Gewalt gegen Ärzte

Manche Interviews machen mich betroffen. Diese Reportage für DER FREIE ZAHNARZT hat mich zum Beispiel überhaupt nicht kalt gelassen.

Es hatte alles ganz harmlos angefangen an diesem Mittwochvormittag im Oktober 2013. In der Zahnarztpraxis von Dr. Wolschon saß ein Patient im Behandlungszimmer der Assistentin. Sie machte ihm einen Behandlungsvorschlag, er war nicht einverstanden, wurde ausfallend und beschimpfte sie. Sie reagierte, indem sie den Stuhl hochfuhr und ihn bat, den Raum zu verlassen.

Das tat er auch, ging nämlich in Richtung Garderobe, wo er auf den Praxischef traf. Der Zahnarzt beschloss, sich vor die Mitarbeiterin zu stellen, ging auf den Patienten zu und sagte: „Sie haben meine Kollegin angemacht“. Die Antwort war eine Drohung: „Dich mach ich kalt“ – und im nächsten Moment fiel Wolschon schon zu Boden. „Eine völlig irreale Situation“, beschreibt er heute, „ich hatte die Hände vor dem Gesicht, weil ich Schläge erwartete, aber der Mann lag auf mir und verkrallte sich in meinen Hals.“

Dass er den Angriff überlebte, ist wohl eher ein Zufall. Sicher fühlt er sich in seiner Praxis seitdem nicht mehr.

Solche Übergriffe sind Einzelfälle, aber so richtig selten ist Gewalt in Arztpraxen auch nicht mehr. Dr. phil. Martin Eichhorn ist Trainer und Seminarleiter für Konfliktprävention, außerdem arbeitet er seit Jahren ehrenamtlich für den Weißen Ring, die größte deutsche Opferhilfe-Organisation. Sein Buch über Gewaltprävention in der Arztpraxis wurde im Deutschen Ärzte-Verlag veröffentlicht. Inzwischen ist es vergriffen, und bei Eichhorn reißen die Aufträge für Seminare zum Thema nicht ab.

Er rät Ärzten, die eigene Angst ernst zu nehmen und mit möglichen Gewalttätigkeiten zu rechnen. Panik hilft natürlich nicht, aber Angst kann dazu führen, dass man sich auf eine Situation vorbereitet, die hoffentlich nie eintritt.

Müssen Ärzte und Zahnärzte wirklich auf gewalttätige Patienten vorbereitet sein?

Schade eigentlich.

Nachtrag, 13.5.14: Leider sehe ich heute in der Ärztezeitung eine aktuelle Meldung, die sich nur zu gut als Ergänzung eignet:

Ein drogenabhängiger Patient soll seinem Saarbrücker Arzt vor der Praxis aufgelauert und diesem in den Kopf geschossen haben. Anschließend tötete er sich selbst, teilte die örtliche Polizei mit.

Den ganzen Beitrag kann man hier nachlesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Auschra

5 Comments

  1. Ich kann solche unsinnige Gewalt einfach nicht verstehen. Der Arzt scheint der Person nicht einmal was getan zu haben und muss in seiner eigenen Praxis so etwas erleben. Was kann man denn tun, um die Ärzte vor so etwas zu schützen?

    • Am schlimmsten war wohl für den Zahnarzt, dass er sich in seiner eigenen Praxis nicht mehr so sicher wie bisher gefühlt hat. Dass er plötzlich das Gefühl hatte, seine Mitarbeiterinnen nicht beschützen zu können. Das ist wohl eine Erfahrung, die nicht mehr so einfach vergeht.
      Wie ist es denn in der Schweiz mit Gewalt von Patienten gegen Ärzte? Ist das bei euch überhaupt ein Thema?
      Viele Grüße, Ruth

  2. Hier noch ein Link zu einem Text, der sich mit Gewalt gegen niedergelassene Ärzte beschäftigt und einige Fallbeispiele aufzählt.
    Angeblich werden jedes Jahr werden in Deutschland durchschnittlich zwei Ärzte oder Ärztinnen von Patienten schwer verletzt oder getötet. Damit liegt Deutschland international im unteren Drittel der Gewaltvorkommnisse, ähnlich wie die Schweiz.

  3. Der neuerliche Fall ist wie die Weilerbach-Katastrophe in die Sparte „Amoklauf“ einzuordnen. In beiden Fällen nahm sich der Täter das Leben ohne eine Erklärung zu hinterlassen.
    Auffällig ist daß die Opfer nicht in gleicher Weise bedauert werden wie etwa Lehrer oder Mitschüler wenn sich solche Katastrophen in Schulen ereignen. Schnell geht man zur Tagesordnung über.

    • Ja, das stimmt wohl. Was ich bisher noch nicht wusste: In einem aktuellen Text der KVNO heißt es: „In den USA rangieren Psychiater auf Platz vier der Berufe mit dem höchsten Risiko, am Arbeitsplatz getötet zu werden – nur Taxifahrer, Verkäufer an Nachtschaltern und Polizisten arbeiten noch gefährlicher.“

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