„Ein Onkologe müsste Zeit haben, um erfolgreich zu sein“

Miriam Reichel hat ein Buch über Krebs und ihre Krebserkrankung geschrieben. Die Krankengeschichte liest sich ein bisschen wie eine Achterbahnfahrt mit glücklichem Ende. Daneben enthält das Buch viele Hinweise, die anderen Kranken nützlich sein könnten. Allerdings: Miriam ist keine Therapeutin. Sie hat Jura studiert und sich „nur“ aus persönlicher Betroffenheit intensiv mit onkologischen Therapien auseinandergesetzt. Ich wollte mehr wissen, daraus entstand dieses Interview.

med-press: Bevor ich mit meinen Fragen anfange, kurz eine Frage, die mir auf Facebook gestellt wurde. Eine Frau aus einer Krebsgruppe möchte wissen, welche Art von Hodgkin du eigentlich hattest.

Miriam: Ich hatte ein Lymphom, ein so genanntes Hodgkin-Lymphom, Stadium 4 b mit Beteiligung aller Knochen außer Unterarme, Unterschenkel und Schädel. Befallen waren auch beide Lungenflügel und sehr ausgebreitet in Milz und Leber (beide Organe waren etwa doppelt so groß geworden wie normal). Lymphomherde waren auch im Bauchraum und extrem viele Lymphknoten waren betroffen. Die Ausbreitung war so weit fortgeschritten, dass mein Arzt mich damals gefragt hat, ob man den Fall in den Lehrbüchern zitieren darf, weil man wohl davon ausgegangen ist, dass man bei dieser Ausbreitung immer tot ist. Daher war es für die Uni München ein sehr interessanter Fall, auch da meine Heilung unerwartet und extrem schnell ging.

Bei meinem ersten und zweiten Arztbesuch war ich im Anfangsstadium. Damals wurde mir gesagt, ich hätte ein Lipom, also Fettgewebe. Als das MRT durchgeführt wurde, hatte ich bereits das Endstadium erreicht. Nicht nur die Lymphknoten waren bereits sichtbar, sondern meine komplette Wirbelsäule sowie das Becken waren durchzogen. Es war auch schon zu zwei Deckenplatteneinbrüchen der Wirbel gekommen. Ich hatte also eine sehr aggressive Form.

 

med-press: Anfangs wolltest du gar nicht wissen, welche Diagnose du hattest. Dann wurde doch eine Diagnose gestellt. Hat sich das irgendwie für dich ausgewirkt?

Miriam: Es ging mir weniger um die Diagnose als um die Prognose. Das ‚Nicht-Wissen’ der Diagnose hat mir weniger Angst gemacht als das Wissen inklusive der Prognosen. Hierbei war besonders entscheidend, dass ich mich auf die Diagnose und die Folgen – Untersuchungen, Heilungs- bzw. Therapiemöglichkeiten – vorbereiten wollte, um dementsprechend handeln zu können. Auch argumentativ wollte ich in der Lage sein, ein Arztgespräch zu führen und selbstständig Entscheidungen zu fällen. Wenn man nicht weiß, um was es geht, kann man keine Fragen stellen. Eh man sich versieht, macht man Behandlungsformen, die man nicht gemacht hätte, wenn man informiert gewesen wäre. Oder aber man verpasst Chancen. Durch den Schock stimmt man meist allem zu, ohne überhaupt in der Lage zu sein, denken zu können. Aus diesem Grunde habe ich auch KrebsLeben geschrieben, um Patienten und Angehörigen die Möglichkeit zu geben, sich zu informieren und Fragen überhaupt formulieren zu können. Um vorbereitet zu sein, falls es einen einmal treffen sollte.

Da mir in Anbetracht meiner Bilder und meiner mit Schatten durchzogenen Knochen klar war, dass es sich nicht um eine harmlose, sondern eher um eine endgültige Diagnose handelte und der Radiologe direkt gefragt hat, wer alles in meiner Familie bereits an Krebs verstorben war, war mir durchaus bewusst, dass es auch bei mir um Leben und Tod ging. Ich wollte jedoch keine Prognose hören. Wenn man gesunden Menschen eine tödliche Diagnose stellt, sterben 50 Prozent daran. Ich wollte nicht zu diesen 50 Prozent gehören und mich daher darauf vorbereiten. Ich wollte zuerst ein Konzept haben und auch ein Gedankengerüst, das es zulässt, sich über eine Diagnose zu stellen, so wie man sich auf einen Gerichtsprozess vorbereitet und alles tut, um argumentativ zu gewinnen. Vielleicht ist das der Jurist in mir. Die endgültige Diagnose war immer noch ein Schlag, aber ich hatte bereits eine Marschrichtung und konnte das, was dann folgte, beeinflussen und mitsteuern. Ich hatte bereits eine Heilungsstrategie und diese konnte ich gleich verfolgen. Es gab einen Plan, an dem ich festhalten konnte und der mir enorm half.

 

med-press: Ist dein Buch eigentlich eine Anleitung für Krebskranke?

Miriam: ‚KrebsLeben‘ dient als Wegweiser. Es belehrt nicht über Sinn und Unsinn einzelner Therapien der Schul- und Alternativmedizin. Es soll eine Hilfestellung sein, mit der man seinen persönlichen Weg zur Heilung finden kann. Es soll Patienten und ihren Angehörigen oder auch Menschen, die sich Gedanken darüber machen, einmal erkranken zu können, eine Übersicht verschaffen. Sie sollen dadurch das Wissen erlangen, zum einen zu entscheiden, welcher Therapieform man sich anvertraut und auch die Möglichkeit der Kombination zu sehen. Alle Therapiearten haben ihre Berechtigung, wenn sie zur Heilung führen. Manchmal ist es auch eine sehr persönliche Sache. Eine tiefe Überzeugung einer Heilungsform, ein besonderes Vertrauensverhältnis zu einem Arzt. Ich bin auch der Meinung, dass sich die einzelnen Formen gut ergänzen. Hochdosiertes Vitamin C zum Beispiel war einmal etwas sehr ‘Alternatives‘ und ist mittlerweile eine bekannte Form der Verstärkung von Chemo- oder Strahlentherapie bei gleichzeitiger Reduktion der Nebenwirkungen.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten für einen therapeutischen Erfolg. Man muss nur wissen, wie man die einzelnen Therapien anwenden kann. Ich hätte mich damals über eine Übersicht gefreut. Das Buch dient dazu, Fragen stellen zu können und aus Überzeugung heraus eine Heilungsform zu wählen. Selbstverständlich mit der Hilfe eines Arztes, aber dennoch wissend und selbstbestimmt. Ich bin der Überzeugung, dass man auf diese Art und Weise für sich selbst den besseren Weg zur Heilung findet.

 

med-press: Also eine Abrechnung mit der Schulmedizin?

Miriam: Ich habe ein relativ neutrales Verhältnis zur Schulmedizin. Ich denke, gerade im Bereich der Chirurgie hat die Schulmedizin sehr große Erfolge zu verzeichnen. Krebs ist eine sehr persönliche Sache, die auch mit viel Unsicherheit und Angst in Verbindung steht. Krebs ist für die Mehrheit der Menschen eine bedrohliche, finale Diagnose. Ich kenne nicht Ärzte in vielen Ländern. Ich bin begeistert von den Schulmedizinern in Südafrika und der Zeit, die sie sich nehmen. Allerdings hatte ich auch keine ernsthaften Erkrankungen, nur Knochenbrüche oder ich war als Begleitung bei Arztbesuchen dabei. Es war aber immer Zeit vorhanden für den Patienten.

Ich glaube aber, dass ein Onkologe Zeit haben müsste, um erfolgreich zu sein. Zeit für den Patienten und Zeit für die Weiterbildung, auch was die Alternativen betrifft. Diese Zeit ist leider nicht gegeben und dadurch werden die Patienten mit ihren Emotionen und Ängsten alleine gelassen oder einfach weiter geschickt. Es fehlt auch die Zeit der Aufklärung. Das Prinzip der schulmedizinischen Therapeutika besteht aus Wirkung, Nebenwirkung und Wechselwirkung, aber niemand hat Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. So gibt es viele Patienten, die über die Nebenwirkungen ihrer Chemotherapie überrascht sind, viele junge Menschen, die nicht darüber aufgeklärt werden, dass sich ihr Kinderwunsch zum Beispiel durch die Therapie erübrigen kann. All das mögen Kleinigkeiten sein, können den Patienten aber sehr treffen. Hierfür kann die Medizin nichts, sondern die mangelnde Zeit, die das System den Schulmedizinern zugesteht. Ein weiteres Manko im Bereich der Krebserkrankung ist, dass die Schulmedizin keine großen Erfolge verzeichnen kann, diese aber – begründet oder nicht – vom Patienten erwartet werden. Hier denke ich, könnte eine gewisse Offenheit nicht schaden, was die tatsächlichen Chancen und Nebenwirkungen angeht.

Im Falle einer Krebserkrankung würde ich persönlich nicht alleine auf die Schulmedizin vertrauen. Leider kenne ich zu viele, die an Krebs verstorben sind.

 

med-press: Welche drei Überlegungen würdest du neu diagnostizierten Krebs-Patienten mit auf den Weg geben? Also drei Sachen, an die jeder denken oder die er vermeiden oder überlegen sollte.

Miriam: Den wichtigsten Rat, den ich jedem Patienten geben würde, ist, sich Zeit zu lassen mit der Entscheidung der Therapie. Krebs entsteht im Allgemeinen sehr langsam. Ich bin der Meinung, dass man sich nach Absprache durchaus drei Wochen Zeit lassen kann, um zum einen erst einmal aus dem Diagnose-Schock zu kommen und zum anderen, um entscheiden zu können, was man tun will.

In dieser Zeit würde ich zweitens meine Ernährung umstellen und erst einmal ein Saftfasten mit frischen grünen Obst- und Gemüsesäften machen, kombiniert mit Leinöl, Leinsamen, Flohsamen und Zeolith zur Darmsanierung. Wer meint, er bräuchte unbedingt etwas Warmes, der kann es mit Kartoffeln, Leinöl und Magerquark (Demeter) ergänzen oder mit einer Gemüsesuppe. Kein Fleisch und alles frisch und biologisch. Es ist gleichgültig, was ich mache, alles wirkt deutlich besser, wenn mein Darm saniert ist. Das gilt für eine Chemotherapie genauso wie für alternative Therapien.

Drittens würde ich meinen Vitamin-D-Spiegel kontrollieren und eventuell auf einen guten Wert anheben lassen.

Vitamin C Infusionen wären auch in meinem Programm. Auch würde ich mir die Frage stellen, wo der Auslöser für den Krebs sein könnte, um diesen zu beseitigen.

In dieser Zeit würde ich lesen, mir einen Arzt suchen, dem ich vertraue und einen Weg aussuchen, der mich überzeugt und von dem ich glaube, dass er mir eine Heilung bringt.

 

med-press: Ok, das waren jetzt deutlich mehr als drei Ratschläge, aber egal. Welche Rolle hat eigentlich der Heilpraktiker gespielt? Mein Eindruck war, dass er einfach zum Reden wichtig war. Einer, der nicht wertet und der keine persönliche Beziehung zu dir hat. Der sich keine Sorgen macht. So ungefähr?

Miriam: Ja, Du hast die Rolle meines Homöopathen richtig erfasst. Natürlich hat er auch meinen gesamten Prozess homöopathisch begleitet. Für mich war allerdings das Wichtigste, dass er mir uneingeschränkt zugehört hat, ohne mich zu bewerten und mich durch seine Fragen immer wieder auf Dinge aufmerksam gemacht hat. Er hat mir Bücher empfohlen und mir geholfen, mit Träumen über das Sterben umzugehen. Es wäre zu viel gesagt, wenn ich behaupten würde, er hätte mir die Angst vor dem Sterben genommen, aber er hat mir einen Umgang damit gezeigt. Er gab mir das Gefühl, an mich und meinen Heilweg zu glauben. Hätte ich jemals ein Problem, würde ich ihn als erstes anrufen.

 

med-press: In dem Buch nennst du seinen Namen nicht. Neugierig gefragt: Wer ist er?

Miriam: Er praktiziert noch in München Pasing. Damals musste er einige bösartige Telefonanrufe von Ärzten und Bekannten ertragen um mich zur Chemotherapie zu nötigen. Wer wirklich interessiert ist, kann mich persönlich fragen.

 

med-press: Ok, ich gebe bei Bedarf deine Kontaktdaten weiter. Denkst du, dass du heute geheilt bist? In dem Sinn, dass du dich wohl fühlst und belastbar bist, Lebenslust verspürst, nicht ständig an Krebs denkst.

Miriam: Mein Onkologe hat mich vor 5 Jahren – vor meiner Auswanderung – als absolut gesund entlassen. Es gab nie wieder auch nur ansatzweise einen Krebsverdacht. Meine Leber ist laut meinem Onkologen jungfräulicher als die einer gesunden gleichaltrigen Frau und meine Knochen wieder so stabil, dass ich reiten kann.

Ich habe seit dem Abschluss meiner Therapie nie wieder ein Medikament genommen – also die letzten 14 Jahre nicht. Keine Kopfschmerztablette, kein Antibiotikum. Ich hatte nur einen Reitunfall und daher einen Oberarmbruch, aber auch dieser heilte alleine. Ich gehe jeden Tag mit meinem Hund spazieren, reite etwa 4-5 Mal die Woche und reite auch Tuniere. Ich mache Pilates und alles, was andere Menschen auch machen. Ich halte mich für absolut gesund.

 

med-press: Das klingt unglaublich. Schön! Darum das Buch?

Miriam: Ich habe mich lange nicht an das Thema Krebs getraut und bin oft gefragt worden, wann ich endlich ein Buch schreibe. Wenn mich Menschen angerufen haben und nach Rat gefragt haben, habe ich immer aufgelegt und gedacht, nun ist es bald Zeit. Bei dem ‚bald’ blieb es lange. Letztes Jahr hat mir eine Moderatorin bei einem Radio-Interview nach genauerem Nachhaken die Worte ‚Ich fange an zu schreiben’ entlockt. Ich bin aus dem Radiosender gegangen und habe angefangen.

Ich hatte durchaus Berührungsängste. Die ersten Wochen mit meinem Buch waren etwas angespannt. Manchmal dachte ich, dass das Thema ‚Krebs’ vielleicht doch nichts für mich ist, auch wenn ich nie aufgehört habe, über Heilung zu lesen. Ich hatte den Eindruck, die Krankheit könnte mich wieder ‚anspringen’. Besonders die Spätfolgen der Chemotherapie haben mir größere Bauchschmerzen bereitet und Ängste erzeugt. Das alles wich aber ganz schnell einer Neugierde und ich muss sagen, es war das Buch, das mich von all meinen Büchern am meisten fasziniert hat. Ich bin mit dem Thema Krebs abends zu Bett gegangen und habe beim Frühstück Heilmethoden mit meinem Mann ausdiskutiert. Es waren wirklich extrem spannende 1,5 Jahre, die ich auf keinen Fall missen möchte. Ich glaube, ich habe in dieser Zeit mit der Krankheit Frieden geschlossen und die Angst ist einer Faszination gewichen.

 

med-press: Denkst du, dass eine bestimmte Aktion von den vielen Sachen, die du gemacht hast, für den Erfolg verantwortlich ist?

Miriam: Bei meiner Therapie denke ich, war die Ernährung ein sehr großer Teil des Erfolges und der zweite sehr große Anteil war der Umgang mit meinen Gedanken und das Aufräumen meines Lebens. Vielleicht hätte ich ohne meine Krankheit nie angefangen zu schreiben und wäre nie ans Meer gezogen. Ich verdanke ihr auch einiges.

 

Fotos: Michael Reichel

Auschra

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