Fuchsbandwurm: Gefahr aus dem Wald?

Sarah erinnert sich gerne an ihre Kindheit. Wälder und Wiesen auf der Schwäbischen Alb, der Bauernhof der Großeltern – es sind schöne Bilder, die sie ausmalt. Aber sie beschreibt auch weniger glückliche Kindheitserinnerungen. „Ich habe gefressen wie ein Scheunendrescher“, lacht sie heute, „und ich war trotzdem dauernd hungrig“. Ihre Mutter schleppte sie von Kinderarzt zu Kinderarzt, sie bekam Ritalin-Tabletten, die sie heimlich gegen Traubenzucker-Dragees austauschte, um das Medikament nicht mehr nehmen zu müssen. „Wenn ich Ritalin genommen hatte, kam ich mir vor wie eine Marionette“, erzählt sie, „wie ein Zombie“.

Jahre danach und gefühlte 1.000 Arztbesuche später erkannten Ärzte, dass sie eine Echinokokkose hatte. Einfacher gesagt: ein Fuchsbandwurm – auch Echinococcus multilocularis genannt – hatte sich in ihrem Körper eingenistet. Natürlich kann heute kein Mensch mit Sicherheit sagen, ob dadurch auch alle ihre Beschwerden ausgelöst worden waren. Um diesen Beweis geht es Sarah auch gar nicht. Sie möchte anderen Betroffenen eine lange Leidensgeschichte ersparen. „Auch heute kennen sich viele Ärzte leider nicht mit der Krankheit aus“, warnt sie.

Echinokokkose: was ist das?

Viele Füchse tragen einen Parasiten in sich, den Kleinen Fuchsbandwurm. Mit dem Kot scheiden die Tiere auch Eier des Fuchsbandwurms aus. Von hier aus ist eine Übertragung zum Menschen möglich. Wer zum Beispiel im Wald mit Fuchskot in Berührung kommt, könnte sich am Kot direkt infizieren. Wobei Füchse auch längst in den Städten leben, etwa auf Friedhöfen und in Parks. Eine weitere Infektionsquelle sind infizierte Hunde oder Katzen, an deren Fell die Eier haften können. Eine infizierte Katze kraulen und anschließend einen Apfel essen, ohne sich die Hände zu waschen – auch so könnte man sich zum Beispiel infizieren. Ob auch kontaminierte Nahrungsmittel wie Beeren oder Pilze eine Übertragung auslösen können, weiß man noch nicht sicher.

Sarah ist überzeugt, dass sie sich auf dem Bauernhof der Großeltern angesteckt haben muss. Sie könnte damals ungefähr 6 Jahre alt gewesen sein. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass die Inkubationszeit etwa 10–15 Jahre dauert. Wenn die Krankheit dann ausbricht, sind Bauchschmerzen typische Beschwerden. Sarah kennt das leider nur allzu gut. „Als ich ungefähr 17 war, hatte ich manchmal so starke Bauchschmerzen und mir war so schlecht, dass sie einfach nicht aufstehen und zur Schule gehen konnte“, berichtet sie. Natürlich dachte niemand an so eine seltene Erkrankung. Sie lernte viele Ärzte kennen, die selbstverständlich Ideen zur Ursache hatten – aber leider keine richtige Diagnose stellten.

Krebs und Echinokokkose: ähnlich!

Erst einmal bemerkt man jahrelang gar nichts, wenn man versehentlich Eier des Kleinen Fuchsbandwurms verschluckt hat. Die Eier gelangen in den Magen, wo die Magensäure für eine Zersetzung sorgt, bei der Larven (Finnen) freigesetzt werden. Diese können später die Wand des Dünndarms durchdringen und mit dem Blut oder der Lymphe in verschiedene Organe geschwemmt werden. Meistens befallen sie die Leber, nisten sich ein und bilden Zysten, wuchern ähnlich wie Tumorgewebe.

Im Ultraschall sind die Zysten oft nicht gut zu erkennen. Wenn man sie doch entdeckt, wird oft fälschlicherweise an eine Krebserkrankung gedacht – auch bei Sarah wurde so ein Verdacht geäußert. Sie wurde operiert, „wegen einer gynäkologischen Sache“, berichtet sie und erzählt leise von mehreren Schwangerschaften, die der Körper nicht austragen konnte. „Ich war damals zu krank, um ein neues Leben austragen zu können“, sagt sie, „meine Leber war zu schwach“. Heute weiß sie, dass ein Enzym aus der Leber nötig ist, um Folsäure in Tetrahydrofolsäure umzuwandeln. Diesen Stoff kann der Körper besser aufnehmen. Aber ihre Leber war vom Echinococcus multilocularis geschwächt, so dass vermutlich nicht genügend Tetrahydrofolsäure gebildet wurde.

Zurück zur endoskopischen Operation. In der Bauchhöhle entdeckte der Frauenarzt Verwachsungen: Da wuchs etwas zwischen Leber, Zwerchfell und Milz. Krebs? Er hatte sogar den richtigen Verdacht und schickte sie zum Hausarzt. Sarahs Ärzte-Odyssee ging weiter.

Zu dieser Zeit ging es der jungen Frau so schlecht wie nie zuvor. Das ist nicht verwunderlich. Einfach ausgedrückt zerstören die Larven die betroffenen Organe. Sie können zum Beispiele Blutgefäße zusammendrücken, die den Blutdruck erhöhen oder eine Leberzirrhose auslösen. Auch Lunge oder Gehirn können betroffen sein. Unbehandelt führt die Erkrankung zum Tod. Sarah ekelte sich damals vor sich selbst. „Ich fühlte mich regelrecht innerlich verwurmt“, berichtet sie. Niemand sollte sie anfassen oder ihr nahe kommen.

Ihre Odyssee durch die Arztpraxen führte sie schließlich nach Freiburg in die Uniklinik. In dem Krankenhaus fühlt sie sich heute noch fast wie zu Hause. „Hier wurde ich drei Jahre lang mit einer Chemotherapie behandelt“, berichtet sie, als wäre das nicht besonders ungewöhnlich. Das Medikament heißt Benzimidazol und wirkt ähnlich giftig wie eine Chemotherapie bei Krebs – keine schöne Zeit für Sarah. Erst nach der Chemotherapie konnten die Ärzte das Risiko eingehen, eine Operation durchzuführen. Eine heikle Sache! Was, wenn versehentlich eine Zyste verletzt worden wäre, deren Inhalt sich dann im Bauchraum verteilt? Sarah entspannte sich erst, als ein Chirurg, ein alter Bekannter der Familie, ihr versprach, bei der Operation anwesend zu sein. Die Chirurgen mussten Teile von Leber, Zwerchfell und Gallenblase entfernen, die Operation dauerte 13 Stunden. Alles ging gut.

Alles gut?

Sarah fühlt sich heute fast völlig gesund. Die glückliche Mutter von Zwillingen weiß aber immer noch, dass – zumindest theoretisch – weiter ein Risiko besteht, dass die Krankheit wieder ausbricht. Diese Vorstellung stresst natürlich!

Stress macht aber auch die Angst, dass die beiden Kinder sich beim Spielen im Wald ebenfalls eine Fuchsbandwurm-Infektion holen könnten. Andererseits will Sarah ihren Kindern den Spaß am Herumtoben im Grünen nicht nehmen. „Ich hoffe einfach, dass nichts passiert“, sagt sie. Vielleicht haben ihre Kinder sogar das Glück, mit einer angeborenen Immunität auf die Welt gekommen zu sein. „Laut Arzt soll es das manchmal geben“, hofft sie.

Auf Facebook hat Sarah eine Gruppe gegründet, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Sie will ihr Wissen weitergeben, anderen dabei helfen, schnell und richtig zu reagieren. „Es war traurig, dass ich damals niemand hatte, mit dem ich überhaupt über die Krankheit reden konnte“, erinnert sie sich, „und das kann ich vielleicht für andere Menschen ein Stück weit ändern “.

 

 

 

Auschra

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