dem alltäglichen Umgang mit Demenzkranken. Die kleinen nervigen Probleme. Da klingelt einer und hat wieder vergessen, was er wollte, wenn man kommt. Da hat ein Patient Besuch von der Enkeltochter, die genau sieht, wie viele Pfleger für wie viele Patienten da sind. Und doch findet sie, dass die Zeit da sein müsste, dem Großvater vorzulesen. „Angesichts der Gesamtbelastung“, erklärt Gregor, „ist es tatsächlich eine Erleichterung, wenn ein neuer Pflegefall zwar dement ist, aber zusätzlich bettlägerig“. Wer im Bett liegt, klingelt nicht mehr, rennt nicht weg und fällt nicht um. Er meint das absolut nicht zynisch. Er beschreibt nur die ganz normalen Arbeitsanforderungen, die er erfüllen muss.

„Kein Platz und keine Zeit für die Alten“

Vielleicht will er es nicht, trotzdem denkt er viel über die Menschen nach, die er betreut. Die Frau, die so ungewöhnlich entspannt im Sterben liegt. Er geht mit Neugier an ihr Bett, wenn seine Schicht beginnt – ob sie noch lebt? Sie ist meistens gedanklich abwesend, äußert keinerlei Interessen oder Beschwerden, wenn er sie versorgt. Wenn sie wach ist, kann er manchmal ganz normal mit ihr plaudern. Ganz anders als die Frau, die sterbend und dement jede Nacht laute Selbstgespräche führte. Immer endeten sie mit den Worten: „Soooo, jetzt habe ich es dir gegeben“. Was muss das für ein Streit gewesen sein, der sie bis an ihr Lebensende beschäftigt hat?

Ich beschließe insgeheim, alle meine offenen Streits zu lösen, bevor ich im Sterben liege.

Auch Gregor macht sich Gedanken über das eigene Altwerden. „Ich habe jeden Tag vor Augen, was aus mir werden kann“, sagt er. Da gibt es einen alten Firmendirektor mit viel Geld im Hintergrund, der manchmal hilflos aus seinem Zimmer auf den Flur tritt und auf den Boden pinkelt. Den SPIEGEL bekommt er immer noch regelmäßig zugeschickt.

IMG_2783Es wird kalt auf unserem Raucherbänkchen vor dem Café, er holt heißen Tee und Kaffee und dreht sich noch eine Zigarette. Dabei spricht von der Angst, sein Leben eines Tages vielleicht nicht mehr steuern zu können. Zusammengepfercht mit Menschen zu sein, die ihm unsympathisch sind – er, der Einzelgänger. Im späten Stadium einer Demenz begreift man vielleicht nicht mehr, welche Gefühle man seinen Bettnachbarn gegenüber hegt. Anfangs kann man durchaus noch wahrnehmen, wie hässlich sich das eigene Leben gerade verändert. Gregor berichtet von einer Frau, die jede Nacht gesungen hat. „Gegrölt, wirklich laut gegrölt“, lacht er. Dabei war die Situation gar nicht lustig, die Bewohnerin hatte nämlich ein Bett in dem Zimmer mitten auf dem Flur bekommen, sodass alle – Bewohner und Personal – maximal von dem Lärm gestört wurden. Er versuchte die Situation zu ändern, ein anderes Zimmer oder Schlafmittel für sie zu bekommen. Nächtelang schrieb er Anträge, ohne Erfolg zu haben. Die einzige Möglichkeit, sich selbst abzuschirmen war es, die Tür des Dienstzimmers so oft wie möglich zu schließen.

Ständige Spannung. Zermürbung, Resignation, Kaffee und Zigarette.

„Diese Welt hat keinen Platz und keine Zeit für die Alten“, sagt er und steht auf.

 

2 Kommentare

  1. Es ist eine Katastrophe in der Pflege.Man geht so gut wie nie ohne schlechtes Gewissen von der Station. Überstunden sind schon im voraus geplant. Sterbende können nicht mehr begleitet werden. Selbst schwerstkranke Krebspatienten mit Metastasen müssen reanimiert werden,wenn sie rechtzeitig gefunden werden. Stürtze sind an der Tagesordnung. Lagerungen stehen in der Dokumentationen, Papier ist geduldig. RR und P messen,was ist das? Nachts wird die Grundpflege gemacht,weil der Frühdienst das nicht schafft.Das war schon vor 20 Jahren so und ist es jetzt noch mehr.

    Ich mache jetzt häusliche Intensiv. 12 er Dienste. Letzten Januar bin ich auf 310 Stunden gekommen. 250 Stunden waren normal. Nach dem Burn out stand ich mit 900 Euro Krankengeld da. Bei 500 Miete und einer privaten Rentenversicherung und einer Berufsunfähigkeitsversicherung die schon 300 Euro ausmachen (Auto, Haftpflichtversicherung, Essen , Strom) noch nicht bezahlt, kann man sich vorstellen, dass die Wohnung ruckzuck weg ist. Und Unterstützung gibt es von keinem Amt der Welt. Man hat ja zu viel Geld. Die Techniker Krankenkasse zahlt nach den gefälschten Angaben die der AG gibt, Dass der aber nicht ehrlich ist, ist völlig logisch, weil er sich ja strafbar gemacht hat. Er hat seine Fürsorgepflicht dem AN gegenüber verletzt, hat die Steuer betrogen und und und. Arbeitsrecht hat keine Gültigkeit, Ruhezeiten interessieren niemanden. Frühdienst und danach in die Nachtschicht, das ist gar nichts.
    Und dann kommt man auf manche Foren und wird noch beschimpft, weil man selbst dafür verantwortlich ist. Man könnte ja NEIN sagen. Ja, man könnte …

  2. Hallo Flocke, ich habe ehrlich gesagt nicht jeden Gedanken begriffen, den du hier formuliert hast. Gefälschte Angaben des Arbeitgebers, er hat sich strafbar gemacht, betrogen – das sind harte Anschuldigungen, deren Richtigkeit ich nicht beurteilen kann.
    Die Wohnung weg? Sitzt du auf der Straße???
    Auf jeden Fall lese ich eine große Trostlosigkeit und Müdigkeit aus deinen Zeilen und würde dich gerne mal kurz drücken. Machs gut, Flöckchen!
    Ruth

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