Meisterkräuter, z.B. die Brennnessel

Nehmen wir mal die Brennnessel. Jeder mit ein bisschen Interesse für Naturheilverfahren hat schon mal von ihren heilkräftigen Wirkungen gehört. Wenn ich bei Google ‚Brennnessel’ und ‚Heilwirkung’ eingebe, werden mir in 0,68 Sekunden ungefähr 50.700 Ergebnisse geliefert. Ich überfliege ein paar Seiten und stoße auf Stichwörter wie Immunmodulation, Blutstillung, Blutbildung, Appetitlosigkeit, Verstopfung, Durchfall, Nierenschwäche, Haarwuchs oder Rheumatismus. Aber handelt es sich bei diesen Beschreibungen wirklich um Wissen? Hm…

In medizinischen Datenbanken erfahre ich, dass Brennnesselextrakt Schwermetall aus dem Boden entfernt und bei Brustkrebs die Krebszellmigration durch Regulierung von miR-21, MMP1, MMP9, MMP13, Vimentin, CXCR4 und E-Cadherin hemmen konnte. Ach, ja? Nochmal hm. Heißt das jetzt, Brustkrebs-Patienten sollten auf jeden Fall Brennnesseltee trinken? Oder sollten auch alle anderen lieber Brennnesseltee als Kaffee trinken? Bei solchen Anwendungsfragen hilft die Evidencebasierte Medizin helfen. Nur leider gibt es für Brennnesseln & Co nicht viele Studien. Evidenzbasiert ist die Heilkraft der Brennnessel vermutlich nicht. (Korrigiert mich, wenn es anders ist!)

Die 24 europäischen Meisterkräuter

Wie bekommt man heraus, bei wem welche Kräuter richtig eingesetzt sind? Ich mache mich auf die Suche nach einem Kräuterbuch, mir fällt eins irgendwie auf und ich bestelle es mir: Die Meisterkräutertherapie von Wolfgang Schröder.

Beim Stichwort ‚Meisterkräuter’ denkt man sofort an die Traditionelle Chinesische Medizin, an Meisteressenzen oder an Kampfkunstmeister. In diesem Buch geht es aber nicht um asiatische Kräuter oder Künste, sondern es werden 24 europäische Kräuter als besonders kostbar vorgestellt: Thymian, Brennnessel oder Tausendgüldenkraut zum Beispiel und natürlich Weißdorn, nicht zu vergessen der Beifuß. Vorab: Die Inhalte mögen für einen Naturwissenschaftler nicht immer akzeptabel sein. Hier geht es nicht um Studienergebnisse, sondern um Erfahrungswissen auf Grundlage der TCM. Ist das verkehrt? Dass Thymiantee gut gegen Husten hilft, wusste ich schon. Schon meine Oma gab mir bei Husten entweder Zwiebelsirup oder Thymiantee. Wolfgang Schröder hat zum Glück deutlich mehr an Wissen über die Meisterkräuter. Er stellt den Thymian zum Beispiel vor als Meister der Reinigung, der nicht nur bei Atemwegsproblemen wirksam ist, sondern auch bei Pilzerkrankungen hilft. Auch die emotionalen und geistigen Aspekte eines jeden Krauts beschreibt er. So soll Thymian Depressionen und Traurigkeit vertreiben und bei mangelndem Selbstwertgefühl helfen.

Die Brennnessel dagegen wird als Meisterin der Essenzen bezeichnet, die harntreibend und antiarthrotisch wirkt. Bei den emotionalen Aspekten weist der Autor auf die Wehrhaftigkeit der Pflanze hin und empfiehlt sie für schüchterne Menschen, die lernen wollen, sich mehr abzugrenzen.

Die 24 Kräuter werden ausführlich beschrieben: welche Wirkstoffe sind enthalten, wie erzielt man mit ihnen Linderung und worauf muss man bei der Anwendung achten? Dieser Teil ist vielleicht gar nicht so ungewöhnlich. Für mich neu ist die Beschreibung der Kräuter in ihrem Zusammenhang mit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und der Elemente-Lehre. Zu welchem Element gehört welches Kraut? Die Brennnessel zum Beispiel ist ein Wasserkraut. Element Wasser – wie war das noch mit den Wandlungsphasen – und schon ist man drin in den Grundsätzen der TCM.

Arbeitsbuch und Nachschlagewerk

Das Buch ist ein umfangreiches Arbeitsbuch und Nachschlagebuch. Obwohl: auch zum Blättern ist es geeignet, schon wegen der sympathischen Aquarelle und Farbillustrationen oder auch wegen der Beispiele.

Wer einfach nur Ideen für einen Kräutertee sucht, für den geht dieses Buch vielleicht zu tief. Vielleicht ist es aber auch ein Auslöser für mehr Interesse. Wer sowieso begreifen wollte, wie die TCM aufgebaut ist, wird fündig.

Ein Rezeptteil rundet das Buch ab. Es enthält Zusammenstellungen von Teemischungen bei den verschiedensten Symptomen. Beispiel gefällig? Gegen Rumnörgeln und schlechte Stimmung (Element Metall) hilft Kümmel.

Vom Umfang her (über 400 Seiten!) ist das Kräuterbuch nicht mit den heute üblichen Büchern zu vergleichen. Wer sich in eine Art Europäische TCM einarbeiten will, für den ist dieses Buch sicher eine wunderbare Fundgrube. Ein „leicht verständliches Expertenheilkundebuch“ soll es sein, lese ich auf der Verlagshomepage. Schön ausgedrückt!

 

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