Medikamente oder TCM gegen Demenz?

Acetylcholin spielt im Gehirn eine wichtige Rolle. Es ist ein Neurotransmitter, ein Botenstoff, der für Vorgänge wie Konzentration und Gedächtnis wichtig ist. Bei der Alzheimer-Krankheit entsteht in der Hirnrinde ein Mangel an Acetylcholin, sodass die Informationsverarbeitung im zentralen Nervensystem nicht mehr richtig funktioniert. Hier setzen Medikamente gegen die Alzheimer-Demenz an, die so genannten Acetylcholinesterasehemmer. Sie hemmen ein Enzym (Acetylcholinesterase), das Acetylcholin abbaut. Dadurch wird die Acetylcholin-Konzentration erhöht und die Vergesslichkeit oder Verwirrtheit ist im Idealfall wieder verschwunden. So viel zur Theorie.

Aricept (Wirkstoff Donepezil) ist so ein Antidementivum, ein Mittel zur Behandlung der Demenz also. Das Medikament ist zugelassen zur symptomatischen Behandlung der leichten bis mittelschweren Demenz vom Alzheimer-Typ. Es kann die Symptome der Demenz lindern und das Fortschreiten der Symptome für einige Zeit aufhalten, aber es gibt auch Nachteile: Einerseits ist die Studienlage für die Wirksamkeit gering ([1]), andererseits treten bei mehr als 10% der Patienten Nebenwirkungen wie Durchfall, Übelkeit und Kopfschmerzen auf. Häufig (bei 1-10% der Patienten) sind außerdem Infektionen, Appetitlosigkeit, Halluzinationen, Erregung, Angstzustände, Synkopen, Schwindel, Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Schmerzen, Verletzungen, Magen-Darm-Beschwerden, einschließlich Erbrechen, Ausschlag, Juckreiz, Muskelkrämpfe und Harninkontinenz ([2]).

So richtig prickelnd ist die Vorstellung also nicht, dieses Medikament einzunehmen.

In einer Studie ([3]) wurde jetzt untersucht, ob die Behandlung mit Donepezil besser wirkt als eine naturheilkundliche Behandlung nach den Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Die TCM geht davon aus, dass eine Nierenschwäche Grundlage für die Entstehung einer Alzheimer-Demenz ist.

Es wurden 66 Alzheimer-Patienten in die Studie aufgenommen. Die Patienten der Kontrollgruppe bekamen Aricept (5mg), die der Interventionsgruppe wurden nochmals unterteilt in solche, bei denen ein Yin- oder ein Yang-Qi-Mangel diagnostiziert worden war.

Die mit dem Yin-Qi-Mangel bekamen einerseits Shenfu-Injektionen, eine Mischung aus Roter Ginseng-Wurzel und Eisenhutwurzel. Dazu muss man wissen, dass Eisenhutwurzel hoch giftig ist, die hier eingesetzte Form (Radix Aconiti Lateralis Preparata) aber vom Gift befreit ist. Andererseits bekamen sie auch noch Hämodialysat aus Kälberblut.

Die Patienten mit dem Yang-Qi-Mangel wurden anders behandelt. Sie bekamen Shenmai-Infusionen: Roter Ginseng-Wurzel mit Schlangenbartwurzel. Auch ihnen wurde zusätzlich Hämodialysat aus Kälberblut gegeben.

Zur Verlaufsbeurteilung der Kranken wurden der Mini-Mental-State-Test (MMST) und zwei weitere anerkannte Verfahren zur Demenz-Diagnose benutzt.

Und jetzt wird es interessant: Die MMST-Werte verbesserten sich in beiden TCM-Gruppen sehr viel stärker als in der Kontrollgruppe: Der durchschnittliche MMST-Wert vor Beginn lag bei allen Patienten zwischen 15 und 16. Nach der Therapie in der TCM-Gruppe lag er bei 27,7, in der Kontrollgruppe nur bei 17,7. Zwei andere Tests lieferten ähnliche Ergebnisse. Die genauen Daten kann man übrigens hier nachlesen.

Ich habe noch ein bisschen gegoogelt und noch eine interessante Studie ([4]) gefunden: einen Vergleich zwischen dem Einsatz von Aricept und Akupunktur. Auch hier waren die Ergebnisse der Behandlung mit den Tabletten weniger gut als die TCM-Therapie.

Tja, was soll man zu solchen Studienergebnisse sagen? Wenn ich das so lese, würde ich spontan lieber Akupunktur oder notfalls auch irgendwelche Wurzeln plus Hämodialysat aus Kälberblut ausprobieren. Kriegt man davon eigentlich Rinderwahnsinn? Naja, davon hat man jedenfalls schon lange nichts mehr gehört, immerhin. Donepezil mit den diversen unschönen Nebenwirkungen wäre dann doch nicht so mein Fall. Und vielleicht nährt ja tatsächlich die Niere den Verstand. Auch wenn das mit wissenschaftlichen Erklärungen nicht zu fassen ist. Oder ist es nur noch nicht zu fassen? Ich fühle Ratlosigkeit in mir aufsteigen und frage mich, warum nur ich ratlos bin. Oder habe ich verpasst, dass gerade an einer neuen Demenz-Leitlinie gebastelt wird, die über TCM-Therapien nachdenkt?

Andererseits habe ich beim Googeln auch gelesen, dass mit der Behandlung von Demenz ein gutes Geschäft zu machen ist. Heute und in Zukunft. Der globale Markt für die Behandlung der Alzheimer-Krankheit könnte bis zum Jahr 2023 einen Wert von geschätzten 13,3 Milliarden US-Dollar erreichen, glaubt das Forschungs- und Beratungsunternehmen GlobalData ([5]).

 

 

[1] Birks J, Harvey RJ: Donepezil for dementia due to Alzheimer's disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 1. Art. No.: CD001190. DOI: 10.1002/14651858.CD001190.pub2.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Donepezil#Nebenwirkungen (Aufruf: 20.12.2015)
[3] Chen S, Yao X, Liang Y, Mei W et al: Alzheimer's disease treated with combined therapy based on nourishing marrow and reinforcing Qi. J Tradit Chin Med. 2015 Jun;35(3):255-9.
[4] Gu W, Jin XX, Zhang YJ, Li ZJ et al.: Clinical observation of Alzheimer's disease treated with acupuncture. Zhongguo Zhen Jiu. 2014 Dec; 34(12): 1156-60.
[5] https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2015/05/15/Markt-bis-2023-mehr-als-verdoppelt (Aufruf: 20.12.2015)

Auschra

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