Alzheimer: wenn das Herz der Angehörigen bricht…

Wer demente Angehörige pflegt, muss nicht nur mit einer anstrengenden körperlichen und psychischen Belastung zurechtkommen. Viele Therapieansätze gibt es ja nicht gerade. Über ein paar hatte ich hier mal berichtet. Wer Verwandte pflegt, hat nicht nur nebenher den Job eines Altenpflegers zu erledigen (wie deren Alltag aussieht, habe ich auch mal erfahren und aufgeschrieben). Neben diesem Job gibt es für Angehörige ja auch noch den Schmerz zu ertragen, der durch den häppchenweise stattfindenden Verlust eines wichtigen Menschen entsteht. Es ist längst bekannt, dass pflegende Angehörige von Demenzkranken ein erhöhtes Risiko für Depressionen oder Burnout haben. Je enger die Beziehung, desto größer die Erschöpfung. Auch der Begriff „sozialer Schmerz“ wird für die Situation der Angehörigen genutzt. Wer Schmerzen hat, greift zu Schmerztabletten. Gilt das auch für diesen „sozialen Schmerz“? Eine ungewöhnliche Frage!

Schmerzmittel gegen sozialen Schmerz?

Um diese Frage zu beantworten, wurde in Polen eine Studie mit 127 Angehörigen von Alzheimerkranken durchgeführt. Voraussetzung für die Teilnahme war die Betreuung eines dementen Angehörigen seit mindestens einem Jahr und mindestens sechs Stunden täglich. Die Pflegenden beantworteten Fragen zur aktuellen und früheren emotionalen Bindung zum Patienten sowie zur eigenen Befindlichkeit. Um die Antworten vergleichbar zu machen, wurden Skalen benutzt, wo man Werte von 1 bis 10 ankreuzen konnte. Die meisten Pflegenden waren Kinder der Demenzkranken, seltener Ehepartner oder Freunde.

Die Verfassung der Angehörigen war erschreckend schlecht:

  • mehr als 35 Prozent litten an Depressionen
  • fast die Hälfte hatte mindestens eine chronische Krankheit
  • rund 87 Prozent hatten Schmerzen („in der vergangenen Woche“)
  • über 93 Prozent nahmen mindestens einmal pro Woche Schmerzmittel (ohne Rücksprache mit dem Arzt)
  • durchschnittlich wurden drei Schmerztabletten pro Woche eingenommen
  • 8 Prozent nahmen täglich Schmerzmittel

Interessanterweise waren Schmerzen häufiger, wenn die Bindung an den Demenzkranken und das Gefühl von Verlust stärker war.

Die Autoren erinnern daran, dass es in Polen erwartet wird, sich für andere Familienmitglieder aufzuopfern. Man muss mit negativen Reaktionen rechnen, wenn man in der Öffentlichkeit zugibt, dass die Versorgung des Kranken zu viel wird oder zu schwierig ist. Ob diese Einschätzung so auch für Deutschland gilt?

„Schmerz ist ein häufiges Symptom von pflegenden Angehörigen Demenzkranker“, schlussfolgern die Autoren. Sie sehen durchaus einen Zusammenhang zwischen Schmerzen und dem sozialen Schmerz, der aus dem Verlust eines geliebten Menschen resultiert. Sie warnen davor, dass Schmerzmittel im Übermaß eingesetzt werden, um auch die sozialen Schmerzen zu bekämpfen.

 

Quelle: Wojtyna E, Popiołek K: The pain of a heart being broken: pain experience and use of analgesics by caregivers of patients with Alzheimer's disease. BMC Psychiatry. 2015 Jul 28;15:176. doi: 10.1186/s12888-015-0571-1.

 

 

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*