Massage mit tödlichen Folgen

Ich habe lange überlegt, ob ich über diesen Fall berichten soll. Es ist schließlich extrem selten, was hier passiert ist. Aber andererseits: Wenn ich über seltene positive Folgen von naturheilkundlichen Therapien berichte, dann sollte ich fairerweise eigentlich genauso deutlich auch über seltene negative Konsezenzen schreiben – oder?

Also. Es geht um einen Fallbericht ([1]), der im European Spine Journal erschienen ist, einer wissenschaftlichen Zeitschrift für Wirbelsäulenspezialisten. Berichtet wird über einen Patienten mit ankylosierender Spondylitis. Das ist eine chronisch-entzündliche rheumatische Systemerkrankung, die früher auch oft als Morbus Bechterew bezeichnet wurde. Typisch für die Krankheit sind Kreuzschmerzen, verbunden mit einem Einsteifen der Wirbelsäule. Vor allem die Brustwirbelsäule versteift oft in Richtung Kyphose, es entsteht also ein „Buckel“, auch wenn man das heute nicht mehr so nennt.

Hohe Querschnittlähmung

Zurück zu dem Fallbeispiel mit dem katastrophalen Ausgang. Als der 34 Jahre alte Patient in die Notaufnahme gebracht wird, kann er weder Arme noch Beine bewegen und hat Probleme mit der Atmung. Im Röntgenbild erkennen die Ärzte die Ursache: eine schwere Verletzung des 4. und 5. Halswirbels mit Verschiebung der Wirbelkörper. Kurz gesagt: eine hohe Querschnittlähmung, eine Tetraplegie.

Der Patient hatte sich wegen seiner chronischen Nackenbeschwerden eine Tuina-Massage geben lassen. Während der Behandlung war es plötzlich zu heftigen Nackenschmerzen und einer Lähmung von der Halswirbelsäule abwärts gekommen. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen, er starb eine Woche später an Herz- und Atmungsproblemen.

Was ist eine Tuina-Massage?

Tuina-Massagen sind ein wichtiger Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin. Der Begriff setzt sich aus den chinesischen Wörtern tui (‚schieben‘, ‚drücken‘) und na (‚greifen‘, ‚ziehen‘) zusammen. Um diese manuellen Techniken geht es bei der Behandlung.

Die Massagen werden nicht nur erfolgreich eingesetzt bei Rückenschmerzen oder Arthrose. Gute Erfolge zeigte zum Beispiel eine Studie mit Orchestermusikern ([2]), die wegen arbeitsbedingten Schmerzen mit Tuina behandelt wurden. Auch Schlaganfall-Patienten mit spastischen Schmerzen fühlten sich nach einer Tuina-Behandlung besser ([3]) – und es gibt weitere erfolgreiche Berichte, tatsächlich auch mit Bechterew-Patienten.

Bei der Behandlung werden Schiebe- und Reibetechniken eingesetzt. Druck auf Akupunkturpunkte ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Eine Art Akupressur also, die mit dem Finger, der Faust oder auch dem Ellenbogen durchgeführt wird. Auch ein hochintensives, hochfrequentes Klopfen kann mit dem Ziel ausgeführt werden, Energieblockaden aufzulösen.

Allerdings müssen bei Patienten mit ankylosierender Spondylitis ein paar Besonderheiten beachtet werden. Sie haben typischerweise entzündliche Veränderungen an den Wirbelgelenken, oft auch an den Gelenken zwischen Wirbeln und Rippen oder am Kreuz-Darmbein-Gelenk. Folge kann eine Verknöcherung der Gelenkumgebung sein, auch eine Osteoporose ist häufiger als üblich. Das Risiko für Knochen- oder Wirbelbrüche ist also erhöht. Für Bechterew-Patienten ist es deshalb riskant, kraftvoll mobilisiert zu werden.

Und jetzt?

Die Notärzte verteufeln Tuina übrigens nicht, im Gegenteil. Sie stellen abschließend fest, dass Tuina eine alternative und wirksame Methode bei der Behandlung von Patienten mit ankylosierender Spondylitis ist. Allerdings erinnern sie daran, dass der Therapeut bei dieser Patientengruppe vorsichtiger mit Manipulation sein muss. Vor allem eine Kompression über der Brustwirbelsäule sollte bei ihnen vermieden werden.

Ich habe zum Glück keine ankylosierender Spondylitis, sondern lasse mich bloß massieren, wenn meine Verspannungen nicht mehr weggehen. Bisher habe ich bei schmerzhaften Massagen manchmal lachend gefragt, wie oft der Therapeut seinen Patienten eigentlich schon die Rippen gebrochen hat. In Zukunft wird mir in solchen Situationen immer dieses Fallbeispiel einfallen…

 

 

Quellen

[1] Zou G, Wang G, Li J et al.: Danger of injudicious use of tui-na therapy in ankylosing spondylitis. Eur Spine J (2017). doi:10.1007/s00586-017-5002-1

[2] Sousa CM, Moreira L, Coimbra D, Machado J, Greten HJ: Immediate effects of Tuina techniques on working-related musculoskeletal disorder of professional orchestra musicians. J Integr Med. 2015 Jul;13(4):257-61. doi: 10.1016/S2095-4964(15)60181-9.

[3] Yang YJ, Zhang J, Hou Y et al.: Effectiveness and safety of Chinese massage therapy (Tui Na) on post-stroke spasticity: A prospective multicenter randomized controlled trial. Clin Rehabil. 2016 Aug 10. pii: 0269215516663009.

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