Bauchweh durch Zungenpiercing?

Chronische Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen – dafür sollen ausgerechnet Piercings im Mundbereich die Ursache sein? Das klingt erst einmal ziemlich unwahrscheinlich. Aber zwei Fallberichte (1) sprechen dafür, dass Zungenpiercings tatsächlich für ernsthafte Beschwerden weit weg von der Zunge sorgen können.

Die erste Patientin litt sechs Monate lang unter schweren Bauchschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen, außerdem war sie ständig müde. Sie hatte durch die Beschwerden 35kg abgenommen und war mehrmals im Krankenhaus gewesen. Magen- und Darmspiegelungen hatten nichts erbracht, weitere Untersuchungen waren ebenfalls ohne Befund geblieben.
Bei der körperlichen Untersuchung fiel dem Arzt ein Zungenring auf, der ungefähr 1,5cm von der Zungenspitze entfernt saß. Außerdem bemerkte er eine Narbe im Halsbereich, die von einer Mandeloperation stammte. Er entfernte den Ring und führte eine Neuraltherapie durch, d.h. er unterspritzte die Narben von Piercing und Mandeloperation mit Procain, einem Lokalanästhetikum. Innerhalb von 5 Minuten bemerkte die Patientin, dass ihre Übelkeit sich deutlich gebessert hatte.
Nach einer Woche waren die Schmerzen deutlich reduziert, sie hatte sich nur einmal übergeben müssen, konnte wieder essen und besser schlafen.
Sechs Jahre lang sah der Arzt die Patientin nicht, dann kam sie mit den alten Beschwerden wieder. Er wiederholte die Behandlung an der Piercing-Narbe und die Symptome verschwanden sofort. Diese Besserung hielt allerdings nicht lange vor, sie wird weiter behandelt.

Die zweite Patientin hatte seit 2 Jahren Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Sodbrennen und Völlegefühl, Appetitstörungen, Schwindel und Atembeschwerden. Auch bei ihr hatte die übliche Diagnostik keine Ursache für die Beschwerden gefunden. Sie hatte eine Narbe in der Nähe des Bauchnabels, wo früher ein Bauchring platziert war und eine kleine Narbe am Unterschenkel.
Der Arzt behandelte neuraltherapeutisch, er unterspritzte beide Narben mit Procain. Nach 3 Wochen waren ihre Beschwerden nicht besser geworden und eine erneute Untersuchung zeigte, dass sie auch ein Zungenpiercing trug. Jetzt wurde auch diese Narbe mit Procain behandelt, außerdem setzte der Arzt Akupunkturnadeln. Die Behandlung wurde noch mehrmals wiederholt, inzwischen ist sie seit Jahren beschwerdefrei.

Neuraltherapie = Regulationstherapie

Unter dem Begriff ‚Regulationstherapie’ werden Therapien zusammengefasst, die dem Körper einen Anstoß geben, sich selbst wieder zu regulieren, sein Gleichgewicht wiederzufinden und im Idealfall wieder gesund zu werden.
Bei der Neuraltherapie werden so genannte „energetische Blockaden“ durch Narben mit Procainspritzen aufgelöst. Procain und die Alternative Lidocain sind Schmerzmittel, Lokalanästhetika.
Die schmerzbetäubende Wirkung dieser Mittel hält nur etwa eine Stunde an. Um diesen Effekt des Schmerzmittels geht es bei der Neuraltherapie aber gar nicht. Mit der Injektion des Lokalanästhetikums wird im Körper ein Heilungsreiz gesetzt, der Körper reagiert mit einer Linderung der Beschwerden – so die Auffassung der Neuraltherapeuten. Sie sind überzeugt, dass völlig unterschiedliche Beschwerden durch Narben ausgelöst oder verschlimmert werden können, zum Beispiel chronische Schmerzen, Arthrosen, Hormonstörungen, Bewegungseinschränkungen, Depressionen, Allergien, Müdigkeit, neurologische Störungen oder auch Krebs.

Wie alles anfing: Heilung nach jahrelangen Beschwerden

Dr. med. Rainer Wander ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie. Der naturheilkundlich orientierte Facharzt für Allgemeinmedizin hat vor Jahren am eigenen Leib erlebt, wie die Neuraltherapie im Idealfall wirken kann. Im Jahr 1958 grassierte in Europa die asiatische Grippe, auch der 18 Jahre alte Wander erkrankte. Sein Vater, selbst Arzt, wollte ihm durch eine Mandel-Operation helfen, seine Abwehrkräfte zu stärken. Was gut gemeint war, machte den Sohn erst recht krank. Er bekam heftige Herzbeschwerden!
Der Neuraltherapeut erklärt die Zusammenhänge heute folgendermaßen: Eine Narbe, die erst nach einer Phase des Eiterns heilt, verursacht oft Beschwerden. Die Ursache dafür steckt in den Boten- und Überträgerstoffen (das sind zum Beispiel Interleukine), deren Aufgabe es ist, das Immunsystem über die Existenz von Entzündungsherden zu informieren. Dieses körpereigene Informationssystem ist eigentlich eine gute Sache, weil nur so das Immunsystem seine Nahkampftruppen zur entzündeten Wunde schicken kann, sodass eine vollständige Heilung zu Stande kommt. In diesen Narben bleiben jedoch oft geringste Entzündungen erhalten. Diese sorgen dafür, dass Botenstoffe über das Blut bis ins Gehirn weitergeleitet werden, wo sie die so genannten Stressachsen aktiveren. Die alte Narbe verursacht also einen minimalen Dauerstress! Einen Stress, der auf Dauer krank macht. Wo diese Krankheit auftritt, ist individuell unterschiedlich. Die Entgleisung der Regulation erfolgt an der ganz persönlichen körperlichen Schwachstelle.
So könnte es auch bei Wander gewesen sein. Mandelnarben reizen häufig einen Nerven, der zum Oberkörper führt und den Rachen und auch das Herz versorgt. Der junge Patient jedenfalls bekam heftigste Herzschmerzen, für die kein Arzt eine Ursache feststellen konnte. Der Vater nicht, das Kreiskrankenhaus nicht, mehrere Universitätskliniken auch nicht. Er lebte zehn Jahre lang mit vernichtenden Herzschmerzen, die ihm das Leben verständlicherweise schwer machten. Es wurde auch nicht besser, als die Ärzte psychische Probleme als Ursache vermuteten – im Gegenteil.
Eher zufällig stieß der Medizinstudent auf die Information, dass Neuraltherapeuten solche Narben mit Lokalanästhetika heilen würden. Er kannte keinen Neuraltherapeuten, aber er hatte Procain, eine Spritze und einen Spiegel. Was er bei dieser Selbstbehandlung erlebte, veränderte sein Leben gründlich. Kaum hatte er die Spritze in den Bereich der Narbe im Rachen injiziert, waren die Herzschmerzen verschwunden! Dauerhaft, sodass er wieder normal leben und Sport treiben konnte. „Ja, so bin ich also Neuraltherapeut geworden“, lacht der Arzt heute.

Wenn die Narbe nicht sauber verheilt…

Gestörte Narben vermutet Wander vor allem dann, wenn die Narbe nicht sauber, sondern mit einer Eiterbildung geheilt ist. „Nur zehn Prozent der Narben auf der Haut machen Probleme“, erläutert er, „besonders häufig sind gestörte Narben im Bereich von Schleimhaut oder im Körperinneren“. Damit meint er zum Beispiel Narben nach Zahnextraktionen, nach Mandel-Operationen, aber auch solche, von denen nicht so gerne gesprochen wird: Im Rahmen von Geburten kommt es bekanntlich häufig zu Dammrissen oder –schnitten. Diese Narben liegen so nahe am keimbelasteten Darmausgang, dass bei der Heilung nahezu immer Eiter entsteht.
Die Schulmedizin zweifelt nach wie vor an der Wirksamkeit der Neuraltherapie. Aber nicht nur für Wander sind die Belege längst ausreichend: Der Arzt spricht von neuen biochemischen Erkenntnissen über die spezifischen Wirkungen der Lokalanästhetika, die deren Effekte eindeutig belegen: Die Schmerzmittel verringern die Ausschüttung der entzündungsübertragenden Substanzen oder heben diese sogar auf. Dadurch wird der Dauerstress abgebaut.

Klingt eigentlich ganz vernünftig, oder?

1: Chung MK, Chung D, LaRiccia PJ: Tongue piercing and chronic abdominal pain with nausea and vomiting--two cases. Explore (NY) 2015; Jan-Feb; 11(1): 59-62. doi: 10.1016/j.explore.2014.10.004. Epub 2014 Oct 23.

Auschra

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