Buchtipp: Normalsein ist nicht einfach

Houchang Allahyari beginnt seine Autobiografie nicht im Iran, wo er aufgewachsen ist, sondern als junger Arzt in Österreich, wo er als Psychiater arbeitet. Der Leser begleitet ihn durch den Alltag der Linzer Psychiatrie in den 1970er-Jahren. Ein Psychiater, der mit den Patienten redet. Der selbst auf Patientenfragen nach ehrlichen Antworten sucht. Bedrückende Szenen werden durch seine Beschreibungen witzig, ohne dass der Patient zur Witzfigur gemacht wird. Er zeigt seine eigenen widersprüchlichen Seiten.

Mit einem Patienten versteht der Arzt sich zum Beispiel besonders gut, die beiden führen lange Gespräche miteinander. Aber als er ihn eines Tages zufällig im Café trifft und durch den ganzen Raum schallend als bester Psychiater Wiens begrüßt wird, empfindet er Scham. Darf ein Helfer solche Gefühle haben? Sein Helferideal bekommt einen argen Knick, als eine Patientin, die – therapeutisch wertvoll – in seinem Haushalt helfen sollte, die perfekt vorbereitete Osterüberraschung für die Kinder aufisst. Die Familie kommt heim und trifft auf eine glücklich-satte Frau, die sich bei Allahyari für diese süße Überraschung bedankt, inmitten der bunten Aluverpackungen der Schokoladeneier. Daneben die entsetzten Kinder, die um ihre Überraschung betrogen sind – so ein Bild kitzelt die Lachmuskeln.

Der Psychiater kann wunderbar komisch und selbstkritisch auch über seine schwachen Momente berichten. Zum Beispiel über seinen Plan, österreichischer Staatsbürger zu werden. Kaum hatte er den neuen Pass in der Tasche, bekam er einen Einberufungsbescheid – Schock! Er fand Hilfe bei seiner resoluten Schwägerin, die ihn zur Musterung begleitete und die Einberufung verhinderte.

Die Karriere als Psychiater geht voran, doch Allahyari will viel lieber Filme machen. Nicht nur in der Psychiatrie, wo eine Filmgruppe seinen Patienten gut tat. Herrlich berichtet ist der Versuch, einen Film über Jugendliche in der Strafanstalt zu machen. Der Film sollte außerhalb des Gefängnisses gedreht werden. Dazu kam es aber nicht: die Teilnehmer machten sich dünn und der Psychiater bekam Stress und war gekränkt. Lustigerweise schrieben die Ausreißer ihm in den nächsten Wochen Postkarten aus aller Welt, um sich für ihr Verhalten zu entschuldigen. Später kommen dann die „richtigen“ Filme. Im Jahr 2014 bekam er einen Preis für „Der letzte Tanz“. Darin beschreibt er die Liebesgeschichte zwischen einem Zivildienstleistenden und einer Alzheimer-Patientin. Darf das sein? Nein, darf es nicht, so viel Zärtlichkeit darf nicht sein.

Das klingt spannend. Vielleicht ist die Lebenserfahrung eines Psychiaters einfach eine gute Grundlage für völlig verrückte Filme. Ob man von Patienten lernt, ruhig auch mal ein Tabu zu brechen?

Ich schaue mir ehrlich gesagt fast Filme an. Aber hier könnte ich mal eine Ausnahme machen. Das Buch kann ich jedenfalls empfehlen.

 

 

Auschra

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