„Alzheimer ist heilbar“. Hm. Echt?

So ein Buchtitel macht neugierig. Zumal, wenn der Autor nicht irgendein selbst ernannter Experte für irgendein Mittelchen ist, sondern ein gestandener Arzt. Er heißt Dr. med. Michael Nehls. Ein erster Blick ins Buch zeigt, dass Nehls seine Aussagen belegt. Wenn er zum Beispiel schreibt, dass in einer Studie neun von zehn Alzheimer-Patienten geheilt werden konnten, dann steht hinter dieser Aussage eine Ziffer, die zu einer Literaturstelle führt. So kann ich in Datenbanken nach dem Artikel suchen und prüfen, ob sich die Aussage des Autors tatsächlich aus der Studie ergibt. Ich muss ihm nicht glauben, ich kann seine Behauptungen nachprüfen.

Ich lese mir also die Studie mit den zehn Alzheimer-Patienten durch. Erschienen ist sie im Jahr 2014 und da beschreibt tatsächlich ein Arzt aus dem kalifornischen Alzheimer-Forschungszentrum, dass er neun von zehn Patienten mit seinen Therapieansätzen helfen konnte, das Gedächtnis wieder zu verbessern oder wiederherzustellen. Leider keine Studie, in der zehn zufällig ausgewählte Patienten untersucht und behandelt wurden, sondern zehn Fallbeispiele. Vielleicht hat er 1000 andere Patienten erfolglos behandelt? Aber bei einer angeblich unheilbaren Krankheit wie Alzheimer machen mich diese Daten trotzdem extrem neugierig.

Was ist Alzheimer?

Typisch für Menschen mit Alzheimer ist – wenn man den üblichen Veröffentlichungen glauben darf – ein fortgeschrittenes Alter, eine genetische Belastung und eine gewisse Aussichtslosigkeit. Es klingt jedenfalls immer ein bisschen ratlos, wenn Ärzte über die nicht vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten sprechen. Akzeptanz des Schicksals, Aktivierung von Körper und Geist und genügend Schlaf sollen helfen, besser mit der Krankheit zurechtzukommen. Oder notfalls ein Demenzdorf

Nehls sieht das etwas anders, für ihn ist Alzheimer eine kulturbedingte Mangelkrankheit. Er ist überzeugt, dass unsere Lebensweise die Ursache von Demenz ist. Die typischen Ursachen von Alzheimer sind für ihn Bewegungsmangel, Unterversorgung mit Vitaminen oder Spurenelementen, Vereinsamung oder Schlafmangel. All das reicht seiner Ansicht nach aus, um das natürliche Wachstum unserer Gedächtniszentrale zu behindern und das Alzheimer-Erkrankungsrisiko zu steigern.

Die Therapie oder Prävention ist damit klar: Bewegung, gute Ernährung, soziale Kontakte und viel Schlaf. Das sind zwar ganz ähnliche Maßnahmen wie die unterstützenden Maßnahmen der „normalen“ Neurologen ein paar Zeilen weiter oben. Aber sein Ansatz ist anders. Beim Lesen begreift man, dass er mit Sport nicht einfach ein paar Stunden Seniorengymnastik pro Monat meint, sondern eher ein Marathontraining. Gute Ernährung heißt für ihn nicht, dass etwas weniger Billigfleisch und Süßes konsumiert werden. Er denkt eher an Fastenprogramme und Vitamine. Und selbst die sozialen Kontakte sind bei ihm nicht ein Besuch mit den Enkelkindern im Zoo, sondern ziehen eine komplette Lebensumstellung nach sich, wenn man die Idee ernst nimmt.

Einfach ist das Nehls-Programm deshalb sicher nicht. Wer in unserer Gesellschaft erfolgreich sein oder auch nur halbwegs zurechtkommen will, der lernt früh, seine Bedürfnisse zu ignorieren. Böse ausgedrückt: Man passt nicht ins Büro, wenn man konsequent seine Bedürfnisse an die erste Stelle stellt. Wer täglich Sport treiben will sich anschließend darum bemüht, dass die sozialen Kontakte nicht verkümmern und dann auch noch genug Schlaf bekommen will, der hat einfach nicht genug Zeit zum Arbeiten. Aber vielleicht genug Zeit, um mehr aus dem Rest seines Lebens zu machen.

Und jetzt?

Nehls schreibt natürlich nicht nur, er hat auch ein Konzept zur Alzheimer-Therapie oder Prävention entwickelt, das AtnN-Konzept. Hier findet man ein paar AtnN-Ärzte.

Viele Experten haben sich bereits kritisch zu Nehls’ Thesen geäußert. „So einfach ist es nicht“, lautet der Tenor oft. Ich glaube, sie haben sich nicht klar gemacht, was der Versuch, gesund zu leben, tatsächlich bedeutet. Einfach? Doch wohl eher schwierig bis unmöglich! Geäußert haben sich andererseits aber auch andere Ärzte, die ebenfalls nach Heilung für Alzheimer-Patienten suchen – und dabei offenbar Erfolg haben! Dr. med. Wolfgang Karner zum Beispiel. Ob es noch mehr gibt oder er der einzige Arzt mit solchen Erfolgen ist? Ich weiß es nicht und habe auch gerade nicht allzu viel Zeit zum Suchen. Falls jemand weitere Ärzte kennt, bitte ich um Nachricht! Jedenfalls schreibt Karner, dass er nach 6- monatiger intensiver Therapie in seiner Praxis die Erkrankung bei mehreren Patienten stoppen konnte. Man kann es auf seinem Facebookeintrag vom 30. September 2016 nachlesen: Die Ergebnisse neurologischer Tests seien bei sieben von zehn Patienten wesentlich besser geworden, bei drei Patienten konnte die Erkrankung gestoppt und ein Fortschreiten verhindert werden.

Immerhin!

Karner und Nehls würde ich gerne mal interviewen. Ich denke schon mal über ein paar gute Fragen nach…

Michael Nehls: Die Alzheimer-Lüge: Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit

Heyne Verlag September 2014, 1. Auflage, 464 Seiten, Broschiert 16.99 €, Kindle Edition 13.99 €, ISBN-13: 978-3453200692

 

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