Krank durch Essen, Pillen & Co?

Peter-Hansen Volkmann ist überzeugt, dass es so ist. Wer sich sein Essen und/oder seine Vitamintabletten im Supermarkt kauft, der hat gute Chancen krank zu werden. Vielleicht hat er Recht. Andererseits: an diesem Arzt scheiden sich die Geister. Begeisterte Patienten beschreiben, dass ihre jahrelang bestehenden Schmerzen nach nur einer Sitzung bei ihm verschwunden waren. Sportler und Trainer berichten von Leistungssteigerungen und lassen sich mit ihm fotografieren. Die Erfolgsberichte beziehen sich auf unterschiedlichste Beschwerden, sie reichen von Allergien über chronische Durchfälle oder Müdigkeit bis hin zu Krebs. Wohlgemerkt: Volkmann hat kein geniales neues Medikament erfunden, er hat keine Forschungsabteilung, Klinik oder auch nur einen Operationsraum. Der Arzt mit dem Rauschebart setzt lediglich die von ihm selbst entwickelten Nahrungsergänzungsmittel ein. Sein Erfahrungshintergrund umfasst fast 30 Jahre ganzheitliche Therapie, er hat jede Menge Praxiserfahrung mit Multiallergikern und chronisch Kranken.

Und die Kritiker? Patienten zucken hilflos mit den Schultern. Soll man tatsächlich neue Hoffnung schöpfen, nach Lübeck fahren und Geld für die Privatbehandlungen ausgeben? Eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nicht. Ärzte winken fast grundsätzlich ab, wenn man sie auf diesen Kollegen anspricht. Manche geben auch einen Kommentar ab, sagen aber dazu, dass man ihn auf gar keinen Fall veröffentlichen darf. Zusammengefasst könnte man vielleicht sagen, dass die meisten Mediziner diesen Kollegen unglaubwürdig finden, weil er erstens angeblich alles heilt und zweitens immer mit Nahrungsergänzungsmitteln der Firma Hypo-A, für die er als Entwickler und beratender Arzt fungiert. Unglaubwürdig – mit diesem Urteil kann man sich elegant jeder sachlichen Auseinandersetzung entziehen. Mit einem unglaubwürdigen Menschen wird nicht diskutiert, über dessen Therapie muss man nicht nachdenken, den nimmt man doch sowieso nicht ernst.

Darf ein Arzt alles heilen können?

„Heilen? Darf man das überhaupt noch in Zeiten des Disease-Mangements?“, fragt Volkmann. Er ist ein Freund selbstbewusster, offener Worte; verschämte Zurückhaltung ist seine Art nicht. Er sagt zum Beispiel, dass 80 Prozent der Schmerzpatienten, die in seine Praxis kommen, nach einer Behandlung fast oder völlig schmerzfrei sind. Kranke, die jahrelang nur mit Hilfe von Schmerzmittel zurechtkamen! Nach einer Behandlung. Wow! Kann das sein? Ich kann die Aussage nicht beurteilen. Aber sie macht mich extrem neugierig. Vielleicht hat er ja Recht? Das wäre doch mal was!

Ok, ich bin immer noch neugierig.

Was heilt der wie?

Der Ausgangsgedanke von Volkmann heißt: Wer sich gesund ernährt, der lebt gesünder und hat gute Chancen, gesund zu bleiben. Wobei man sich unter gesunder Ernährung nicht glutenfrei oder vegan oder kohlehydratfrei vorstellen sollte. Gesunde Nahrung, damit meint Volkmann ungespritztes Bio-Obst und Bio-Gemüse, frische regionale Produkte, die man selbst zubereitet. Ich stelle mir vor, dass er zum Beispiel so etwas wie Rinderbraten mit Kartoffeln, Möhren und frischen Kräutern gesund finden würde. Jedenfalls meint er sicher kein glutenfreies Brot mit veganen Fertig-Brotaufstrichen aus dem Bioladen. Lange Zutaten macht misstrauisch.

Darm gesund – Mensch gesund

So lautet das neueste Buch von Volkmann. Als Einstieg beschreibt er Krankmacher. Essen aus dem Supermarkt enthält Farbstoffe, Schwermetalle, Zusatzstoffe und andere Inhaltsstoffe, die nicht jeder Mensch verträgt. Mahlzeiten aus Alufolien sorgen dafür, dass mit dem Fisch auch Aluminium gegessen wird (wer sich mal so richtig gruseln will, liest diese Studie. Küchenpapier, beschichtete Pfannen, Plastikflaschen, Vinyltapeten, Fertighäuser – überall sieht Volkmann Risiken für Krankheiten. Das kann doch gar nicht sein, oder? Der eine oder andere Leser wird sicher ins Grübeln kommen. Volkmann erinnert an die rasante Zunahme von Allergien bis Krebs in den letzten 30-40 Jahren. „Was ist das für eine zivilisierte Welt, die ihre eigene Bevölkerung eliminiert?“, fragt er.

Man könnte das Buch leicht aus der Hand legen und über den Spinner lächeln, der mitten im Jahr 2017 immer noch zurück zur Natur will. Dieser Zug ist doch längst abgefahren. Ich habe auch mehrmals darüber nachgedacht, ob ich das Buch nicht wieder ins Regal stelle. Zum Weiterlesen haben mich vor allem die Fallbeispiele animiert. Die Bewohner des Hauses mit dem giftigen Fußboden. Die ehemalige Spitzensportlerin mit der angeblich verknöcherten Halswirbelsäule. Das Kind mit dem Dauer-Infekt. Volkmann beschreibt, wie er sie erfolgreich behandelte.

Wie das krank macht

Wenn man sich schlecht ernährt, hat das Folgen im Magen-Darmtrakt. Dort leben nämlich – Stichwort Mikrobiom – viele kleine Lebewesen. Manche sorgen dafür, dass die Verdauung gut funktioniert, andere sorgen zum Beispiel für die Bildung von stinkenden Gasen. Wenn nach einer Antibiotika-Therapie Keime wie Candida-Pilze ein besonders gutes (weil zuckerhaltiges) Lebensumfeld finden, werden die sich ganz schnell gegen die guten Darmkeime durchsetzen. Schlechte Darmkeime und eine durch Giftstoffe entzündete Darmschleimhaut reichen offenbar aus, um die verschiedensten Beschwerden zu verursachen.

Man sollte also sein Geld für gesunde Ökokost ausgeben. Laut Volkmann reicht das allerdings nicht. Oder nicht immer? Müsste man ihn mal fragen. Jedenfalls hat er es mit vielen Menschen zu tun, die sich zwar einigermaßen oder sogar richtig gut ernähren, die aber trotzdem einen Mangel an bestimmten Vitaminen, Spurenelementen, ungesättigten Fettsäuren und so weiter haben. Dann müssen Nahrungsergänzungsmittel her.

Zink = Zink, Fischöl = Fischöl?

Nahrungsergänzungsmittel findet man heute in jedem Supermarkt. Warum sollte man also die von Volkmann empfohlenen Präparate benutzen, um den Darm wieder freundlich zu stimmen? Sie kosten schließlich deutlich mehr als die Supermarkt-Kapseln.

Er empfiehlt Nahrungsergänzungsmittel, die hochrein und hypoallergen sind. Hochrein erinnert vom Wort her vielleicht an Waschmittelwerbung, gemeint ist aber etwas anderes. Übliche Tabletten oder Kapseln enthalten nicht nur Zink oder Fischöl, sondern haben viele weitere Substanzen im Gepäck, nämlich Zusatzstoffe, Farbstoffe, Füllstoffe oder Bindemittel. Siliciumdioxid ist so ein Lebensmittelzusatzstoff (E551), das seit Jahrzehnten auch von der Lebensmittelindustrie und von Pharma-Firmen eingesetzt wird. Lange wurde davon ausgegangen, dass der menschliche Organismus Siliciumdioxid weder aufnimmt noch verwertet, sondern unverändert ausscheidet. Dann zeigten Tierversuche, dass Nanopartikel des fein vermahlenen E551 entzündungsähnliche Reaktionen der Darmwand hervorrufen können. Im Jahr 2016 erschien eine kritische Übersichtsarbeit, die mindestens misstrauisch macht. Die Nanopartikel im Darm haben ungefähr die Größe von Viren. Es ist also kein Wunder, wenn das Immunsystem einen Virus-Angriff vermutet und mit einer Entzündung reagiert. Ein Lebensmittelzusatzstoff als Auslöser von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, von Leaky Gut? Eine andere Studie hat herausgefunden, dass Silicium-Nanopartikel die Autophagozytose verschlechtern. Autophagozytose bedeutet das Fressen von zum Beispiel Viren und Bakterien, die in eine Zelle eingedrungen sind. Wenn die nicht mehr richtig funktioniert, können unterschiedlichste Krankheiten entstehen – von Erkältung bis Krebs.

Kein Panik, man weiß das alles noch nicht so richtig sicher. Aber allmählich verstehe ich, weshalb Volkmann hochreine Nahrungsergänzungsmittel empfiehlt – ohne jeden Zusatzstoff.

Kritik

Ganz zum Schluss muss ich noch mal etwas Kritik an dem Buch formulieren: Es ist zwar leicht lesbar, für mich also eine klare Kaufempfehlung. Aber ich würde mir einen systematischeren Aufbau wünschen, außerdem besser lesbare Grafiken und unbedingt ein Schlagwortverzeichnis. Vielleicht bei der nächsten Auflage?

 

 

 

Auschra

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